22. April 2026, 14:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ab diesem Sommer können Zugreisende eine neue Mammutstrecke durch Europa befahren. Dahinter steckt ein Schritt, der längst überfällig scheint. Alle Infos auf TRAVELBOOK.
Finnland kann aktuell aus dem restlichen Europa mit dem Zug nicht direkt angefahren werden. Oder nicht mehr. Doch das soll sich jetzt ändern. Schon ab diesem Sommer sollen das schwedische und das finnische Nachbarland per Zug miteinander verbunden werden. Das bedeutet, voraussichtlich ab Sommer 2026 können Zugfans eine rekordverdächtige neue Strecke fahren: von der portugiesischen Algarve bis hoch in den Norden Finnlands – die längste Zugstrecke in Europa.
Neue Zugverbindung zwischen Schweden und Finnland
Bisher war eine Zugreise zwischen Schweden und Finnland umständlich. Statt an einem Bahnhof umzusteigen oder direkt im Zug sitzen zu bleiben, reiste man zwischen den Bahnhöfen des schwedischen Haparanda und seines finnischen Nachbarn Tornio mit Bus oder Auto hin und her. Das soll sich jetzt ändern – und so ein Anschluss an das restliche europäische Zugnetz geschaffen werden, berichtet Finnlands öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Yle. Die beiden Länder haben sich auf die Schaffung der bislang fehlenden Verbindungsstrecke geeinigt. Ziel ist es, den Bahnhof Haparanda als Umsteigeknoten zu installieren.
Direkt durchfahren werden Züge jedoch weiterhin nicht, zumindest vorerst. Der Hintergrund sind die Spurweiten: Laut Yle entsprechen die finnischen Spurweiten noch heute dem alten russischen Standard von 1,52 Metern – ein Relikt der finnischen Vergangenheit als Teil des Russischen Reiches im 19. Jahrhundert. Die in Europa gängige Spurweite liegt dagegen bei 1,44 Metern. Entsprechend ist ein Durchfahren der Züge von Schweden nach Finnland weiterhin nicht möglich, möchte man nicht das gesamte finnische Gleisnetz ändern.
Stattdessen haben die Länder nun eine pragmatische Lösung gefunden: Wer aus Finnland kommt oder dorthin weiterreist, muss nach der Eröffnung der neuen Route nur noch in Haparanda selbst umsteigen. „Das Bahnhofsgebäude von Haparanda liegt zwischen den finnischen und schwedischen Gleisen. Um von VR-Zügen auf die schwedischen Norrtåg-Züge umzusteigen, gehen Sie einfach durch das Bahnhofsgebäude – ganz einfach“, zitiert Yle News den Entwicklungsdirektor Tornios, Sampo Kangastalo.
Neue Strecke voraussichtlich ab Sommer 2026
Die Route soll laut Kangastalo kurz vor Mittsommer Ende Juni eröffnet werden. Finnlands Verkehrsministerin Lulu Ranne will sich laut Yle News jedoch noch nicht festlegen. Sie erklärt: „Unser Ziel ist es, den Zugverkehr im Sommer aufzunehmen. Ich wage es nicht, ein genaues Datum zu nennen, aber wir geben Vollgas. Wir werden das wirklich schaffen, und das ist großartig! Ich freue mich schon sehr darauf.“
Die neue Strecke ist bereits seit Längerem geplant, immer wieder gab es jedoch Verzögerungen, etwa wegen bürokratischer oder finanzieller Uneinigkeiten zwischen den Ländern. Ein entsprechendes Abkommen ist seit Kurzem in Kraft, auch die Finanzierungsfragen sind vereinbart.
Laut Yle News bedeutet die neue Route auch, dass finnische Züge erstmals seit 2022 wieder außerhalb ihrer eigenen Grenzen verkehren. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hatte Finnland seinen Zugbetrieb nach St. Petersburg eingestellt.
Die Verkehrsministerin verspricht sich von der neuen Verbindung nach Schweden und Europa eine Stärkung der „Versorgungssicherheit und Widerstandsfähigkeit in Krisenzeiten“ sowie zugleich eine Förderung der „grenzüberschreitende Mobilität für Pendelverkehr, Studium, alltägliche Besorgungen und Tourismus“. Besonders der Zugang zum Norden Finnlands werde aus touristischer Sicht verbessert, erklärt sie.
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Rekordstrecke zwischen Nord- und Südeuropa
Die neue Strecke bedeutet neben einer Vereinfachung zwischen den beiden Nachbarstädten auch die Verbindung der beiden Hauptstädte, Helsinki und Stockholm. Für diese Reise müssen Zugreisende nach der Einführung des neuen Streckenabschnitts allerdings rund 24 Stunden einplanen. Wer stattdessen mit dem Schiff fährt, braucht etwa 18 Stunden.
Spannend wird die neue Strecke auch für Rekordjäger und Liebhaber langer Zugreisen, denn sie eröffnet die Möglichkeit einer Europareise von Nord nach Süd und umgekehrt. Für alle, die das nun ernsthaft überlegen: Die Strecke zwischen Lagos im portugiesischen Süden und Kolari in Finnlands Norden ist ungefähr 5000 Kilometer lang und gilt bereits als künftig längste Zugstrecke in Europa. Diese verbindet Sonne satt an dramatischen portugiesischen Küsten mit einer Sightseeingtour aus dem Zugfenster wahlweise durch Portugal und/ oder Spanien, West- und Nordfrankreich, den südlichen bis nördlichen Westen von Deutschland, Dänemark, Süd- und Ostschweden bis hoch in die verschneiten Weiten Lapplands. Neben dem nördlichsten Bahnhof Finnlands, Kolari, kann wahlweise auch das beliebte Weihnachtsmanndorf in Rovaniemi angesteuert werden. Die Einzelheiten hängen von der jeweils gewählten Strecke ab.
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Künftig europäische Spurweiten in Finnland?
Neben der demnächst eröffneten neuen Streckenverbindung gibt es auch langfristige Pläne für das Streckennetz in Finnland, wie der Rundfunksender mitteilt. Demnach soll es tatsächlich Pläne für den Bau einer parallel verlaufenden Strecke in europäischer Spurweite geben. Diese soll neben den bereits bestehenden Gleisen zwischen Haparanda und Kemi verlaufen, eventuell sogar weiter bis nach Oulu. Auch zweigleisige Gleisanlagen wären an einigen Stellen denkbar, erklärt Yle. Die doppelte Streckenführung ist demnach Teil des Projekts Rail Nordica, das in erster Linie die Verbesserung der militärischen Mobilität zum Ziel hat. Für das Projekt stellte Finnlands Parlament im letzten Jahr bereits 20 Millionen Euro bereit. Realisiert werden soll es jedoch frühestens im nächsten Jahrzehnt.
Ein anderes Projekt, das Finnland künftig mit dem europäischen Festland verbinden soll, wird bereits seit Jahren an anderer Stelle geplant: ein Unterwassertunnel zwischen Estlands Hauptstadt Tallinn und Finnlands Hauptstadt Helsinki (TRAVELBOOK berichtete). Bislang gibt es jedoch kein konkretes Bauprojekt für die ambitionierten Pläne.