15. Juni 2026, 7:25 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
„Von wegen Geheimtipp“, denken Sie jetzt – wirklich unbekannt ist Varese schließlich längst nicht mehr. Doch in der kleinen Stadt in der Lombardei fühlt sich vieles anders an als in jenen italienischen Orten, die seit Jahrzehnten als hübsche Postkartenmotive dienen. Unsere Autorin, die schon viele Ecken Italiens bereist und lieben gelernt hat, war von ihrem eher zufälligen Besuch in Varese überrascht. Und: begeistert. Bei TRAVELBOOK erklärt sie, warum.
Wussten Sie, dass die Provinz um Varese zu den wirtschaftlich starken Regionen Norditaliens zählt? Ihre Entwicklung wurde nicht zuletzt durch die Nähe zu Mailand und zur Schweiz begünstigt. Eben diese Lage brachte auch mich nach Varese – als spontan gewählte Zwischenstation auf der Fahrt von Deutschland nach Cremona. Die Schweiz mit ihren zahlreichen malerischen Orten liegt zwar auf der Route. Doch für mein eher pragmatisches Vorhaben kam eine Übernachtung dort – bekanntlich kein ganz günstiges Vergnügen – nicht wirklich infrage. Also: Varese. Ein Zufall, der sich als Glücksfall erwies.
Warum Varese für mich ein Geheimtipp in Italien ist
Mit „Geheimtipp“ möchte ich nicht sagen, dass nur wenige überhaupt schon von Varese gehört hätten oder dass die Stadt auf den ersten Blick überwältigend schön wäre. Zwischen eleganten Villen, alten Parks und den Ausläufern der Seenlandschaft finden sich auch viele leerstehende Geschäfte und Ecken, die etwas heruntergekommen wirken. Nicht jede Fassade ist auf Hochglanz poliert.
Die Schönheit Vareses liegt in der Atmosphäre. In den grünen Hügeln, der historischen Architektur und einem gewissen Gefühl für den Ort. Es ist eher eine Reiseempfehlung für Menschen, die Italien nicht nur als prachtvolle Kulisse – dafür wären Städte wie Florenz, Venedig oder Verona wohl die bessere Wahl –, sondern seine Faszination in einer erfrischenden Unaufgeregtheit erleben möchten.
Und: gut essen möchten. Das tun sicherlich die meisten Italienbesucher. Sie finden in Varese und Umgebung eine hervorragende Küche vor, mit überraschenden lombardischen Spezialitäten, die sich hinter denen anderer italienischer Regionen keineswegs verstecken müssen. Dafür kosten Besuche in Restaurants, Cafés und Bars generell aber oft deutlich weniger, was übrigens auch für Übernachtungen gilt.
Kulturelles Schwergewicht
Zugegeben, ähnlich verhält es sich wohl in unzähligen beliebigen Provinzstädtchen in Italien, die selbst einen großen Charme besitzen. Man sollte daher erwähnen, dass Varese und Umgebung darüber hinaus mit einer hohe Dichte an Geschichte, Natur und Atmosphäre punkten. Einen besonderen Höhepunkt bildet der Sacro Monte di Varese. Er zählt seit 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Mit seinem Pilgerweg und den Kapellen oberhalb der Stadt gehört der „Heilige Berg von Varese“ zu den bedeutendsten religiösen Ensembles Norditaliens; zugleich bietet er eindrucksvolle Ausblicke über die Lombardei.
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Keine Anbiederung an Touristen
Natürlich ist Varese auf Gäste vorbereitet und verfügt über eine touristische Infrastruktur. Doch der Ort ist wahrlich nicht bis ins Letzte auf Besucher zugeschnitten. Englisch auf Speisekarten oder als Alltagssprache ist hier nicht selbstverständlich. Hinter manch unscheinbarer Fassade verbergen sich – insbesondere jenseits des kleinen Stadtzentrums – Restaurants, die mit Einheimischen bis auf den letzten Platz gefüllt sind. Insgesamt folgt der städtische Alltag dem lokalen Leben, nicht unbedingt den Erwartungen von Reisenden.
Wobei Besuchern von außerhalb gegenüber eine große Freundlichkeit entgegengebracht wird. Und zwar eine, die einen aufrichtigeren Eindruck macht als in manchen italienischen Touristenhochburgen. Kein aufdringliches Hereinwinken in Lokale, kein Aufquatschen hochpreisiger zusätzlicher Gerichte, keine Abfertigung – zumindest habe ich keine entsprechenden Erfahrungen gemacht. Dafür kommt man schnell mit den Menschen, auch aus dem Servicesektor, in ein nettes Gespräch.
Schön für einen Besuch, aber zum Leben doch zu wenig?
Ein junger Kellner berichtete, dass viele seiner Freunde nach Mailand gegangen seien. Das sei eigentlich normal bei den Jugendlichen der Stadt. Das dynamische Mode- und Designzentrum der Lombardei biete mehr Möglichkeiten und Perspektiven. Varese sei ein schöner Ort zum Leben, räumt er ein, aber vielleicht nicht gerade in jungen Jahren.
Seine Schilderung erinnert an eine Initiative aus dem vergangenen Jahr. Wie TRAVELBOOK berichtete, versuchte die Gemeinde damals mit finanziellen Anreizen junge Familien und Fachkräfte zum Zuzug zu bewegen. Damit sollte einer fortschreitenden Abwanderung entgegengewirkt werden.
Kein Bilderbuch-Reiseziel – und genau das macht es so schön
Gewiss muss Varese im Schatten der nahen Metropole Mailand seinen Platz immer wieder neu austarieren. Für Besucher ist die Stadt trotzdem weit mehr als eine belanglose Zwischenstation. Ihre zentrale Lage macht sie nicht zuletzt auch zu einem idealen Ausgangspunkt für größere und kleinere Entdeckungstouren, zu dem man gern wieder zurückkehrt. Como etwa erreicht man mit dem Auto in rund 45 Minuten, und noch näher sind verschiedene Wälder, Seen und sogar beeindruckende Wasserfälle mitten in der Region Varese. Gerade diese Mischung aus lebendiger Stadt und abwechslungsreicher Natur macht den besonderen Reiz aus.
Italienliebhaber sollten Varese also unbedingt gezielt ansteuern. Belohnt werden sie neben der herrlichen lombardischen Küche außerdem mit außergewöhnlich köstlichem Eis, und als Sahnehäubchen gibt es eine überraschend herzliche Atmosphäre obendrauf. Für mich persönlich sind das eigentlich schon ausreichend Gründe für einen Besuch. Mein erster (und bestimmt nicht letzter) hat daher auch ein paar Tage länger gedauert als geplant.