Sechs Etappen, zwei Tage

Mit dem Rad um den Chiemsee

Chiemsee Radtour
Der Chiemsee liegt südöstlich von München
Foto: dpa Picture Alliance

In drei Stunden mit dem Fahrrad um den Chiemsee? Das ist möglich. Aber in zwei Tagen geht das auch – und dann kann man auch ein bisschen die Gegend genießen. Und die hat es in sich.

: Es gibt viel zu entdecken, wenn das Tempo gemächlich bleibt, inklusive ein paar lohnender Abstecher.

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Radreise um den Chiemsee in 6 Etappen, verteilt über 2 Tage

SÜDUFER: Von Übersee nach Bernau

Die Gemeinde Übersee an der Südostecke des Sees ist ein exzellenter Ausgangspunkt für eine Umrundung – weil er perfekt passt, um diese auch wieder zu beenden. Zum Start muss man sich erst mal überlegen: Welcher Radweg soll’s denn sein? Da ist zum einen der 57 Kilometer lange, auf Karten blau eingezeichnete Chiemsee-Rundweg. Er ist für langsame Radler, Familien, Nordic-Walker und Fußgänger gedacht. Und es gibt zum anderen den 55 Kilometer langen und orangefarben markierten Chiemsee-Radweg für sportliche, schnellere Radfahrer.

Chiemsee

Auf zwei Rädern um den Chiemsee – wie hier bei Seebruck erkunden viele Touristen das „Bayerische Meer“ gerne vom Fahrradsattel aus

„Auf dem Chiemsee-Radweg ist man manchmal etwas mehr auf der Anhöhe unterwegs und hat dann einen schönen Blick auf den See“, sagt Nina Glasow von Chiemgau Tourismus. Der Chiemsee-Rundweg dagegen bleibt manchmal näher am Ufer, dafür muss man die Fußgänger in Kauf nehmen.

Der gemütlichere Rundweg, bei dem man den See aber erstmal aus dem Blick verliert, geht durch Wälder, an Kühen vorbei und am Naturschutzgebiet Kendlmühlfilzen entlang, eines der größten Hochmoore Süddeutschlands, wo bis 1985 Torf abgebaut wurde.

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WESTUFER: Von Bernau nach Gstadt

Prien, etwas nördlich von Bernau, ist der größte Ort am Chiemsee. Hier wird es merklich voller, am Hafen steht der Parkplatz voller Busse und Autos, Tour-Anbieter verkaufen Tickets für Ausflüge. Mit dem Fahrrad geht es irgendwann nur noch schiebend voran. Bis zum Anleger am Ende der Seestraße sollte man sich aber vorkämpfen. Von der Promenade aus blickt man auf Schloss Herrenchiemsee, das Bayerns König Ludwig II. von 1878 bis 1885 auf der Herreninsel bauen ließ.

ERSTER ABSTECHER: Zur Ratzinger Höhe

Wer einen ganz anderen Ausblick auf den See genießen will, kann sich in Prien nach Westen wenden – und wird anschließend fluchen und beten, immer abwechselnd. Der Grund: Ratzinger. Mit dem Papst aus Bayern hat das alles nichts zu tun, die Anhöhe hat nur denselben Namen. Der Weg wird irgendwann so steil, dass Wanderer fluchen, ihn angetreten zu haben – und zugleich dafür beten, er möge doch bald zu Ende sein.

Der Chiemsee

Südöstlich von München: Mit einer Fläche von etwa 80 Quadratkilometern ist der Chiemsee Bayerns größter See
Foto: dpa-infografik

Die Ratzinger Höhe, 694 Meter über dem Meeresspiegel, ist die höchste Erhebung am Chiemsee. Von dem Aussichtsturm kann man schön hinüber zur Kampenwand und zum Hochfelln in den Chiemgauer Alpen sehen. Eine bessere Aussicht auf den See bietet ein kleiner, hinter einem Wäldchen versteckter Aussichtspunkt nordwestlich des Ausflugslokals „Gasthof Weingarten“. Herren- und Fraueninsel, Segelboote, die Alpen: was für ein Panorama!

NORDWEST- UND NORDUFER: Von Gstadt nach Seebruck

Von Gstadt aus verläuft der Chiemsee-Rundweg unter hohen Bäumen am Wasser entlang. Hier verschmelzen Rundweg und Radweg zeitweise mit anderen Routen wie dem 450 Kilometer langen Mozart-Radweg und dem Klosterweg zu den drei Klöstern Frauenwörth, Seeon und Baumburg. „Das Radwegenetz der Region umfasst insgesamt 20 Themenrouten mit 1400 Kilometern Strecke“, sagt Jens Hornung von Chiemgau Tourismus.

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ZWEITER ABSTECHER: Nach Seeon und Altenmarkt

Am Nordufer des Chiemsees gibt es einige Stellen, an denen sich Radfahrer, Fußgänger und Autoverkehr sehr nahe kommen. Wer davon im Wortsinn Abstand nehmen möchte, kann auf dem Skulpturenweg und dem Klosterweg ein wenig weiter nach Norden fahren. Das Kloster Seeon liegt direkt an einem See und ist ein Tagungshotel. Und im Kloster Baumburg in Altenmarkt an der Alz gibt es eine Brauerei, in deren Biergarten man – passend zur Tour – ein Radler trinken kann.

Zwischen Seeon und Altenmarkt wartet am „Gasthaus Roiter“ am Westufer der Alz eine besondere Fähre auf Gäste: Sie hängt an einem Drahtseil über dem Fluss und wird von der Strömung bewegt. „An stressigen Tagen fahre ich 50 bis 100 Mal“, sagt Gastwirt Wolfgang Koten – an Wochenende und Feiertagen ab 11 Uhr, sonst ab 13 Uhr, Dienstag und Mittwoch sind Ruhetage. Am Ostufer gibt es eine Klingel, um im rund 120 Meter entfernten Wirtshaus per Glocke den Fährmann zu rufen.

OSTUFER: Von Seebruck über Chieming nach Übersee

Auf dem Weg von Altenmarkt oder Seebruck nach Süden liegen nun die Alpen beständig vor Augen – und bald auch das Naturschutzgebiet an der Mündung der Tiroler Achen. Der Chiemsee-Zufluss spült pro Jahr neben viel Wasser auch 200.000 Kubikmeter Feinmaterial und 10.000 Kubikmeter Sand und Kies aus den Bergen herbei. In dem einzigen sich natürlich entwickelnden Binnendelta Europas, schieben sich die Sand- und Kiesbänke jedes Jahr um einige Meter nach Norden in den See.

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Aus der Nähe anschauen kann man sich das nicht, denn das Mündungsdelta darf niemand betreten. An der Hirschauer Bucht südlich von Chieming und am Aussichtspunkt Lachsgang nördlich von Übersee gibt es jedoch Beobachtungstürme, in denen sich Radler und andere Touristen informieren können über die 300 Vogelarten am Chiemsee.

Doch nun zurück zum Ausgangspunkt der Tour. Die Sonne sinkt schon zum Horizont – Zeit für die große Show im Strandbad Übersee, von dem der Blick weit über den See reicht und das an diesem Tag das gemeinsame Ziel eines großen Teils der Bevölkerung von München ist. Während das Abendlicht immer weicher wird, klingt die Chiemsee-Umrundung aus mit den Füßen im sanft schwappenden Wasser, einem kühlen Getränk in der Hand – und dem Gedanken, dass es vielleicht nirgendwo in Bayern einen so schönen Sonnenuntergang gibt wie hier am Südostufer des Chiemsees.