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TRAVELBOOK-Autorin in Hongkong

Was ich auf einer Fußgängerbrücke in Hongkong entdeckte – und nie wieder vergesse

HongKong Erfahrungsbericht
TRAVELBOOK-Autorin Doris Tromballa hat in Hong Kong eine Entdeckung gemacht, die ihr nicht mehr aus dem Kopf ging Foto: Getty Images/ privat/ Collage TRAVELBOOK
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Doris Tromballa
Freie Autorin

30. Dezember 2025, 15:04 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Wer schon mal die beeindruckende Skyline von Hongkong gesehen hat – hier gibt es fast 3000 Wolkenkratzer, und der höchste ist über 400 m hoch – der vergisst diese gigantische Glitzer-Stadt nie wieder. Aber wer sich durch die engen Gassen zwischen den Glasfassaden in das Straßenlabyrinth der Mega-City vorwagt, bekommt ein ganz anderes Gesicht der Stadt zu sehen.

Ich war schon einige Tage in Hongkong unterwegs – den Kopf im Nacken, die gigantischen Wolkenkratzer bewundernd. Ich hatte den Kowloon Walled City Park besucht, war mit der Star Ferry nach Hongkong Island geschippert und hatte viele Garküchen getestet. Doch dass mich eine einfache Fußgängerüberquerung so irritieren – und gleichzeitig berühren – würde, hätte ich nicht erwartet. Es war ein Sonntag, die Luft warm wie aus einem Föhn, und ich wollte eigentlich nur schnell über eine vielbefahrene Kreuzung im Stadtteil Mong Kok kommen. Also nahm ich die Treppe hinauf zu einem der typischen erhöhten Überwege. Doch was war das? Unvermittelt blieb ich stehen.

Ein Massen-Picknick auf dem Fußgängerüberweg?

Denn vor mir saßen Hunderte Frauen auf dem Boden – auf Plastikplanen, Kartons, Decken, zwischen Geländern, unter neonflackernden Werbetafeln. Manche führten angeregte Gespräche, andere machten Selfies, wieder andere flochten sich gegenseitig die Haare. Der Geruch von gebratenem Hühnchen und exotischen Gewürzen mischte sich mit dem Parfüm, das zart in der Luft schwebte. Ich hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging – und war genau deshalb sofort fasziniert.

Wer diese Frauen sind – und warum sie genau hier sitzen

Tatsächlich wurde ich an diesem Sonntagmittag Zeugin eines Rituals, das zu Hongkong gehört wie die Star-Ferry oder der Victoria Peak. Rund 300.000 Haushaltshilfen, fast alle aus Indonesien oder den Philippinen, arbeiten in der Metropole. Fast alle sind Frauen. Sie sind Kindermädchen, Köchinnen, Pflegerinnen, Putzhilfen. Ihre Arbeitswoche umfasst nicht selten bis zu 80 Stunden. Und sie haben einen freien Tag: den Sonntag.

Während viele Hongkonger diesen Tag nutzen, um zu entspannen, einzukaufen oder wandern zu gehen, können sich die Haushaltshilfen in ihren oft winzigen Wohnsituationen kaum zurückziehen. Viele schlafen im Abstellraum oder auf einer Klappliege im Wohnzimmer ihrer Arbeitgeber. Freunde einzuladen ist oft nicht erlaubt. Also treffen sie sich an ihrem freien Sonntag draußen – überall dort, wo Platz ist.

Brücken, Fußgängerüberwege, Parks, die Flächen unter Bankentürmen: Der gesamte öffentliche Raum verwandelt sich sonntags in ein soziales Netzwerk aus echten Begegnungen. Was für Touristen wie ein improvisiertes Straßenpicknick wirkt, ist in Wirklichkeit ein riesiges Gemeinschaftsritual, das seit Jahrzehnten existiert.

Ein Picknick, das weit mehr bedeutet als Essen

Ich drücke mich langsam durch die Menge und sehe liebevoll gepackte Tupperdosen, Thermoskannen mit Tee, Martabak Manis (gefüllte Pfannkuchen aus Indonesien) und Sapin-Sapin (Reiskuchen von den Philippinen). Eine Gruppe spielt Karten, eine andere singt lachend Karaoke mithilfe eines Bluetooth-Lautsprechers. Neben mir übt eine Frau aufgeregt eine Videobotschaft für ihr Kind ein, das sie monatelang nicht gesehen hat.

Mir wurde klar: Für diese Frauen ist der Sonntag nicht nur ein freier Tag. Er ist ihr Anker, ihr Moment von Normalität. Eine kurze Pause von der Arbeit, aber auch eine Rückverbindung zu allem, was Tausende Kilometer entfernt liegt – zur Familie, zu Freunden, zur eigenen Identität.

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Von Mong Kok bis Central – ein unsichtbares Netzwerk

Die fröhlichen Treffen beschränken sich nicht nur auf die Fußgängerbrücke von Mong Kok. Im Stadtteil Central (wo die Shops Handtaschen für 12.000 Euro im Schaufenster anbieten) sitzen sonntags viele Filipinas, oft auf Pappkartons, die sie zu kleinen Wohnzimmern umgestalten: mit Vorhängen aus Stoffresten, Mini-Altären, Make-up-Spiegeln. Viele bieten Handyreparaturen oder Haarschnitte an. Dieses Treffen hat inzwischen den Spitznamen „Little Manila“. In Causeway Bay dominieren Gruppen aus Indonesien, dort wird mehr gekocht, gelacht, getanzt – und geteilt: Auf kleinen Tischchen sind fein säuberlich die Pappteller nebeneinander mit selbstgemachten indonesischen Snacks aufgebaut.

Was für Außenstehende wirkt wie eine spontane Party, folgt einer erstaunlichen Ordnung: Jede Gruppe hat ihren festen Platz, jede Ecke ihr eigenes soziales Gefüge. Es ist ein Mikrokosmos, der die Stadt für einen Tag neu definiert.

Was dieser Sonntag mit mir gemacht hat

Eigentlich wollte ich nur kurz über die Straße – doch ich blieb viel länger auf dem Fußgängerüberweg stehen, als ich geplant hatte. Erst aus Neugier, dann aus Respekt, schließlich aus echter Bewunderung. Dieses sonntägliche Ritual zeigte mir eine Seite der Metropole, die man als Tourist leicht übersieht – obwohl sie vor unseren Augen stattfindet. Ich fühlte mich ziemlich durcheinander: Hongkong, diese Stadt der Milliardäre, der Designer-Einkaufszentren, der Stararchitekten-Fassaden – und dann diese Parallelwelt der Kindermädchen und Haushaltshilfen, die oft für den Mindestlohn (ca. 550 Euro pro Monat) arbeiten – was für ein Kontrast. 

Da reißt mich eine freundliche Stimme hinter mir aus meinen Gedanken. Eine Frau hält mir eine Tupperdose, gefüllt mit duftendem Sapin-Sapin entgegen und lächelt. Ein kleines Stück Gebäck, aber ein großes Stück Gemeinschaft, das ich so schnell nicht vergessen werde.

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