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Was ich bei meiner ersten Himalaya-Gebirgstour am meisten unterschätzt habe

Annapurna
Wer im Hochgebirge wandert, sollte gut vorbereitet sein Foto: picture alliance / Westend61 | Alun Richardson
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TRAVELBOOK Redaktion

3. August 2026, 17:17 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Julia, 55, Globetrotterin, ist jedes Jahr weltweit einige Monate lang auf Reisen. Eines ihrer Abenteuer führte sie mit ihrem Freund nach Nepal, wo sie im Februar ihre erste mehrtägige Wanderung im Hochgebirge zurücklegte. Das Paar wählte den Annapurna Circuit – eine beliebte Tour durch ein beeindruckend schroffes Bergmassiv im Herzen des Himalayas. Großartige Kulisse für einmaligen Naturgenuss, aber auch gewaltiges Risiko für unvorbereitete Trekkingfreunde.

Mit einer Gesamthöhe von 8091 Metern zählt der Annapurna zu den höchsten Bergen der Erde, umfasst mehrere Gipfel, umgeben von tiefen Tälern. Da das Paar für solche Höhen nicht trainiert war, planten sie, 5416 Meter am Thorong La-Pass nicht zu überschreiten. Ihnen war klar, dass sie sich erst langsam akklimatisieren mussten, um Höhenkrankheit zu vermeiden. Im Nachhinein stellte Julia jedoch fest, dass nicht nur eine bessere Vorbereitung, sondern auch größeres Wissen hilfreich gewesen wäre. Nicht umsonst sterben auf einem der gefährlichsten Berge der Welt jedes Jahr Menschen. Unterwegs stieß Julia an ihre Grenzen, traf aber andere, denen es übler erging. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Annapurna-Rundweg

Protokoll: Alexandra Cavelius

Von Kathmandu starteten wir in einem der klapprigen Busse zu unserem Ausgangsort Bhulbhule, einem Dorf im Lamjung-Distrikt auf 840 Metern Höhe. Nach etwa zehn Stunden Fahrt sind wir dort angekommen. Uns war klar, dass wir uns die nächsten Tage langsam fortbewegen mussten, um unsere Etappen, von Lodge zu Lodge, in diesen Höhenlagen gut zu bewältigen. Täglich kalkulierten wir rund sechs Stunden Wanderzeit ein. Im Nachhinein betrachtet sind wir recht naiv gestartet.

In wenigen Tagen tausende Meter hoch

In sieben Etappen mehrere tausend Meter hoch zum Gipfel, so lautete unser Ziel. Außerhalb der Saison waren im Februar nur wenige Leute unterwegs. Uns erwarteten Märsche durch menschenleere und spektakuläre Landschaften. Schroffes Gebirge. Schnee. Immer wieder kleine Dörfer zwischendrin, die wir anpeilten. Ab 2000 Metern habe ich zum ersten Mal konditionelle Schwäche und Anstrengung gespürt. Ab 3000 Metern machte mich die dünne Luft zunehmend schwerfälliger und kurzatmiger. Ausgiebige Pausen waren da angesagt. Am fünften Tag legten wir, bei 3500 Höhenmetern, zur Stärkung einen „Akklimatisierungs“-Tag in unserer Unterkunft in Manang ein, schliefen viel, tranken heißen Tee mit Honig und aßen gut. 

Mit jedem Atemzug in steigender Höhe nimmt der Körper in der dünnen Luft weniger Sauerstoff auf. Um den Mangel auszugleichen, steigen automatisch Atem- und Herzfrequenz. Eine gute Anpassung aber schafft nur, wer sich genug Zeit nimmt. Deshalb ist es auch wichtig, nicht mehr als 300 bis 500 Höhenmeter pro Tag einzuplanen. Bislang aber hatte ich relativ gut durchgehalten. „Ihr müsst in der trockenen Luft viel trinken und euch gegenseitig gut beobachten“, hatten uns Einheimische empfohlen. Niemals solle man Symptome wie dumpfe Kopfschmerzen oder starke Atemnot ignorieren, um lebensgefährliche Ödeme in Gehirn oder Lunge zu verhindern. Bei leichten Beschwerden helfen Pausen, aber bei Verschlechterung nur Absteigen. 

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„Warum tue ich mir das bloß an?“

Zum Glück war uns weder übel noch schwindelig, was oft die ersten Frühwarnzeichen dieser Bergkrankheit sind. Und unter Appetitlosigkeit litten wir auch nicht. Im Gegenteil. Unsere Mägen knurrten. Und die größte Freude war nach dem Wandern der warme Ofen im Hauptraum und das gute Essen in den einfachen Unterkünften. Nachts war es so eisig, dass wir mit Daunenjacke, doppelter Hosenmontur und Mütze auf dem Kopf schliefen. 

Letztlich hing in solchen Höhen alles davon ab, wie fit man war und mit welcher Kondition man startete, denn die verbesserte sich erst nach und nach. Je mehr Kraft mich jeder Schritt kostete, desto mehr sank meine Laune wie die sinkenden Außentemperaturen in den Keller. „Warum tue ich mir das bloß an?“, jammerte ich. Mein Freund motivierte mich, durchzuhalten.

Auf knapp 4700 Metern konnte ich nachts nur schlecht schlafen, bekam zu wenig Luft, setzte mich auf und nickte in dieser Haltung ein, um wieder nach Luft zu schnappen. Höchste Zeit, am nächsten Tag nochmal rund 300 Höhenmeter abzusteigen, um sich an den sinkenden Luftdruck zu gewöhnen, so wie es Profis empfahlen.

Das Ziel auf 5416 Metern immer vor Augen
Das Ziel des Annapurna-Circuit auf 5416 Metern immer vor Augen Foto: picture alliance / Jochen Schlenker/robertharding
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Schauermärchen von verschollenen Wanderern

In den Lodges hörte man immer wieder Schauermärchen von verschwundenen Wanderern, die sich verirrt hatten. Auch wir hatten für den Notfall eine Versicherung mit Bergung durch einen Rettungshubschrauber abgeschlossen, aber nicht selten suchten die Piloten vergebens. Nicht nur der geschwächte Körper versagt in der Höhe seine Dienste, auch das Denken funktioniert irgendwann nicht mehr. Extreme Verwirrtheit, Wesensveränderung und Gleichgewichtsstörungen können beispielsweise die Folgen sein. Genauso wie trockener Husten oder extreme Atemnot, selbst im Ruhezustand. So schlimm erging es uns zum Glück nicht.

Die letzte Etappe lag vor uns. Morgens stiegen wir im Dunkeln, bei 4900 Höhenmetern, zum Pass auf. Schleppend, als klebten Gewichte an den Füßen. Schwer atmend. Ich fühlte mich wie eine alte Frau. Auf etwa 5000 Höhenmetern erkannten wir, zuerst nur schemenhaft, auf einem Felsen eine zusammengekauerte Gestalt. Völlig erschöpft. Es war ein junger Koreaner aus unserer letzten Unterkunft. „Mir fehlt nichts“, murmelte er apathisch und lehnte unsere Hilfe ab. Wir wussten, dass kurz nach uns eine Gruppe mit einem einheimischen Guide folgte, die mit ihm sofort absteigen würde. Sonst hätten wir ihn dort nicht alleine seinem Schicksal überlassen dürfen. Seine Sauerstoffsättigung war extrem niedrig, erfuhren wir später.

Jeder Schritt ein Kraftakt

Wir mussten weiter, um unsere Kräfte zu sparen. Wie beschwerlich das war! Jeder Schritt ein Kraftakt. Jedes Kilo im Rucksack eins zu viel. Aber dann hatten wir es auf dem Zickzack-Pfad endlich bis zum Gipfel geschafft! Gebetsfahnen wehten hier oben im Eiswind. Der weite Blick über die Gebirgskette war Belohnung genug für diese unglaubliche Strapaze. Ein Gefühl von Glück und Erleichterung durchflutete uns.

Beim Abstieg war meinem Freund jedes Mal übel, wenn wir anhielten, also stiegen wir möglichst zügig über das Geröll ab. Wieder unten angekommen, waren wir zunächst wie erschlagen. Aber, nachdem wir ausgeschlafen hatten, fühlten wir uns federleicht. Und kraftvoll, energiegeladen und jung wie lange nie zuvor.

Das nächste Mal jedoch, so war mir klar, würde ich mich für so eine Tour im Hochgebirge besser vorbereiten und trainieren. Seit 2023 ist Trekking übrigens offiziell nur noch mit lizenziertem Guide erlaubt – was sicherlich sinnvoll ist.

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