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Tote werden von Geiern gefressen!

Das ungewöhnliche Bestattungsritual der Parsen im „Turm des Schweigens“ in Mumbai

Eine historische Aufnahme des Turm des Schweigens im indischen Mumbai (damals noch Bombay) aus dem Jahr 1890. Da der Zutritt zu dem Gelände Außenstehenden streng untersagt ist, existieren nur wenig aktuelle Bilder des Ortes
Eine historische Aufnahme des Turm des Schweigens im indischen Mumbai (damals noch Bombay) aus dem Jahr 1890. Da der Zutritt zu dem Gelände Außenstehenden streng untersagt ist, existieren nur wenig aktuelle Bilder des Ortes Foto: Getty Images / Pictures from History/Universal
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

6. August 2025, 17:14 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

In Indien hängen mehrere zehntausend Menschen der uralten Glaubensgemeinschaft des Zoroastrismus an. Deren Mitglieder werden auf eine ganz besondere Weise bestattet: Man wirft die sterblichen Überreste Raubvögeln zum Fraß vor. In der Mega-Metropole Mumbai befindet sich ein sogenannter Turm des Schweigens, in dem das Ritual auch heute noch praktiziert wird. Doch bereits seit Jahren ist die Praxis in Gefahr – nicht aber wegen Ärger mit Behörden oder Moralisten, sondern aufgrund eines dramatischen Vogelsterbens.

Das Nobelviertel Malabar Hill in Indiens Mega-Metropole Mumbai könnte man wohl in einem Atemzug mit Bel Air in Los Angeles oder Chelsea in London nennen. Doch inmitten all des Prunks und Reichtums liegt ein Ort, der wohl den Meisten einen kalten Schauer über den Rücken jagen dürfte. Denn in einer dreihundert Jahre alten, weitläufigen Parkanlage befindet sich hier ein sogenannter Turm des Schweigens. Und in diesem praktizieren Anhänger der uralten Religion des Zoroastrismus auch heute noch ein nicht eben alltägliches Begräbnisritual. Denn anstatt die Verstorbenen auf „traditionelle“ Weise zu beerdigen, finden hier regelmäßig „Himmelsbestattungen“ statt. Hierbei werden die sterblichen Überreste der Glaubensbrüder bzw. -Schwestern Geiern zum Fraß vorgeworfen.

Wie der „Guardian“ berichtet, existiert diese für unser westliches Verständnis eher unorthodoxe Praxis bereits seit dem 9. Jahrhundert. Sie geht demnach zurück auf den iranischen Philosophen und Religionsgründer Zarathushtra, auch bekannt unter dem Namen Zoroaster. Laut seiner Lehre ist jeder menschliche Körper während seiner Lebzeit von bösen Geistern bewohnt, weswegen eine Verbrennung, Erdbestattung oder eine Beisetzung auf dem Wasser für die Anhänger des Zoroastrismus als inakzeptabel gilt. Lediglich dem Element der Luft maß man diese Bedeutung bei, denn dem Glauben nach stieg die Seele durch dieses und das „mystische Auge“ der Raubvögel allein zum Himmel auf. Der Akt der Selbstaufopferung an die Vögel auf einem Turm des Schweigens galt dabei als ultimatives Zeichen der Güte.

Turm des Schweigens
Eine historische Aufnahme des Turm des Schweigens im indischen Mumbai (damals noch Bombay) aus dem Jahr 1890. Da der Zutritt zu dem Gelände Außenstehenden streng untersagt ist, existieren nur wenig aktuelle Bilder des Ortes Foto: Pictures from History/Universal

Eine halbe Stunde, um einen Körper zu zerfleischen

Diese Praxis, bezeichnet als Dokhmenashini, führen die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft auch heute noch durch. Hierbei wird der Körper eines Verstorbenen in einen Turm des Schweigens (Dakhma) gebracht und dort innerhalb drei konzentrischer Kreise auf dessen offener Plattform abgelegt. Der äußerste Ring ist den Männern gewidmet, der mittlere den Frauen und der innerste den Kindern. Im Iran, wo die Religion sich ursprünglich entwickelte, ist sie seit den 1970er Jahren offiziell verboten. Schon ab dem 9. Jahrhundert trugen sie aber Anhänger in alle Welt, als sie vor dem sich ausbreitenden Islam flohen. So gelangte sie bis nach Indien, wo sie heute laut Schätzungen immer noch bis zu gut 60.000 Mitglieder hat. Die Tradition des Zoroastrismus selbst ist etwa 3000 Jahre alt.

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Einmal in einen Turm des Schweigens verbracht, brauchen die Raubvögel etwa eine halbe Stunde, bis sie sämtliches Fleisch von den Knochen gerupft haben. Die Parsen, wie die Anhänger des Zoroastrismus genannt werden, betrachten diese Art der „Bestattung“ als besonders rein. Angehörige von Verstorbenen verbringen zuvor drei Tage lang nur für sich auf dem für die Außenwelt unzugänglichen Gelände in Malabar Hill. Nur wenn innerhalb dieser Zeit die alten Rituale und Gebete durchgeführt werden können, ist der Seele ein problemloser Übergang in ein besseres Jenseits garantiert. Doch die jahrhundertealte Tradition ist bereits seit einigen Jahren in Gefahr.

Dramatisches Geier-Sterben

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Schuld daran sind allerdings nicht übereifrige Behörden oder Einwohner des Nobelviertels, denen die Praxis ein Dorn im Auge wäre. Vielmehr lässt sich bereits seit den frühen 1990er Jahren ein dramatisches Massensterben unter Mumbais Geiern beobachten. Schuld daran ist ein eigentlich für den menschlichen Konsum entwickeltes Medikament namens Diclofenac. Als Mittel gegen Schmerzen und Entzündungen zugelassen, wurde eine Version davon bald auch Rindern verabreicht. Und genau dieses erwies sich als tödlich für Geier, die sich an verstorbenem Vieh gütlich taten. Als die Arznei in Indien 2006 wieder verboten wurde, hatte sie bereits 95 Prozent der landesweiten Geier-Population auf dem Gewissen.

Ein Versuch, die Tiere vor Ort nachzuzüchten, schlug letztlich fehl. Gerüchte, dass sich in der Folge auf dem Turm des Schweigens in Mumbai die Leiche nur so stapelten, machten schnell die Runde. Schließlich probierten die Zoroastrier eine andere, nicht weniger ungewöhnliche Methode. Man stellte Solarkonzentratoren auf. Diese bündeln das Sonnenlicht, und durch die so produzierte Hitze verwesen die Leichen schneller. Auch zogen einige Mitglieder die Kremation als Alternative in Betracht. Doch diese Praxis wird von den Traditionalisten der Glaubensgemeinschaft noch immer als unrein verdammt. Menschen, die diesen Ritus bei ihren verstorbenen Verwandten durchführen lassen wollten, wurde mitunter sogar der Zutritt zu dem heiligen Gelände verwehrt, auf dem sich auch der Turm des Schweigens befindet.

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Letztlich ist die ungewöhnliche Tradition aber auch durch die moderne Welt bedroht. In früherer Zeit stand ein Turm des Schweigens in der Regel etwas außerhalb einer Ansiedlung. Durch das Wachstum der Städte befinden sie sich heute aber nicht selten in zentraler Lage. Und natürlich gibt es auch immer wieder Offizielle, die das ihnen archaisch anmutende Ritual am liebsten ganz verbieten lassen möchten. Wahrhaft barbarisch wäre es aber, einer ganzen Glaubensgemeinschaft mit zehntausenden Mitgliedern ihre Vorstellungen von einem Übergang ins Jenseits zu verbieten. Mag das Bestattungsritual der Zoroastrier einigen auch als nicht zeitgemäß erscheinen – weltweit einzigartig und daher schützenswert ist es auf jeden Fall.

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