5. November 2025, 17:21 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die schwedische Stadt Kiruna muss dem Bergbau weichen und wird deshalb umgesiedelt. Zuletzt sorgten Bilder für Aufsehen, als die Stadt ihre Kirche im ganzen Stück an ihren neuen Standort gebracht hat. Jetzt gibt es wieder Schlagzeilen aus dem „neuen“ Kiruna: Es ist deutlich kälter geworden. TRAVELBOOK verrät, was dahintersteckt.
Obwohl sich das regionale Klima nicht verändert hat, ist es im schwedischen Kiruna jetzt deutlich kühler. Die Stadt liegt in der Arktis, die Bewohner sind Kälte gewohnt. Doch seit dem Umzug ist es im Winter im Schnitt nochmal um bis zu zehn Grad kälter als früher. Ein spürbarer Unterschied! Eine neue Untersuchung der Universität Göteborg hat festgestellt, welche Faktoren dazu beitragen. Offenbar wurden bei der Planung der neuen Stadt einige Fehler gemacht.
Mikroklima wurde bei der Planung ignoriert
Kiruna ist eine Bergbaustadt in der Arktis, die Anfang des 20. Jahrhunderts extra für die Bergleute errichtet wurde. Allerdings ist der Bergbau in der Eisenerzmine inzwischen so weit zum Zentrum von Kiruna vorgerückt, dass es zu gefährlich ist, weiter darüber zu wohnen. Aus diesem Grund wird die Stadt seit einigen Jahren Stück für Stück umgesiedelt.
Der neue Standort ist nicht weit entfernt – etwa fünf Kilometer weiter östlich entsteht das „neue“ Kiruna. Über die Jahre wurden dort Straßen, Infrastruktur und Neubauten errichtet und nach und nach siedelten sich dann die Bewohner in der neuen Umgebung an. Zuletzt wurde die über 100 Jahre alte Kirche im Ganzen in das neue Zentrum befördert.
Doch die Umsiedlung hat die Folge, dass es plötzlich kälter in der Stadt geworden ist. Jennie Sjöholm von der Universität Göteborg erklärt in einer aktuellen Untersuchung, dass bei der Stadtplanung das Mikroklima nicht optimal berücksichtigt worden sei. Je nachdem, wie Gebäude, Straßen, Bäume und vieles andere in einer Stadt angeordnet sind, beeinflusst das auch die Temperatur in der Umgebung. Deshalb haben Städte ihr eigenes Klima, ihr Mikroklima.
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„Verdammter Windkanal“ wurde geschaffen
Ursprünglich lag Kiruna an einem sonnigen Südhang, die Straßen waren gewunden, sodass der Wind nicht so leicht hindurchziehen konnte, und es gab statt großer Plätze eher viele kleinere Grünflächen und Kreuzungen. Bei der neuen Planung wurden diese Aspekte nicht mehr berücksichtigt.
Das neue Gebiet liegt zum einen in einem dunkleren Tal, etwa 100 Meter tiefer als das alte. Dadurch gibt es gerade im Winter weniger Sonneneinstrahlung und die kalte Luft sammelt sich in der Senke. Außerdem wurden die Gassen und Straßen ganz gerade angelegt, sodass der Wind hindurchfegen kann. Außerdem wurden die kleinen Plätze durch große, offene Bereiche oder Einkaufszentren ersetzt. Laut der Untersuchung der Universität Göteborg sind im Zentrum die Gebäude so hoch und die Straßen so eng ausgerichtet, dass die tief stehende Sonne viele Monate im Jahr kaum den Boden erreicht.
Jennie Sjöholm kommt zu dem Schluss, dass die Stadtplaner zwar durch das neue Geschäftszentrum mit drei Einkaufszentren, einem Platz und einem neuen Rathaus einen Mehrwert geschaffen hätten, gleichzeitig aber auch einen „verdammten Windkanal“.
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Kiruna war einst eine Vorzeige-Winterstadt
Eigentlich, so Sjöholm in der Untersuchung, sind das Wissen um die richtige Architektur und Stadtplanung für arktische Bedingungen seit Langem bekannt. Denn immerhin wurde Kiruna einst als Winterstadt angelegt. Sie war eine Art Experimentierfeld für Stadtplanung im extremen Klima. Kiruna diente als Vorbild, wie man durch die richtige und angepasste Architektur die Lebensqualität auch bei arktischen Bedingungen verbessern kann.
Laut Sjöholm haben die Planer nun andere Prioritäten gesetzt. Sie liegen demnach nicht mehr auf dem umfassenden Schutz des Mikroklimas im neuen Kiruna. Ihrer Ansicht nach liegt das teilweise an Unwissenheit. So arbeiteten Planer und Architekten an der Gestaltung, die selbst nicht unbedingt aus arktischen Gebieten stammen. Außerdem vermutet sie auch, dass hinter manchen Entscheidungen die Bauindustrie steckt, die auf Kosteneinsparungen und Standardisierungen setzt und weniger auf lokale Gegebenheiten achtet.
Die Forscherin ist aber auch überzeugt, dass es noch nicht zu spät ist, um noch einige Dinge anzupassen. Das neue Kiruna ist demnach bislang nicht ganz fertig. Mithilfe von Baumpflanzungen und Stadtmobiliar sollen Fehler zumindest teilweise ausgeglichen werden können.
Weniger attraktiv im Winter
Auf der schwedischen Tourismus-Website „Visit Sweden“ wird Kiruna übrigens als kleines Winterurlaubsparadies beworben. Es handle sich um die nördlichste Stadt Schwedens, heißt es dort. Im Winter könne man dort auf Nordlichterjagd gehen oder die Bergwelt im Schein der Mitternachtssonne erkunden.
Sjöholm betont in ihrer Untersuchung allerdings, dass die Stadt sich für Touristen zwar gerne als Winterstadt mit langen, schneereichen Wintern vermarktet, die zahlreiche Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten bietet. Umso erstaunlicher findet sie es, dass die Stadt nun selbst im Winter weniger attraktiv geworden ist.

