11. August 2025, 13:50 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Tallinn, die beliebte Hauptstadt Estlands, liegt im Norden des Landes an der Ostsee. Sie ist das kulturelle Zentrum des Landes und mit ihrer mittelalterlichen Altstadt und zahlreichen Sehenswürdigkeiten ein beliebtes Reiseziel. Doch es lohnt sich auch, tiefer in die bewegte Geschichte von Tallinn einzutauchen,. TRAVELBOOK-Autor Frank Lehmann führt zu den Orten, wo das mutige kleine Land unter den russisch-sowjetischen Besatzern gelitten hat.
Die Hauptstadt von Estland ist ein fabelhaftes Ziel. Die Altstadt ist komplett erhalten und glänzt mit einer wuchtigen Stadtmauer, uralten Kaufmannshäusern und herrlichen Kirchen. Man wandelt durch die Jahrhunderte und erlebt eine Stadt wie aus einem Guss. Doch wer tiefer in die Historie schaut, sieht nicht nur die prächtige Hansezeit, sondern kann auch die dunklen Zeiten Estlands erleben. In der Altstadt wird man angeschrien: „Kommen Sie in das Museum der Mittelalterlichen Folterinstrumente!“ Was für ein Blödsinn, da kann man sich in einem Kellerloch eine Eiserne Jungfrau anschauen – das ist eine Touristenfalle für 10 Euro.
Wer sich wirklich gruseln will und seriöse Einblicke in die estnische Geschichte bekommen möchte, informiert sich über die Zeit der russischen Besatzung.
Übersicht
Besuch im Nationalmuseum Maarjamäe in Tallinn
Die Geschichte Estlands ist eng verwoben mit der russischen. Das sieht man gleich beim putzigen Barockschloss Katharinental, das Zar Peter der Große seiner Frau Katharina nahe Tallinn gebaut hat. Doch es gilt, nicht in dem hübschen Schlösschen zu verweilen, sondern zwei Kilometer weiterzufahren, zum Nationalmuseum in Maarjamäe. Hier taucht man in die neuere Geschichte Estlands ein. Anschaulich wird der Kampf der Esten im 20. Jahrhundert geschildert. Der Freiheitskrieg (1918–1920) wird beschrieben, aber vor allem die wechselhaften Kämpfe von 1940 bis 1944. Jeder achte Este starb im Krieg oder durch den Terror der Sowjets. Kein anderes Land hat einen so hohen Blutzoll gezahlt – prozentual gemessen an der Gesamtbevölkerung. Außerdem wurde fast die gesamte bürgerliche und intellektuelle Elite von Stalin ermordet. Das Museum hat auch den Mut, im Garten alte Statuen von Kommunisten zu sammeln. Die Diktatoren Lenin und Stalin stehen in allen bronzenen Größen herum.
Von hier geht es weiter, 300 Meter zum Denkmal für die Opfer des Kommunismus in Estland. Man geht durch einen langen, dunklen Korridor mit Namensplaketten von mehr als 20.000 Opfern der kommunistischen Gewaltherrschaft. Wenn man diese Gruft verlassen hat, öffnet sich ein heller Platz mit Apfelbäumen. Dort kehrt Besinnung ein, doch der Ort mahnt an die 75.000 verhafteten, deportierten oder ermordeten Esten im Zeitraum 1940 bis 1991. Zu Zehntausenden wurden aus dem Baltikum Menschen nach Sibirien deportiert, wo sie litten und starben. Das Denkmal verwendet eindeutige Worte. Man liest die Begriffe „Genozid“ und „Massenmord“. Stalin war ein gnadenloser Schlächter.
Schreckensgefängnis an der Ostsee
Erst mal durchatmen und an den Ostseestrand. Das gelingt wunderbar am nahen Sandstrand von Pirita. Überhaupt ist die Ostseeküste von Tallinn wunderschön. Ein belebter Fährhafen, Segeljachten dümpeln in der Marina, Familien spazieren am Pier entlang. Doch was ist das da für ein riesiger alter Block direkt an der Ostsee? Das klotzige Gefängnis Patarei im Ortsteil Kalamaja ist vier Hektar groß; hier wurden tausende von Esten ohne rechtmäßige Urteile eingesperrt oder von hier direkt nach Sibirien deportiert (siehe großes Foto oben). Ein Ort des Schreckens, der momentan renoviert wird. 2026 soll wieder geöffnet werden und man kann mehr über die dunkle Zeit erfahren. Doch der Blick auf die rostigen Gefängnisgitter und die wuchtigen grauen Mauern spricht schon jetzt für sich und lässt uns erschaudern.
KGB-Museum und KGB-Zentrale
Nun wollen wir mehr wissen, also gilt es, eine Tour zu buchen im KGB-Museum im Hotel Sokos. Hier entstand 1972 das erste Hochhaus in Tallinn. Damals hieß es Hotel Viru und es beherbergte nicht nur friedliche Gäste wie Schah Reza Pahlavi, Neil Armstrong und Hollywood-Star Elizabeth Taylor, sondern auch den kommunistischen Geheimdienst KGB. Hier wurde im 23. Stock eine Abhöranlage installiert, mit der dutzende Zimmer ausspioniert und auch die Restaurants belauscht wurden. Die ach so friedliche Welt des glücklichen estnischen Sowjetbürgers, behütet vom weisen Führer aus Moskau, zerbricht hier in Stücke. Gnadenlose Kontrolle des gesamten Lebens bis in die Privat- und Intimsphäre durch die Sowjets, das war die Realität. Achtung. Die Tour ist in Englisch und muss vorgebucht werden. Der Guide spricht gutes Englisch und geizt nicht mit makabren Witzen: „Das war das höchste Gebäude Estlands, von hier konnte man bis nach Sibirien schauen.“ Die Räume sind eng und nur für wenige Besucher betretbar.
Nun gehen wir wieder in die bezaubernde Altstadt. Es gilt durchzuatmen, ein estnisches Bier auf dem alten Marktplatz zu trinken, mit Blick auf das einzige erhaltene Rathaus im gotischen Stil in Nordeuropa – es stammt aus dem Jahr 1402. Wie schön! Wir wandeln anschließend beglückt durch die Gassen und bleiben vor einem unscheinbaren Haus in der Pagari-Straße 1 stehen. Hier war die KGB-Zentrale Estlands, in der hunderte Spione arbeiteten. Im Keller des Gebäudes befand sich während der sowjetischen Okkupation eines der berüchtigtsten und gefährlichsten Untersuchungsgefängnisse. Hier wurden Politiker, Intellektuelle, aber auch einfache Menschen eingesperrt und gefoltert. Heute kann man die Zellen des KGBs besichtigen und in einer Ausstellung mehr erfahren.
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Vabamu Museum der Besatzungen und Freiheit
Die Aufarbeitung der Schreckenszeit durch die Esten ist intensiv und historisch fundiert. Dafür wurde ein eigenes Museum gegründet: Das Vabamu Museum der Besatzungen und Freiheit. In einem modernen Glasbau wird die traurige Geschichte den Besuchern nahegebracht, auch mit einem Audioguide auf Deutsch. Er ist auch für Kinder geeignet. Das Leben zur Sowjetzeit wird deutlich und der Weg bis zum EU-Beitritt 2024 mit persönlichen Geschichten nachgezeichnet. Auch das Leben von Exilanten, die ihre Heimat verlassen mussten, wird erläutert. Man erlebt moderne Museums-Pädagogik ohne erhobenen Zeigefinger.
Militärfriedhof
Der letzte Ort, den man gesehen haben muss, ist der Militärfriedhof in der Filtri-Straße im Süden der Stadt, der zeigt, wie kompliziert die moderne Geschichte Estlands ist. Deutsche und sowjetische Soldaten liegen hier nebeneinander. Wichtig ist ein unscheinbares Denkmal: Der Bronzesoldat ist ein Monument, das die Sowjets 1947 errichtet hatten, um an den Kampf gegen die Nazis zu erinnern. Die Mehrheit in Estland sieht dieses Denkmal als Symbol der sowjetischen Gewaltherrschaft. Es wurde nach langer Diskussion 2007 auf den Kriegsgefallenenfriedhof gebracht. Dabei kam es zu gewalttätigen Demonstrationen mit einem Toten und 70 Verletzten sowie hunderten Verhaftungen. Anschließend wurde Estland von russischen Hackern angegriffen, die versuchten, den Staatsapparat digital stillzulegen. Hier wird klar, dass Tallinn mit seiner russischen Minderheit massive Probleme hat.
Dieser Stadtspaziergang zur russisch-estnischen Geschichte ist eine Ergänzung zu den wunderschönen Orten dieser extrem charmanten Stadt, die man gesehen haben muss. Aber nur die traumhafte Altstadt zu erkunden, reicht nicht. Man ist 200 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt und die Bedrohung der Sicherheit des Baltikums ist weiterhin präsent. Es gilt, aus der Geschichte zu lernen, um das Heute zu verstehen.