4. September 2025, 6:33 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Verschiedene Ortschaften und Sehenswürdigkeiten rund um den Gardasee waren von jeher beliebte Reiseziele. Kein Wunder, die Schönheit des Sees ist längst weltweit bekannt. Dennoch sind die Besucherzahlen in der gesamten Region stark rückläufig. Besonders spürbar ist das Fernbleiben deutscher Touristen. TRAVELBOOK geht näher auf die Gründe dafür ein und zeigt, wie erste Hoteliers auf die Krise reagieren.
Warum deutsche Touristen dem Gardasee fehlen
Früher traf man speziell deutsche Urlauber vermehrt am Gardasee an. Das lässt sich unter anderem mit der räumlichen Nähe erklären. Etwa von München aus ist man in rund vier Stunden mit dem Auto am Ziel – im Normalfall jedenfalls. Auch bei den Einheimischen selbst waren Ortschaften wie Lazise, Riva del Garda und Bardolino stets sehr beliebt. Der Tourismus hat zuletzt einen starken Wandel erlebt. Wie Fabio Pasqualini, Präsident des Handelsverbands Confcommercio Bardolino, der Tageszeitung „Corriere del Veneto“ erklärt, bleiben seit einiger Zeit sowohl die Deutschen als auch die Italiener fern. „Stattdessen kommen mehr Gäste aus Nordeuropa“, so Pasqualini. Doch die reißen es nicht raus. Denn – andere Länder, andere Sitten – die neuen Gäste pflegen nicht die gleichen Gewohnheiten wie die konsumfreudigen von früher. Sie kehren nicht ein, um zu essen oder einen Aperitif zu sich zu nehmen, erklärt Pasqualini. Statt in Hotels übernachten sie bevorzugt auf dem Campingplatz. Unterkünfte und Gastronomen berichten von Einbußen von rund 20 Prozent.
Gründe für den Besuchereinbruch
Für die Entwicklung dürften verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt haben. Aktuell sorgt unter anderem eine Großbaustelle auf der Brennerautobahn (A13) in Richtung Gardasee für erhebliche Verkehrsbehinderungen. Nähere Informationen dazu hat der ADAC.
Doch auch unabhängig von drohenden Komplikationen bei der Anfahrt mit dem Auto sprechen objektive Argumente gegen einen Besuch am Gardasee: Die Preise vor Ort sind deutlich gestiegen. Dies beklagt Virginia Torre, die Vorsitzende des Hotelverbands von Lazise. So seien die Preise für beispielsweise Pizza – ein vergleichsweise günstiges Lebensmittel, sollte man meinen – fast auf das Doppelte gestiegen. Da erscheint es nur logisch, dass sich die verbleibenden Gäste, wie einige Wirte berichten, oftmals eine Pizza zu zweit teilen.
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Von Overtourism zu leeren Straßen?
Wer in der Vergangenheit Urlaub am Gardasee gemacht hat, erinnert sich vermutlich an eine lebendige, romantische Stimmung bis spät in die Nacht. Heute hingegen wirken viele Straßen und Promenaden abends wie ausgestorben. Mitten in der Sommerurlaubssaison ist das schon bemerkenswert.
Doch blicken wir kurz zurück. Am Maifeiertags-Wochenende dieses Jahres wurde die am Gardasee gelegene Kleinstadt Sirmione (rund 8000 Einwohner) von etwa 75.000 Touristen nahezu überrannt. Die engen Gassen und der historische Stadtkern stießen dabei spürbar an ihre Grenzen. Solche Szenen sind in beliebten Urlaubsländern längst keine Seltenheit mehr. An verschiedenen Orten in Italien – und auch in Spanien – kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Protesten von Einheimischen, die sich gegen die stetig wachsenden Besucherströme wehrten. Die Botschaft, unmissverständlich: „Wir wollen keine Touristen.“ Solche Signale könnten auch langjährige Gäste aus Deutschland verunsichert und möglicherweise dazu bewogen haben, ihren Urlaub künftig an einem anderen Ort zu verbringen – fernab der bislang stark frequentierten Ziele wie dem Gardasee.
Neuordnung der Touristen am Gardasee – mit Reaktionen
Neben den dagegen neuen Besuchern aus Nordeuropa verzeichnet der Gardasee eine deutliche Zunahme an Touristen aus den USA, wie „Südtirol News“ berichtet. Laut Buchungsdaten liegt der Anteil US-amerikanischer Hotelgäste dieses Jahr bei rund 16 Prozent, 2024 waren es 4 Prozent weniger. Für den Tourismus ist dieser Zuwachs positiv. Dem Bericht zufolge konsumieren die Amerikaner ausgiebig, „buchen Zimmer im Hochpreissegment und genießen gutes Essen und Wein“ am Gardasee.
Auch das Wachstum bei (kaufkräftigen) Besuchern aus dem arabischen Raum ist deutlich: Seit 2022 hat sich die Zahl der Gäste aus Saudi-Arabien mehr als verfünffacht. Und diese Klientel gilt es offenbar zu halten.
Erstes „islamfreundliches“ Hotel in Riva del Garda
Dem Bericht zufolge will ein erstes Fünf-Sterne-Haus in Riva del Garda das Siegel „Muslim Friendly“ (= „islamfreundlich“) erhalten. Gemeinsam mit der Agentur Whad Halal Development soll die Zertifizierung noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Das Portal „Il T quotidiano“ hat diesen Vorstoß auf seiner Facebook-Seite gepostet – mit heftigen Reaktionen. Nicht bloß suggeriere der Begriff, dass Hotels ohne dieses Label automatisch „nicht islamfreundlich“ seien. Die Mehrheit der Nutzer verstehe nicht, warum es nötig sein soll, so etwas extra zu betonen. „Außer natürlich, man will damit ausdrücken, dass es zum Beispiel eine Halal-Küche gibt, keinen Alkohol in den Minibars und der Empfang nach den Prinzipien des Korans gestaltet ist“, schreibt etwa einer.
Objektiv betrachtet ist zu befürchten, dass entsprechende Zertifizierungen kulturelle und religiöse Unterschiede überbetonen und durch das Hervorheben bestimmter Gruppen andere indirekt ausgegrenzt werden. Angesichts der aktuell zugespitzten geopolitischen Lage könnte ein jüdischer Gast beispielsweise das Gefühl haben, dass ein explizit als islamfreundlich bezeichnetes Hotel kein neutraler Ort für alle ist. Und eine Halal-Küche in Italien – einem Land, das nicht zuletzt für seine feinen Wurstwaren und die Aperitivo-Kultur geschätzt wird? Das ist schwer vorstellbar.

