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Warum die „hässlichste Stadt der Welt“ einen Besuch wert ist

Verlassene Fabriken und Industrieflair: Diese Stadt trägt den Titel „hässlichste Stadt der Welt“
Verlassene Fabriken und Industrieflair: Diese Stadt trägt den Titel „hässlichste Stadt der Welt“ Foto: Getty Images
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Delia Krumhaar
Werkstudentin

28. Januar 2026, 13:01 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Kennen Sie schon die „hässlichste Stadt der Welt“? Tatsächlich gibt es eine Stadt, die schon seit Jahren als Inbegriff von urbaner Trostlosigkeit gilt. Grauer Beton und verlassene Industrieanlagen prägen hier das Bild – vom ästhetischen Postkartenmotiv fehlt jede Spur. Die Rede ist von Charleroi im Süden Belgiens. Was diese Stadt wirklich zur „hässlichsten der Welt“ macht und warum sie sich in Zeiten der Popkultur dennoch für einen Besuch lohnt, erfahren Sie hier.

Bei belgischen Städten denkt man vor allem an kopfsteingepflasterte Altstädte, Glockentürme und Cafés mit frischen Waffeln. Doch in dieser Stadt heißt es Industrie statt Idylle: Charleroi ist kein klassisches Reiseziel, sondern vielmehr ein Ort für echte Entdecker. Wer Städte nicht nur nach Schönheit beurteilt, sondern auch nach Geschichte, Atmosphäre und Wandel, ist hier genau richtig. Und genau darin liegt der Reiz in der „hässlichsten Stadt der Welt“ – die gerade wegen dieses Rufs Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Warum ist Charleroi die „hässlichste Stadt der Welt“?

Laut der „FAZ“ geht der Titel „hässlichste Stadt der Welt“ auf eine internationale Abstimmung der niederländischen Tageszeitung „de Volkskrant“ aus dem Jahr 2008 zurück. Seitdem trägt Charleroi diesen Namen, der auch von Medien und Reiseführern wiederholt aufgegriffen wird. Das Label hat sich zu einem Image entwickelt, das einige Einwohner schon ironisch belächeln. Doch es findet sich in dieser Stadt einiges, was dem Ruf auch gerecht wird: riesige, brachliegende Industrieflächen, alte Fördertürme und stillgelegte Fabriken prägen das Gesamtbild. Charleroi war im 19. und frühen 20. Jahrhundert durch Kohleabbau, Stahlproduktion, Glas- und Chemieindustrie eines der industriellen Zentren Belgiens. Mit dem Niedergang dieser Industrie ab den 1970er Jahren blieben die riesigen Fabrikkomplexe sichtbar – und ziemlich dominant.

Wer genauer hinschaut, sieht aber nicht nur Verfall, sondern auch ein überschaubares, aber lebhaftes Umdenken im Hinblick auf Stadtgestaltung. Diese Mischung aus industriellem Erbe, popkulturellen Einflüssen und gezielter Stadterneuerung erklärt, warum Charleroi heute sowohl als morbides Reisemotiv als auch als Experimentierfeld für Kreative wahrgenommen wird. Was andernorts abgerissen oder versteckt wird, ist hier Teil der wahren Identität. Charleroi präsentiert sich nicht als sanierte Vorzeigeschönheit, sondern als Stadt im Prozess. Der Verfall ist zwar sichtbar, aber spielt gerade heute eine positive Rolle: Alte Industrieflächen dienen jetzt als Kulisse für Kultur, Pop und urbane Experimente.

In Charleroi liegen Verfall und Erneuerung oft dicht beieinander
In Charleroi liegen Verfall und Erneuerung oft dicht beieinander Foto: picture alliance / CHROMORANGE

Urbane Popkultur und Street-Art

Charleroi ist heute kein ausgestorbener Ort: Aus dem ursprünglichen Umfeld ist eine besondere Form des Tourismus entstanden. Die Stadt gilt als Ziel für „Urban Explorer“, Fotografen und kulturinteressierte Reisende – Kreativität steht hier im Vordergrund. Eine zentrale Rolle spielt dabei die „Boucle Noire“ – ein 20 Kilometer langer Rundweg durch ehemalige Industriegebiete und vorbei an Street-Art-Orten. Entwickelt wurde die Route ursprünglich als künstlerische Intervention – heute wird sie offiziell beworben und häufig mit Guides begangen. Auch geführte Touren durch das postindustrielle Erbe der Stadt werden angeboten – nicht, um die „hässlichste Stadt der Welt“ zu beschönigen, sondern, um ihre Geschichte einzuordnen.

Parallel dazu spielt Kunst in Charleroi eine immer größere Rolle. Im öffentlichen Raum prägen Street-Art-Projekte wie „Urban Dream“ ganze Straßenzüge entlang des Flusses Sambre und früherer Industriebereiche. Zwischen Schornsteinen, Kränen und alten Werkhallen entstehen somit unerwartet farbige Kontraste, die dem Stadtbild einen neuen Glanz verleihen. Ein bekanntes Beispiel ist der großformatige Schriftzug „Bisous M’Chou“ am Grand Palais, der längst zu einem Symbol des neuen Selbstbewusstseins der Stadt geworden ist. Aus dem Motiv entstanden sogar Bier- und Merchandising-Ideen – ironisch, aber identitätsstiftend.

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Kulturorte und Wahrzeichen

Auch institutionell hat sich Charleroi geöffnet. Die Stadt beherbergt das größte Fotografie-Museum Europas mit einer Sammlung von mehr als 80.000 Werken, untergebracht in einem ehemaligen Kloster. Kulturorte wie das Zentrum Le Vecteur bieten Raum für Konzerte, Ausstellungen und experimentelle Formate. Hinzu kommen sichtbare Bezüge zur Comic-Tradition der Region rund um den Verlag „Dupuis“, aus dem weltbekannte Figuren wie das Marsupilami hervorgegangen sind.

Kultur und Geschichte treffen schließlich an einem ungewöhnlichen Ort zusammen: Der über 70 Meter hohe Belfried am Rathaus gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und erinnert daran, dass Charleroi mehr ist als nur ein ehemaliger Industriestandort. Wer genauer hinschaut, entdeckt neben dem Verfall auch neue Ideen – und eine Stadt, die beginnt, ihre industrielle Geschichte neu zu deuten.

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Eine Stadt für neugierige Reisende

Charleroi setzt auf einen Wandel, der schrittweise erfolgt, statt auf spektakuläre Prestigeprojekte zu setzen. So bleibt der Kontrast zwischen Alt und Neu sichtbar – und ist genau so gedacht. Auch der Zuzug von Künstlern, Kreativen und jungen Unternehmern ist eher ein langsamer Prozess als ein Boom. Niedrige Mieten, große Räume und wenig Konkurrenz machen die Stadt attraktiv für diejenigen, die woanders keinen Platz mehr finden – oder sich bewusst für diese alternative Stadt entscheiden.

Wer romantische Altstädte oder makellose Fassaden sucht, wird hier enttäuscht sein. Um jedoch zu verstehen, wie europäische Städte mit industriellem Erbe umgehen und es authentisch weiterentwickeln, findet man in Charleroi einen bemerkenswerten Ort.

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