17. Oktober 2026, 7:33 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Im Februar 2026 verbringt unser Autor Frank Lehmann eine Woche auf einer Tauchsafari im Roten Meer. Abseits der Küsten bringt ihn ein Tauchschiff zu einigen der bekanntesten Riffe Ägyptens. Zwischen Schiffswracks, farbenprächtigen Korallengärten und Begegnungen mit Haien erlebt er eine Reise, die selbst erfahrene Taucher nicht so schnell vergessen.
Da kommt der Raubfisch auf uns zu. Ich bin mit meiner Tauchgruppe auf 10 Meter Tiefe und der Weißspitzen-Hochseehai nähert sich mit leichten Schwüngen. Die neugierigen Augen des vier Meter langen Tieres sind weit offen. Er scheint mich zu beschnuppern. Jetzt heißt es, die Regeln für eine Hai-Begegnung einzuhalten: aufrechte Haltung bewahren, nicht fliehen, sich dem Raubtier zuwenden und ihm ruhig in die Augen schauen. Die Eleganz des Hais, der auch Longimanus genannt wird, ist einfach bezaubernd. Er weiß genau, dass er hier am Brothers-Riff der König ist und die Taucher für ihn weder Gefahr noch Opfer sind. So dreht der aktive Räuber einige Runden, bis er das Interesse verliert und gemächlich wieder in das weite Blau verschwindet.
Wir tauchen auf und schreien vor Glück! So eine Begegnung ist einmalig. Der Respekt vor dem Hai ist da, vor allem aber die Begeisterung, so ein herrliches Tier in Freiheit erleben zu dürfen. An Bord des Tauchschiffes schnattern alle durcheinander. Wer hat ihn gesehen? Wie nahe war er? Kommt er noch einmal zurück?
Die Schiffsfracks an den Brother Islands – eines der besten Tauchreviere weltweit
Wir sind für eine Woche auf einer Tauchsafari weit weg vom Festland. Mit dem Schiff ging es südöstlich von Hurghada 150 Kilometer weit in das offene Rote Meer. Nach acht Stunden stürmischer Überfahrt erreichen wir zwei braune Flecken im Meer. Es sind die Brother-Islands. Sie ragen nur wenige Meter über den Meeresspiegel. Ein Leuchtturm, ein paar Steine, kein Baum, kein Strauch. Was soll ich hier? Die Antwort wird schnell geliefert, wenn man in das Wasser springt. Wir sind in einem Marine-Park, der unter strengem Schutz steht. So karg und langweilig es über Wasser ist, so faszinierend und bunt ist es unter der Wasserlinie. Wir dürfen in den intakten, großen Korallenriffen tauchen, in denen eine große Vielfalt von Fischen lebt.
Am wohlsten fühlen sich die Fische in den zwei Wracks, die am Großen Bruder liegen: Die Numidia war ein 137 m langer Dampfer, der hier 1901 sank, und die 75 m lange Aida ereilte das Schicksal im Jahr 1957. Beide Schiffe sind mittlerweile fantastische Biotope, die vor Unterwasser-Leben nur so strotzen. So verbringen wir hier zwei Tage voller Glück in einem der besten Tauchreviere der Welt.
Nachttauchgänge sind nicht erlaubt, denn wer hier einmal bei den oft starken Strömungen abgetrieben wird, kommt erst nach Tagen wieder an die Küste – wenn er Glück hat. So sind die Brothers etwas für erfahrene Taucher. Man empfiehlt mindestens 50 geloggte Tauchgänge für diese Inseln. Die Brothers waren von 2018 bis 2019 auch länger für Taucher gesperrt, denn es gab Unfälle mit dem Longimanus: Irgendwelche Idioten hatten die Tiere mit Essensabfällen gefüttert und die Haie damit erregt, sodass es zu Angriffen auf Taucher kam.
Hammerhai-Schwärme am Daedalus-Riff
Wir sind etwas traurig, als der Kapitän zum Aufbruch ruft, denn er steuert sein Schiff weiter zu dem berühmten Daedalus-Riff. Nach fast 200 Kilometern durch das offene Blau erreichen wir die mickrige Insel, auf der einige Soldaten einen Leuchtturm bewachen müssen. Unter Wasser dann wieder dasselbe Spiel – wir sind begeistert: Vor allem die riesige Anemonen-Stadt hat es uns angetan. Dutzende von Clownfischen leben hier und verteidigen die Anemonen gegen jeden, der sich nähert. Doch die Hauptattraktion sind die Hammerhaie von Daedalus. Wer Glück hat, sieht sie sogar in Schwärmen. Doch wir haben Pech, kein einziger Hammerhead ist zu sehen. Wir trösten uns mit vielen anderen Erlebnissen, wie den großen Napoleon-Barschen.
Und weiter geht es zum Elphinstone-Riff, es liegt 80 Kilometer weiter südlich. Was kann hier noch an Attraktionen kommen? Wir sind fast gesättigt mit Eindrücken und überglücklich, was wir schon sehen durften. Und außerdem sind wir Anfang Februar hier, da kommen keine Großfische nach Elphinstone – das Wasser ist mit 23 Grad noch zu kalt für sie. Denkste! Andere aus der Gruppe hatten angeblich einen Manta gesehen und auch ein Seidenhai soll da gewesen sein. Schade, das habe ich verpasst. Doch beim Morgen-Tauchgang konnte ich auf 30 Metern Tiefe einen Hammerhai erblicken. Dieser hat mir schon Respekt abgenötigt, denn es war früh am Tag und er suchte wohl nach seinem Frühstück. Seine Bewegungen waren etwas hektisch.
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Wie ein Sechser im Lotto: Walhai-Sichtung!
Also wieder auftauchen, selbst frühstücken und sich auf den Mittags-Tauchgang freuen. Wir hüpfen ins Wasser, tauchen gemächlich auf 20 Meter Tiefe oberhalb des Südplateaus und freuen uns an einem schnuckeligen kleinen Kugelfisch. Doch was ist das da für ein riesiger Schatten, der sich da nähert? Ein Walhai! Ich vergesse zu atmen und unsere Gruppe von drei Tauchern weiß nicht, wie ihr geschieht. Der Hai ist ca. sechs bis sieben Meter lang und gleitet sehr gemächlich an uns vorbei. Begleitet von Doraden und anderen Fischen, die sich in seiner Nähe sehr wohlfühlen. So eine Begegnung ist wie ein Sechser im Lotto. Wir staunen nur noch und ich sende ein Dankgebet an den Schöpfer. Wie herrlich doch dieses Tier ist!
Die Unterwasserwelt ist ein bedrohtes Paradies
So geht die Woche im Roten Meer langsam zu Ende. Die Zeit auf dem Tauchboot verging im Flug, denn wir sind so sehr beschenkt worden, von der Tiefe, von den Korallenriffen, von der Schönheit des Meeres. Bei all der Begeisterung haben wir jedoch nicht vergessen, wie bedroht dieses Paradies ist. Die weltweiten Populationen von Haien und Rochen sind laut dem Wissenschaftsmagazin Spektrum in den letzten 50 Jahren (seit 1970) um über 70 Prozent zurückgegangen. Zahlreiche Haie sind vom Aussterben bedroht. Schuld ist der Mensch, denn wir jagen ihn unerbittlich und zerstören gnadenlos seine Lebensbereiche. Nicht der Hai bedroht den Menschen – nein, wir töten diese wunderbaren und für die Natur so immens wichtigen Tiere. Die Haie stehen im Meer an der Spitze der Nahrungskette und wenn diese gestört ist, so gerät alles aus den Fugen dort im herrlichen Blau.
Mein Tipp: Gerne im Winter und Frühjahr vom November bis März tauchen gehen. Ja, es ist etwas kälter, aber viel ruhiger im Roten Meer. Und immer dran denken: Nichts berühren, außer den Fotos nehmen wird nichts mit von dort unten. Die bunte Welt der Riffe muss bewahrt werden!