1. September 2025, 6:18 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Von der Ostsee bis ans Mittelmeer lässt sich der Kontinent bequem auf Schienen entdecken. Doch wer von deutschen Bahngewohnheiten ausgeht, etwa spontane Gleisankunft oder freie Sitzplatzwahl, kann im Ausland schnell überrascht werden. In vielen Ländern gelten andere Regeln beim Ticketkauf, bei der Sitzplatzvergabe oder beim Verhalten an Bord. Worauf Reisende beim Zugfahren in beliebten Urlaubsländern in Europa besonders achten sollten.
Übersicht
Zugfahren in Europa – diese Regeln sollte man beachten
Frankreich
Wer mit dem Zug durch Frankreich reist, sollte besonders pünktlich sein – und das nicht erst ganz knapp vor der Abfahrt. Denn laut der französischen Bahn SNCF ist der Zugang zu TGV-, Intercité- und TER-Zügen lediglich „bis zu zwei Minuten vor Abfahrt garantiert“. Wer also erst auf die Minute am Gleis erscheint, riskiert, nicht mehr in den Zug zu kommen. Vor allem an großen Bahnhöfen mit Bahnsteigsperren und automatischer Ticketkontrolle empfiehlt sich zusätzliche Zeitreserve.
Auch beim Ticketkauf lohnt sich frühes Handeln. Die Schnellzüge auf beliebten Strecken sind mitunter komplett ausgebucht. Eine SNCF-Sprecherin rät dazu, die Fahrkarte zu reservieren, sobald sie erhältlich ist. Das kann bis zu neun Monate im Voraus möglich sein. Ein Sitzplatz wird automatisch mit der Buchung vergeben.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Gepäckstücke müssen in französischen Zügen mit einem Namensetikett versehen sein. „Tragen Sie einfach Ihren Namen, Vornamen, Ihre Postanschrift, eine Telefonnummer und/oder eine E-Mail-Adresse ein“, erklärt die SNCF. Dies diene auch der Sicherheit – herrenlose Koffer ohne Kennzeichnung könnten als Gefahr wahrgenommen werden.
Im Zug selbst geht es ruhiger zu als in Deutschland. Kinder werden von den Eltern häufig zur Ruhe ermahnt, und Telefonate sollten im Gang geführt werden.
Spanien
Spanien verfügt über das weltweit zweitgrößte Netz an Hochgeschwindigkeitszügen – nur China bietet mehr. Die Fahrt von Barcelona nach Madrid über etwa 500 Kilometer dauert gerade einmal zwei Stunden und 44 Minuten.
Vier Anbieter teilen sich den Markt: das staatliche spanische Bahnunternehmen Renfe, deren Billigableger Avlo, das französische Unternehmen Ouigo und das italienische Iryo.
Die Züge punkten durch Sauberkeit, Komfort, Pünktlichkeit – und vergleichsweise ruhige Atmosphäre. Telefonieren ist erlaubt, aber zurückhaltend. Auch Essen am Platz ist üblich. Für Ruhebedürftige empfiehlt sich der „Coche de Silencio y la Lectura“ – der Ruhe- und Lesewagen.
Die meisten Züge verfügen über eine Cafeteria, in einigen Fällen kann online mit dem Ticket auch ein Menü zur Platzverpflegung gebucht werden. Der Ticketkauf erfolgt wahlweise an Schaltern oder online – inklusive obligatorischer Sitzplatzreservierung. Auch hier gilt: Je früher, desto besser.
Italien
Zugfahren in Italien überrascht viele mit günstigen Preisen – und relativ pünktlichem Verkehr. Das Angebot reicht von Regionalbahnen bis zu Schnellzügen von Trenitalia („le Frecce“) oder Italo. Ein Beispiel: Die Fahrt von Florenz nach Siena kostet rund zehn Euro und dauert etwa anderthalb Stunden.
Tickets gibt es über App, Website oder Automaten. Wer flexibel bleiben möchte, sollte eine Umbuchungsoption wählen. Fahrkarten werden in verschiedenen Komfortklassen angeboten – von Standard bis Executive, mit Extras wie Sitzplatzreservierung oder kostenloser Rückerstattung.
Telefonieren ist erlaubt – und oft lautstark. Wer lieber Ruhe sucht, kann Plätze in der „Area Silenzio“ buchen. Kinder sind sehr willkommen, gelegentlich sorgen sogar Mitreisende für Unterhaltung.
Essen am Platz ist selbstverständlich, ob Pasta-Box aus dem Bordrestaurant oder selbst mitgebrachtes Panino – oft auch begleitet von einem Glas Wein. Übertreibung sollte man sich jedoch verkneifen: Wer betrunken wirkt, macht „keine bella figura“.
Eine strikte Gepäckgrenze gibt es nicht – aber jeder sollte sein Gepäck selbst tragen können. Fahrräder sind in Regionalzügen meist willkommen, in Fernzügen allerdings nur mit vorheriger Reservierung und gegebenenfalls Aufpreis.
Skandinavien
Auch im Norden von Europa funktioniert das mit dem Zugfahren etwas anders. In Schweden etwa ist eine Sitzplatzreservierung bei Fernverbindungen in der Regel automatisch enthalten. Das macht das Reisen entspannt, denn wer auf seinem Platz sitzt, wird nicht kontrolliert. Der Nachteil: Ist der Zug ausgebucht, lässt sich kein Ticket mehr kaufen.
Wer mit seinen Kindern durch Schweden reist, sollte beim Bahnanbieter SJ nach Familienangeboten Ausschau halten, die bei frühzeitigem Buchen satte Ersparnisse ermöglichen. Und wer gerne über Nacht fährt und günstiger Richtung Norden kommen will, für den ist das Unternehmen Snälltåget unter anderem ab Hamburg oder Berlin eine Alternative.
In dänischen Zügen der DSB sollte man sich vorab mit Proviant eindecken, weil es an Bord höchstens Snacks am Automaten oder von einer Service-Mitarbeiterin gibt. In schwedischen Zügen dagegen gibt es meist ein einladendes Bordbistro. Generell sind die Skandinavier beim Bahnfahren entspannter als die Deutschen.
Generell gilt: Skandinavier fahren entspannter Bahn als Deutsche. Allerdings kann es auf der Strecke zwischen Hamburg und Kopenhagen wiederholt zu Verzögerungen kommen – „aufgrund von Grenzkontrollen“, insbesondere in Richtung Dänemark. So kann es am Grenzbahnhof Padborg zu längeren Aufenthalten kommen.
Polen
Bei der polnischen Eisenbahn PKP kann man die Tickets grundsätzlich frühestens 30 Tage vor Reisebeginn buchen. Das geht am besten online – und wer früh bucht, bekommt die besten Preise.
Im Zug schätzen Polen Zurückhaltung. Laute Gespräche und Telefonate sind unerwünscht. Telefonieren ist zwar prinzipiell erlaubt, höfliche Fahrgäste nutzen dafür jedoch meist den Gangbereich.
Am Platz darf gegessen werden, oft lässt sich via App auch Essen aus dem Speisewagen bestellen. Viele Züge verfügen über einen solchen – und das Speisenangebot ist qualitativ gut und aus deutscher Sicht preiswert.
Gepäckbeschränkungen gibt es keine. Wer allerdings ein Fahrrad mitnehmen möchte, sollte früh buchen: Die Fahrradplätze – etwa auf der Strecke Warschau–Danzig – sind rar. „Pro Schnellzug stehen nur vier Radplätze zur Verfügung“, heißt es. Deshalb sichern sich viele Fahrradtouristen ihre Plätze exakt 30 Tage vor Abfahrt – sobald der Verkauf startet.
Mit Material von dpa

