Bestseller-Autor Eisert im Interview

Würden Sie heute noch mal nach Nordkorea reisen?

Pjöngjang, Nordkorea
Der Kim-Il-sung-Platz im Zentrum von Pjöngjang, Nordkoreas Hauptstadt
Foto: Getty Images

Urlaub in Nordkorea – geht das überhaupt? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: ja. Aber dass es natürlich etwas ganz Spezielles ist, in ein Land, das per Diktatur regiert wird, zu reisen, erlebte auch Christian Eisert. Der Bestseller-Autor schrieb über seine Abenteuer das Buch „Kim & Struppi“. Aber würde er jetzt noch einmal in das Land reisen? Die Antwort ist nicht so einfach... TRAVELBOOK traf ihn zum Interview.

 Mit dem Flieger in die Hauptstadt nach Pjöngjang, zurück ging’s mit dem Zug nach China. Nach der Reise hat er aus seinen Erlebnissen ein Buch geschrieben, das ein Bestseller wurde. „Kim & Struppi: Ferien in Nordkorea“ erschien 2014 und ist ein sogenanntes humorvolles Sachbuch. Es war ein halbes Jahr lang Platz zwei der Spiegel-Bestseller-Liste und insgesamt 15 Monate darin vertreten. Eisert: „Es ist im deutschsprachigen Raum das erfolgreichste Buch zum Thema Nordkorea. Das Besondere ist, dass es das Einzige ist, das mit Humor arbeitet.“ TRAVELBOOK traf den Autor zum Fünf-Jahres-Buchjubiläums-Interview.

Pjöngjang

In Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang leben etwa drei Millionen Menschen
Foto: Getty Images

TRAVELBOOK: Wie kommt man auf die Idee, nach Nordkorea zu reisen?

Christian Eisert: „Ich bin als Kind in Ostberlin aufgewachsen und ging dort in eine Schule mit dem schönen Namen ‚Schule der Freundschaft zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik‘. Wir bekamen regelmäßig Besuch von nordkoreanischen Gäste-Delegationen. Einmal haben wir einen Film gezeigt bekommen, über die Schönheiten Nordkoreas und Pjöngjangs. Darin kam auch eine regenbogenfarbene Wasserrutsche vor, die ich in der Größe vorher noch nicht gesehen hatte – ich war damals elf Jahre alt.

In den folgenden Jahren erinnerte ich mich immer an diese Wasserrutsche, sobald ich etwas von Nordkorea hörte. Eines Abends erzählte ich diese Geschichte einer guten Freundin und die meinte: ‚Was? Eine regenbogenfarbene Wasserrutsche, die Kim Il-sung den Kindern Koreas geschenkt hatte? Was habt ihr denn damals genommen?‘ Ich sagte: ‚Doch, das stimmt.‘ Nun, wir schauten im Internet nach–  fanden aber nichts. Irgendwann sagte ich im Spaß: ‚Fahren wir hin, gucken wir nach.’“

Wasserrutsche Kim und Struppi Christian Eisert Nordkorea

Eisert: „Die Regenbogenrutsche – ihretwegen reisten wir nach Nordkorea. Der Schriftzug hinten bedeutet:’Wir haben nichts zu neiden in der Welt.‘
Foto: Christian Eisert

Gesagt, getan. Was passierte dann bei der Einreise?

„Im Grund gibt es nur ein großes Hindernis bei Ferien in Nordkorea: Man darf kein Journalist sein. Meine Begleitung ist Foto-Reporterin, und ich bin als Fernseh- und Comedy-Autor quasi auch Journalist aus nordkoreanischer Perspektive – also mussten wir uns etwas einfallen lassen. Sie war dann Übersetzerin und ich Lehrer, was auch stimmt. Weil ich ja als Comedy-Coach Leuten beibringe, wie man lustig ist.

Mir war durchaus mulmig, als wir keine zehn Wochen nach dem besagten Abend in Pjöngjang landeten. Ich wusste, man würde uns die Handys abnehmen. Deswegen hatte ich meins zu Hause gelassen. Meine liebe Begleitung hatte ihres sehr wohl mit dabei, inklusive aller Kollegenkontakte – aber sie meinte: ‚Ist ja mit ’nem PIN-Code gesichert.‘ Bei der Einreise sollte sie dann ihr Handy abgeben, was zu ersten Problemen führte. Außerdem wurde unser Gepäck schon bei der Einreise durchleuchtet. Nicht bei der Ausreise.“

Christian Eisert

Bestseller-Autor Christian Eisert im Interview
Foto: Travelbook

Fotos darf man auch nicht überall machen, oder?

„Am Ende der Reise haben sie unsere ganzen Fotos kontrolliert. Die Zollbeamtin hat jedes einzelne Foto, das ich gemacht habe, angeguckt und die gelöscht, die ihr nicht gefallen haben. Die kannte sich mit meinem Fotoapparat besser aus als ich. Aber ich hatte ein Netbook mitgenommen, einzig zu dem Zweck, Fotos zu verstecken. Ich ersetzte hinter den Dateinamen die JPEG-Endungen durch Endungen von Systemdateien und versteckte sie tief in der Registry. Nach der Reise habe ich zwei Wochen gebraucht, bis ich alle Fotos wiedergefunden hatte. Das hätte natürlich alles auffliegen können.

Genauso hätten sie auch unser Gepäck durchsuchen können, wir haben ja jeden Tag das Zimmer verlassen. Das wird stichprobenartig gemacht. Außerdem bekamen wir mit, dass im Nebenzimmer Sicherheitskräfte wohnten, die auf uns ‚aufpassten‘. Ich war die ganze Zeit überzeugt, dass wir abgehört werden, und ich vermutete, dass der Spiegel im Zimmer von hinten durchsichtig war – hätte alles sein können.“

Klingt nach einem paranoiden Urlaub – warum haben Sie das gemacht?

„Es ist ein Land, von dem wir sehr viel hören, aber von dem wir nur sehr wenig sehen können. Es gibt ja im Grunde drei Nordkoreas: Das, was wir glauben, was es ist: der dicke Kim, die Atomraketen, die mangelernährten Menschen. Dann die nordkoreanische Sicht: das Paradies für alle Menschen, leider durch Sanktionen ein bisschen eingeschränkt. Und als Drittes: das Land, das es wirklich ist. Also irgendwas dazwischen. Uns wurde natürlich das Paradies vorgeführt. Mit dem Hinweis: Es könnte uns viel besser gehen, aber leider werden wir von den bösen USA sanktioniert.“

Hatten Sie Angst?

„Ja. Vor allem, dass wir uns verplappern und deshalb unsere Tarnung nicht hält. Ich war immer etwas angespannt. Wie angespannt auch alle anderen Touristen waren, zeigte sich im Zug nach China. Da hatte man uns Touristen in einem Extra-Waggon untergebracht, von dem wir nicht in die anderen Wagen laufen konnten. Wir waren also unter uns. Interessanterweise saß bei meiner Freundin Thanh und mir bis zur chinesischen Grenze noch ein Nordkoreaner mit im Abteil. Das heißt, wir konnten viele Stunden nicht frei sprechen, da wir nicht wussten, ob er Deutsch versteht. Als wir über die Grenze fuhren, in der Mitte des Flusses Yalu, fielen sich alle in unserem Waggon in die Arme und jubelten. Ein kollektiver Aufschrei im Sinne von: Hurra, endlich frei, wir sind in China. Da krieg ich gleich wieder Gänsehaut.“

Wie fühlt man sich, wenn man in Nordkorea unterwegs ist – ist es da sicher für Touristen?

„Ich reise ungern in Länder, in denen mir schlimme Dinge zustoßen können – ich sag nur: Skorpione, Überfälle oder Kälte. Und deswegen kann man sagen, Nordkorea ist ein sehr sicheres Reiseland. Man wird nicht überfallen, das Wetter ist in etwa so wie hier, und es wird ständig auf einen ‚aufgepasst‘. Es gibt auch dort, wo man entlang reist, keine wilden Tiere. Wenn man also alles macht, was sich die Nordkoreaner vorstellen, ist man sehr sicher. Man weiß nur nicht immer, was die sich vorstellen. Manchmal liegt man daneben. In unserem Fall kam hinzu, dass unsere Biografien ja nicht ganz sauber waren. Und natürlich hatten wir im Hinterkopf, dass kurz vor unserer Reise zwei ausländische Journalisten zu zwölf Jahren Arbeitslager verurteilt worden waren.“

Wie haben Sie Kontakt in die Heimat gehalten?

„Es bestand die Möglichkeit, eine E-Mail zu versenden. Im Hotel gab’s Internet. Man ging zu einer Poststelle und füllte ein Formular aus – wie man heißt, wo man wohnt, mit wem man da ist, seinen Beruf, wem man schreiben will. Das habe ich brav gemacht, dann öffnete mir eine Frau ein Mailprogramm und ich habe meinen Text geschrieben. Ich hatte mir für diesen Zweck eine Extra-Emailadresse zugelegt – brauchte ich aber gar nicht, weil ich direkt vom Hotel-Account verschicken musste. Ich hatte meinen Text fertiggeschrieben und wollte auf ‚Send‘ klicken, aber nein, das machte die Beamtin. Für diesen Service bezahlte ich 2,50 Euro.

Mit meiner Mutter hatte ich verschiedene Codes – bestimmte Grußformeln – vereinbart, die in der Mail stehen mussten, damit sie weiß, es geht mir gut. Wenn die nicht drinstanden – es hätte ja sein können, ich werde gezwungen zu schreiben, es sei alles in Ordnung, nachdem wir als Journalisten enttarnt wurden –, dann hätte sie sich nach einem Tag Wartezeit mit dem Auswärtigen Amt in Verbindung setzen sollen. So war die Vereinbarung.“

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In Nordkorea soll es 16 Frisuren für Damen und zehn für Herren zur Auswahl geben. Was sind skurrile Fakten über Nordkorea?

„Die Frisuren-Übersichten hingen tatsächlich in Friseursalons. Da sagt der Kunde dann, er möchte zum Beispiel gern die Sieben. Die Haare müssen eine vorgeschriebene Länge haben. Ab einem bestimmten Alter dürfen Männer die Haare etwas länger tragen, um die Glatze zu überkämmen. Solche Vorschriften gab es tatsächlich. Ob die heute noch gelten, kann ich nicht sagen. So etwas bleibt lange als Legende erhalten, wenn es längst nicht mehr gilt. Es gab wohl auch einen Schönheitssalon in Pjöngjang, in dem auf Anregung von Kim Jong-un Glas-Vakuum-Glocken Frauen helfen sollten, ihre Brüste zu vergrößern.“


Foto: Ullstein

Welche technischen Geräte benutzen die Menschen da?

„Handys, Laptops – aber nur die Elite, und vor allem in Pjöngjang. Ich habe Fotos gemacht von Menschen, die auf der einen Seite das Fahrrad schoben und auf der anderen auf ihrem Handy tippten. Es fahren auch Volvo-SUVs und Mercedes-Limousinen herum, die eigentlich gar nicht da sein dürften, weil ein Embargo seit 2006 die Einfuhr solcher Luxusgüter verbietet. Aber die kommen dann eben über China. Am Bahnhof kurz vor der Abfahrt hatte ich mehrere Passats mit staatlichen Kennzeichen fotografiert, die die Dame von der Grenzkontrolle dann löschte, da ich die Bilder nicht mehr verstecken konnte.“

Sieht man das wahre Leben auf der Straße?

„Na ja, was man gesehen hat, waren zum Beispiel Verkaufsstände unter Brücken. Da wurden Bananen angeboten– wo kommen die her? Oder es gibt auch in Hinterhöfen nachts stattfindende, eigentlich illegale Märkte. Das wird staatlicherseits geduldet, weil das die Lebensmittelversorgung verbessert, die der Staat teilweise nicht leisten kann. Jeder Koreaner hat ja Anrecht auf eine Ration, die ihm zugeteilt wird. Auf der anderen Seite gibt es in Pjöngjang mehrere Pizza-Restaurants und Burgerläden und sogar ein Sushi-Restaurant. Man versucht da, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Zum einem muss die Hauptstadt toll aussehen. Zum anderen – und das ist noch viel wichtiger – muss den Menschen, die in Pjöngjang leben, und die alle zur politischen Elite gehören, etwas geboten werden, damit die nicht aufmucken. Das sind höchst zuverlässige Leute, auf die sich der Staat eben auch stützen muss. Es wird in Nordkorea vermutlich keine Revolution von unten stattfinden, so wie anderswo. Dafür ist das Überwachungssystem zu eng. Eher wird es in der Führungsebene rumoren, dass dann zum Beispiel ein zweites Glied in der Hierarchie aufmuckt. Und natürlich will man den Touristen etwas zeigen. Es gibt anderswo im Land Wintersportgebiete und Badeparadiese. Das ist ja auch alles dazu da, Devisen (Fremdwährungen, Anm. d. Red.) ins Land zu bringen.“

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Was gab’s für Sie zu Essen?

„Sehr viel. Zumindest abends und mittags. All inclusive. Morgens hielt es sich in engen Grenzen. Da gab es gebuttertes Toast – das ist aber in anderen Ländern auch so – und einen Teebeutel, der für mehrere Tassen reichen musste. Irgendwer erzählte auch, dass er so kleine, abgelaufene Butterpäckchen bekam. Möglicherweise aus Hilfslieferungen, damit zuerst mal der Tourist halt nicht verhungert. Und abends hat man uns so viel aufgetischt, dass wir nicht alles essen konnten. Auch um zu zeigen, ‚uns geht es gut‘.

Das ist dann so richtig klassische, koreanische Küche. Zu allen Mahlzeiten Kimchi, Meeresfrüchte, gegrilltes Fleisch wie Rind, Schwein, manchmal wusste man es auch nicht genau. Ein sogenanntes, ziemlich dürres Kaiserhuhn konnte man für 30 Euro extra bestellen. Ich hatte manchmal Sorge, ob die Kühlkette bei den regelmäßigen Stromausfällen intakt geblieben war. Aber ich habe trotzdem unverpacktes Eis gegessen und es überlebt, kein Magen-Darm, nichts.“

Bulgogi Christian Eisert Nordkorea Kim und Struppi

Eisert: „Bulgogi – traditionelles Grillen am Tisch. Schmeckt besser, als es aussieht. Der Schnaps desinfiziert von innen.“
Foto: Christian Eisert

Wie hat sich Ihre Sicht auf das Land durch Ihren Besuch verändert, sind Sie Fan von Nordkorea?

„Nein, gar nicht. Ich finde es ein faszinierendes Land, würde mich aber nie als Nordkorea-Fan bezeichnen. Ich habe im Nachgang zu diesem Buch aber viele Leute kennengelernt, die richtige Nordkorea-Fans sind. Die sich in Armeeuniformen fotografieren, und mich teilweise auch beschimpft haben, weil ich ihrer Meinung nach dem System zu kritisch gegenüber eingestellt bin – und nicht ganz so ein Fan.“

Wie plant man diese Reise?

„Es gibt fertige Pakete. Wie man auch andere Studienreisen bei verschiedenen Veranstaltern bucht, bei denen man sagen kann: Heute Rom, morgen Neapel und übermorgen woanders. Da hat man für Nordkorea mehrere Möglichkeiten. Das lässt sich alles online erledigen. Man braucht natürlich ein Visum, das organisiert meist der Reiseveranstalter. Und man braucht ein Visum für China. Dafür haben wir eine Visa-Agentur beauftragt, damit wir nicht irgendwelche Fragen beantworten mussten und uns da verplappern. Das Visum für China braucht man, weil man ja immer über Peking fliegt. Und dann wird man direkt am Pjöngjanger Flughafen von den Guides abgeholt und bleibt mit denen die ganze Zeit zusammen. Heute kann man ein bisschen mehr in Pjöngjang rumlaufen, als es damals möglich war. Da ist man schon bisschen entspannter, letztlich aber auch, weil Pjöngjang ein nordkoreanisches, gut überwachtes Disneyland ist.“

Würden Sie heute noch mal nach Nordkorea reisen?

„Ich würde sehr gern noch mal hinwollen. Allerdings hat man mir hier von offiziellen Stellen gesagt, rein würde man mich lassen, aber …“

… raus wohl eher nicht, verstehe. Aber haben Sie denn die Regenbogen-Rutsche gefunden?

„Da verweise ich gerne aufs Buch, das steht da drin.“

Das stimmt, es steht da drin. TRAVELBOOK verrät: Es steht auf Seite 310.

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