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Grausiger Mittelalter-Fund

Wharram Percy – das englische Dorf der „lebenden Toten“

Wharram Percy
Die Kirche von St. Martin ist das einzige sichtbare Überbleibsel des Dorfes Wharram Percy – in dem die Bewohner offenbar an „lebende Tote“ glaubtenFoto: Getty Images

In den 1960er Jahren entdeckte man in dem verlassenen Dorf Wharram Percy die sterblichen Überreste einiger ehemaliger Bewohner – auf das grausamste verstümmelt. Die Erklärung dafür klingt wie aus einem Horror-Film.

Von dem kleinen Dorf Wharram Percy in der englischen Provinz Yorkshire ist heute nicht viel mehr als die Ruine der Kirche St. Martin übrig. Es ist eines von tausenden Dörfern auf der Insel, die in den vergangenen Jahrhunderten von ihren Bewohnern verlassen wurden. An sich wäre Wharram Percy also nichts Besonderes, hätte man nicht in den 1960er Jahren hier die grausame Entdeckung gemacht.

Damals fand man bei Ausgrabungen die sterblichen Überreste von mindestens zehn Menschen, insgesamt 137 Knochen, wie der britische „Guardian“ berichtet. Die Knochen zeigten Spuren von grausamer Misshandlung: Sie waren an zahlreichen Stellen gebrochen, manche zeigten Verbrennungsspuren, Köpfe waren von Körpern abgetrennt worden. Doch es dauerte mehr als 50 Jahre, bis man herausfand, was mit den Menschen in Wharram Percy passiert war.

Angst vor den „lebenden Toten“

Wharram Percy
Der Wissenschaftler Simon Mays präsentiert auf einem Bild aus dem Jahr 2007 einige der Funde aus Wharram PercyFoto: dpa Picture Alliance

2017 führten Wissenschaftler an den Knochen Untersuchungen durch. Die Spekulationen über ihren Zustand waren zahlreich, so mutmaßte man unter anderem, die gefundenen Körper könnten Opfer eines gewaltsames Angriffs oder gar Kannibalismus geworden sein – was im ländlichen, mittelalterlichen England, das oft von Hungersnöten geplagt wurde, durchaus keine Seltenheit gewesen wäre.

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Die wahre Erklärung ist allerdings nicht weniger gruselig, wie die Forscher feststellten. Offenbar richtete man die Menschen von Wharram Percy so zu, um sie daran zu hindern, von den Toten aufzuerstehen. Die Angst vor „lebenden Toten“ war damals weit verbreitet, noch heute findet sie sich in der Folklore zahlreicher Kulturen weltweit. Die Verstümmelungen wurden dabei nach dem Tod der Menschen vorgenommen.

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„Die dunkle Seite des Mittelalters“

Man glaubte damals, dass Tote wiederauferstehen könnten, um Krankheiten zu verbreiten oder auch die Lebenden anzugreifen. Daher enthauptete und verstümmelte man Menschen kurz nach ihrem Tod, um sie genau daran zu hindern. Einer der Wissenschaftler, die an der Studie teilnahmen, sagte dazu dem „Guardian“: „Die Vermutung, dass die Knochen von Wharram Percy die Überreste von verbrannten und verstümmelten Leichen sind, passt am besten mit der Beweislage zusammen. Das zeigt uns die dunkle Seite des Mittelalters und auch, wie anders das mittelalterliche Weltbild von unserem heutigen war.“

Die Enthauptung und Verstümmelung der Toten war damals durchaus gängige Praxis, wie laut „Guardian“ in mittelalterlichen Quellen nachzulesen ist. Die Überreste von Wharram Percy selbst kann man heute besuchen. Das Dorf war laut der Kultur-Institution „English Heritage“ vermutlich vom 9. bis zum 16. Jahrhundert bewohnt. Seit 1948 finden hier Ausgrabungen statt, der Ort ist heute eine Art Freiluftmuseum. Und spätestens seit bekannt ist, was hier einst mit den Toten passierte, ist Wharram Percy auch ein kleiner Touristenmagnet.