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Urlaub ohne Abfall? Auf dieser griechischen Insel ist das Realität

Urlaub ohne Abfall? Auf der griechischen Insel Tilos ist das breits Realität
Urlaub ohne Abfall? Auf der griechischen Insel Tilos ist das bereits Realität Foto: Getty Images
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Nicolas Kaufmann
Nicolas Kaufmann

25. April 2026, 14:27 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

In Urlaubsregionen fällt meist viel Müll an. Das stört das Bild und belastet die Umwelt. Auf einer Urlaubsinsel ist das jedoch anders: Hier bleibt praktisch kein Abfall übrig. Besucher erleben eine wahre Zero-Waste-Erfolgsgeschichte – und damit quasi eine Reise in die Zukunft.

Idyllische Küstenorte, Traumstrände, kulinarischer Genuss: Die griechischen Inseln bezaubern mit ihrer Schönheit und entspanntem Flair. Vor allem im Sommer sind sie ein beliebtes Reiseziel. Denn lange Sand‑ und Kiesstrände, Lagunen und versteckte Buchten eignen sich perfekt für einen Badeurlaub. Die Wenigsten werden aber von einer Insel gehört haben, die anderen Orten in gewisser Weise voraus ist: Tilos.

Denn wer hier ankommt, merkt schnell, dass einiges anders läuft als anderswo in Griechenland. Die kleine Ägäis-Insel macht vor, wie Nachhaltigkeit in Zeiten des Klimawandels funktioniert.

Eine Insel in Griechenland wird zur Zero-Waste-Pionierin

Tilos gehört zur Inselgruppe der Dodekanes, liegt unweit von Rhodos und zählt gerade einmal rund 900 Einwohner. Vier Siedlungen – Megalo Chorio, Livadia, Agios Antonios und Eristos – verteilen sich über die ruhige, naturbelassene Insel. Statt Massentourismus geht es hier um Nachhaltigkeit – und das konsequenter als auf anderen griechischen Inseln.

Die Gemeinde verfolgt eine Lebensweise, bei der Abfälle vermieden und wiederverwendet werden. Im Sommer 2021 startete sie das Programm Just Go Zero. Gemeinsam mit der europäischen Organisation Zero Waste Europe, der Mission Zero Waste Academy und der griechischen Ökologischen Gesellschaft für Recycling entwickelte Tilos ein System, das Abfall praktisch eliminiert. Partner vor Ort ist ein Entsorgungsunternehmen.

Das Prinzip ist radikal: Öffentliche Mülltonnen wurden abgeschafft. Stattdessen nutzt jeder Haushalt spezielle Taschen für Wertstoffe, der Abfall wird direkt an den Haushalten abgeholt. Die Menge wird mithilfe eines individuellen QR-Codes erfasst, der persönliche Recyclinganteil lässt sich in Echtzeit in einer App verfolgen.

Bioabfälle werden zu Dünger verarbeitet oder energetisch genutzt. Alte Möbel und defekte Geräte werden repariert, wiederverwendet oder in Rohmaterialien zerlegt. Was nicht recycelt werden kann, wird zur energetischen Verwertung weiterverarbeitet.

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Mit diesen Maßnahmen will Tilos die Umweltbelastung minimieren und eine echte Kreislaufwirtschaft gewährleisten. Und das hat auch Erfolg. 2023 wurde die Insel offiziell zur „Zero Waste Certified City” erklärt. Damit war sie die erste abfallfreie Gemeinde Griechenlands und weltweit die erste Insel mit dieser Zertifizierung. Heute wird nahezu der gesamte Abfall der Insel recycelt.

Nachhaltigkeit endet hier nicht beim Müll

Der Zero-Waste-Ansatz ist nur ein Teil der Transformation. Zuvor hatte Tilos bereits den Übergang zur umweltfreundlichen Energie unternommen. Zwischen den Jahren 2015 und 2019 lief ein EU-gefördertes Energieprojekt, das die Insel unabhängiger machen sollte. Herzstück ist ein Hybridkraftwerk, das Wind- und Solarstrom kombiniert und überschüssige Energie in Batterien speichert.

Für rund zwei Monate im Jahr kann sich die Insel dadurch weitgehend selbst mit Strom versorgen. Ergänzt wird das System durch einen Photovoltaikpark. Über ein Unterseekabel wird zudem grüne Energie an die Nachbarinsel Kos geliefert. Auch Elektromobilität wird gezielt gefördert. Für diese Entwicklung wurde Tilos 2024 bei einem von der Europäischen Kommission unterstützten Wettbewerb zur Energiewende ausgezeichnet.

Tilos bietet zugleich Kultur und Entspannung

Trotz aller Innovation bleibt Tilos ein entspanntes Urlaubsziel. Die Strände sind naturbelassen, das Wasser kristallklar. Viele Gebiete stehen unter Naturschutz, seltene Vogelarten finden hier Lebensraum. Auch kulturell hat die Insel einiges zu bieten. In Megalo Chorio thront eine mittelalterliche Burg auf einem Hügel, im archäologischen Museum sind alte Funde ausgestellt. In der Höhle Charkadio lassen sich Überreste von Zwergelefanten bestaunen, die hier noch vor etwa 4000 Jahren lebten.

Ein besonderer Ort ist Mikro Chorio: ein verlassenes Dorf, dessen Ruinen heute wieder zum Leben erwachen. Im Sommer öffnet hier abends eine Bar, die alten Steinhäuser werden beleuchtet. Wer bis in die frühen Morgenstunden bleibt, kann den Sonnenaufgang am Horizont bestaunen.

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Dutzende griechische Inseln werden zu „Eco Islands”

Dennoch ist Tilos kein Einzelfall. Die Insel gehört zu den Gemeinden der Initiative „GR-eco Islands“, mit der Griechenland seit 2023 mit EU-Förderung die Energiewende auf Dutzenden kleinen Inseln vorantreibt. Ziel ist es, erneuerbare Energien auszubauen, nachhaltige Mobilität zu fördern und Inseln widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen.

Ausgewählt sind Inseln mit einer Bevölkerungszahl von 100 bis 3500 Einwohnern. Darunter fallen auch Santorini sowie Teile von Naxos, Korfu und Lefkada. Vorzeigeprojekt ist aber Chalki: Die Insel, die ebenfalls zu den Dodekanes gehört, versorgt sich mithilfe eines Photovoltaikparks selbst mit grünem Strom. Elektromobilität, eine modernisierte öffentliche Beleuchtung sowie verbesserte Telekommunikationsdienste zur weiteren Unterstützung von E-Learning und Telemedizin machten Chalki zum ersten „Eco Island” der Region.

Die Ägäis-Insel Astypalea setzt ebenfalls auf Solar und treibt die vollständige Elektrifizierung des Straßenverkehrs voran. So wurden in einem gemeinsamen Projekt der griechischen Regierung mit dem deutschen Autobauer Volkswagen Elektrofahrzeuge für die örtlichen Behörden zur Verfügung gestellt. Da darf natürlich auch ein Sharing-Dienst für Elektrofahrzeuge, E-Bikes und E-Scooter nicht fehlen.

Besucher auf Tilos können am Erfolg teilhaben

Zugleich verzeichnen viele griechische Inseln einen hohen Touristenandrang, sodass die Personen insbesondere in den Sommermonaten die Zahl der Einwohner deutlich übersteigen. Das belastet die ursprünglich für weit weniger Menschen ausgelegte Infrastruktur. Damit sich das Erfolgskonzept auf Inseln wie Tilos dennoch fortsetzt, sollen auch die Besucher, die die Insel mit der Fähre von benachbarten Inseln wie Rhodos und Kos oder von Piräus auf dem Festland erreichen können, einbezogen werden.

Am Hafen von Livadia befindet sich ein Informationszentrum, das schon bei der Ankunft Hinweise über den nachhaltigen Umgang mit Abfall gibt. Außerdem kann man über einen QR-Code erforderliche Informationen erfahren. Um etwa beim Einkaufen Abfall zu vermeiden, wird die Verwendung einer Stofftasche empfohlen.

Tilos macht damit vor, wie Tourismus und Nachhaltigkeit zusammengehen können. Die Insel zwingt niemanden zum Verzicht, aber sie macht deutlich, dass ein anderer Umgang mit Ressourcen möglich ist. Das Projekt gibt vielleicht einen Vorgeschmack darauf, wie Leben und Urlaub in Zukunft aussehen könnten.

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