27. März 2026, 10:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Zugfahren scheint eine appetitanregende Wirkung auf Menschen zu haben. Immer wieder sieht man, dass Bahnreisende ihre (auch kürzeren) Fahrten mit ganzen Mahlzeiten und/oder einer Vielzahl von Snacks bepackt bestreiten. Und nicht selten bekommen auch die anderen Passagiere im Wagen mit, was gerade verzehrt wird … Ja, verschiedene Lebensmittel riechen nun einmal. Aber welche Speisen sollte man vielleicht lieber nicht im Zug essen? Woran orientiert man sich dabei? TRAVELBOOK ist dieser Frage nachgegangen und hat dazu auch die Einschätzung von Knigge-Experten eingeholt.
Essen im Zug ist an sich natürlich erlaubt
Anders als im Nahverkehr, wo Essen oft nicht notwendig ist – und in einigen asiatischen Ländern übrigens gar strikt verboten –, gehört das Verzehren von Proviant im Fernverkehr für viele einfach dazu. Hunger muss dafür gar nicht unbedingt bestehen: Snacken verkürzt die Zeit und macht gleichzeitig auch Freude. Doch des einen Freud kann in dieser speziellen Situation schnell zu des anderen Leid werden. Denn: Ein Thunfischsandwich oder ein frischer Döner (vielleicht sogar mit Zwiebeln!) mögen lecker sein. Die Gerüche, die sie verströmen, können für unbeteiligte Mitreisende jedoch schnell zur Zumutung werden.
Gerüche breiten sich im Zug auf natürliche Weise aus, ähnlich wie bei der Diffusion, die uns einst im Biologieunterricht begegnete: Teilchen bewegen sich vom Bereich hoher Konzentration (direkt beim Esser) zu Bereichen niedriger Konzentration. So gelangen die Düfte unweigerlich zu den anderen Passagieren im Waggon, bis alle etwas davon haben. Mal eben lüften? Zumindest bei der Deutschen Bahn ist das oft leider nicht möglich: In modernen Zügen, insbesondere im ICE, lassen sich die Fenster aus sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr öffnen.
Was gut riecht und was nicht, ist Ansichtssache
Dazu muss man natürlich sagen: Ob ein Geruch als unangenehm empfunden wird, ist eine subjektive Frage. Während der eine den Geruch von Zwiebel-Döner vielleicht sogar gerne mag, wird dem anderen davon ganz anders zumute. Im Restaurant ist es ähnlich: Am einen Tisch wird die Trüffelpasta mit Vorfreude bestellt und mit Genuss verzehrt. Zur gleichen Zeit empfinden andere den erdigen, knoblauchartigen Geruch, der spätestens nach dem Lüften der Servierhaube umso stärker entweicht, als extrem unangenehm. Doch beim Besuch eines Speiselokals liegt die „Gefahr“ von Essensgerüchen natürlich in der Natur der Sache. Im Zug? Nun ja, ehrlicherweise auch.
Geschmäcker sind verschieden – eine Einigung darüber, welche Speisen appetitlich bzw. ekelerregend riechen, wird kaum zu erzielen sein. Offizielle Verbote für konkrete Lebensmittel gibt es zumindest im deutschen Fernverkehr nicht. Wie macht man es also richtig? TRAVELBOOK hat sich mit dieser Frage an Fachleute gewandt.
Knigge-Experten zum Thema Essen im Zug
Linda Kaiser, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft, weist zunächst darauf hin, dass das Essen während der Fahrt im besten Fall nur auf langen Strecken in Betracht gezogen werden sollte. Und müsse es sein, „dann sollte das Essen im Zug so gewählt werden, dass der Geruch der Speisen die Mitreisenden nicht belästigt“. Mit Belästigung meint die Expertin jede Art von wahrnehmbaren Essensgerüchen. Selbst vermeintlich wohlriechende Lebensmittel wie Mandarinen können für andere Passagiere laut Kaiser zur Qual werden.
Ich begegne meinem Endgegner auf jeder Bahnfahrt
„Keine Bahnfahrt vergeht, ohne dass sich plötzlich dieser eindeutige Geruch ausbreitet. Es ist ein Obst, das viele Menschen lieben – angeblich gesund, einfach verfügbar und ein idealer Energielieferant: die Banane. Ich hingegen verachte sie, und das ist nicht übertrieben. Es ist ein Ekel, den ich mit vielen Worten beschreiben könnte. Einmal saß mir eine Frau sogar direkt gegenüber, die die Unverschämtheit besaß, eine Banane auszupacken, sie langsam und genüsslich mit längeren Pausen zu verzehren und die Schale dabei achtlos auf den Tisch zu legen. Als sie endlich fertig war, bat ich sie – mit angehaltener Luft – höflich, die Rückstände doch bitte zu entsorgen. Offenbar hatte sie ernsthaft vor, die Schale bis zum Ausstieg auf ihrem Rucksack zu parken. Bevor ich einschreiten konnte, beförderte sie das bräunliche Ungetüm schließlich in den Tischmülleimer. Das war natürlich keine hinnehmbare Lösung – viel zu nah an mir dran. Daher blieb mir nichts anderes übrig, als nicht nur den Platz, sondern gleich den gesamten Waggon zu wechseln.“
Da in modernen Zügen die Fenster nicht zu öffnen sind, halten sich laut der Knigge-Expertin Gerüche besonders lange im Raum. „Riechende Speisereste und Abfälle sollten daher in einem mitgebrachten Beutel luftdicht verpackt und entsorgt werden.“ Und wer vom Angebot der Bordküche Gebrauch machen wolle, der sollte die „stark riechende Currywurst oder das Chili con Carne lieber direkt im Speisewagen einnehmen, als es sich an den Platz servieren zu lassen“, befindet sie.
»Nicht nur Gerüche sind eine Belästigung für Mitreisende
TRAVELBOOK sprach auch mit dem Diplombetriebswirt Christian Heller, der als lizenzierter Knigge-Trainer tätig ist. Er betont noch einmal, dass es beim Essen im Zug vor allem auf das „Wie“ ankommt. Neben der obersten Prämisse, Gerüche zu vermeiden, ginge es auch darum, den Platz zu respektieren. „Auf alles, was schnell ‚Raum einnimmt‘, also beispielsweise ein großes Fast-Food-Menü mit viel Verpackung, sollte man aus Höflichkeit verzichten“, so Heller.
Um sich besser orientieren zu können, welche Verpflegung im Zug eher ein „No-Go“ ist, nennt der Fachmann neben stark riechenden Speisen – insbesondere Döner, andere Knoblauchgerichte und Fisch – auch sehr fettige oder tropfende Mahlzeiten. „Auch von laut knusprigen Snacks ist abzusehen, insbesondere in ruhigen Abteilen.“
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„Rücksicht schlägt Regelwerk“
Heller beruft sich auf die klassische Etikette, wie sie auf Adolph Freiherr von Knigge zurückgehe. Demnach sei Essen im Zug zusammenfassend völlig in Ordnung, solange man Rücksicht auf andere nimmt.
Eigentlich benötigt es zum Einhalten akzeptabler Umgangsformen nur einen gesunden Menschenverstand. Schließlich ist der Zug ein öffentlicher Raum, den man sich mit anderen teilt. Und auch man selbst möchte natürlich nicht an einem schmutzigen, von Essensresten gezeichneten Platz sitzen. Es gehört somit, so Heller, auch unbedingt dazu, seinen Müll ordnungsgemäß zu entsorgen, sodass keine Verpackungen liegen bleiben – der Sitzplatz muss sauber sein.
Ein echter Proviant-Klassiker sollte eigentlich keiner sein …
Ein wahrer Evergreen unter den Zugproviant-Klassikern, der hier erstaunlicherweise noch nicht erwähnt wurde, ist das hart gekochte Ei. Wer schon einmal eines gegessen hat oder auch nur Zeuge seines Verzehrs wurde, kennt den typischen Schwefelgeruch. Dieser entsteht als normale chemische Reaktion: Die Schwefelverbindungen im Eiweiß reagieren ab etwa 100 Grad Celsius durch die Hitze und setzen dabei Schwefelwasserstoff frei.
Dennoch: Eier sind aufgrund ihres Geschmacks beliebt und als hochwertige Nährstoffquelle sehr gesund – sie liefern neben Eiweiß auch verschiedene Vitamine sowie die Mineralstoffe Zink und Eisen. Kein Wunder, dass sie ein beliebter Snack sind. Interessanterweise wird es auch Zugreisenden heute besonders leicht gemacht, sich mit Eiern zu versorgen: Am Berliner Hauptbahnhof etwa kann man sie neuerdings an der Backwarentheke eines Biosupermarkts einzeln und gekocht zu einem recht günstigen Preis von 80 Cent pro Stück kaufen. Greifen Sie ruhig zu – doch behalten Sie dabei Ihre Mitreisenden und die Knigge-Experten im Hinterkopf. Man kann die Eier bereits vor dem Einstieg verzehren und die Schalen anschließend in einem der zahlreichen Mülleimer entsorgen.