29. Oktober 2026, 10:54 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Das unscheinbare Usbekistan steht auf kaum einer Reiseliste, dabei sind die modernistischen Bauten in seiner Hauptstadt Taschkent seit Juli UNESCO-Welterbe. Sowjetische Bauwerke mit kunstvollen Verzierungen treffen auf orientalische Muster, Märkte zum Feilschen und eine Küche, die überzeugt.
Usbekistan liegt in Zentralasien und gehörte früher als Teilrepublik zur Sowjetunion. Die Menschen sind überwiegend Muslime, der Staat ist aber eine säkulare Präsidialrepublik: Staat und Religion sind getrennt. In Taschkent merkt man das schnell, denn diese Trennung prägt den Alltag der Menschen vor Ort: Moscheen und Medresen gehören genauso dazu wie Terrassen, Musik und Parks.
Eine klassische Altstadt gibt es in Taschkent kaum. Am 26. April 1966 erschütterte ein schweres Erdbeben die Stadt, viele Stadtteile wurden zerstört, über 300.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Bis 1970 wurde Taschkent wieder aufgebaut. Die Architekten setzten dabei auf sowjetische Moderne: Beton, Plattenbau und große, geradlinige Gebäude.
Sowjetischer Brutalismus trifft usbekische Ornamente
Genau dieser Neuanfang macht Taschkent heute zu etwas Besonderem, denn viele der Bauten von damals gelten inzwischen als UNESCO-Welterbestätte. Das beste Beispiel ist das Staatliche Geschichtsmuseum. Es wurde 1970 als Lenin-Museum fertiggestellt und hat eine weiße Marmorfassade, Sonnenschutzgitter und künstlerische Holztüren. Das ist typisch für Taschkent: Der sowjetische Brutalismus bleibt nicht grau und kantig – er bekommt Ornamente, Mosaike und regionales Handwerk. Genau diese Verbindung von Moderne und Tradition hebt die UNESCO hervor. Auch viele Plattenbauten aus der Sowjetzeit, wie Wohnhäuser oder Einkaufsläden, wurden nachträglich verschönert und saniert.
Uralter Koran und neue „alte“ Gebäude
Das Gegenstück zum Beton liegt in der neuen Altstadt: Der Hazrati-Imam-Komplex versammelt Medresen, Moscheen und ein Mausoleum. Das Highlight ist ein Koran aus dem 7. Jahrhundert, der Kalif Uthman gehört haben soll. Vieles wurde erst 2007 und 2008 erneuert oder neu gebaut, etwa die Freitagsmoschee mit ihren zwei 54 Meter hohen Minaretten. Alt wirkt trotzdem alles. Die Gassen rund um die Kukeldasch-Medrese laden danach mit kleinen Cafés und traditionellem Handwerk zum Bummeln ein.
Die Metro als Kunstgalerie unter der Erde
Die Metro ist in Taschkent mehr als ein Verkehrsmittel. 1977 ging sie als erste U-Bahn Zentralasiens in Betrieb, und bis heute gilt sie als Aushängeschild der Stadt. Jede Station ist rund um ein eigenes Thema gestaltet, mal geht es um Raumfahrt, mal um Baumwolle, mal um Dichtkunst. Marmor, Granit, Keramik und Kronleuchter setzen die Themen künstlerisch um. Dabei ist das Netz alles andere als ein Museumsstück: Es umfasst vier Linien mit 50 Stationen auf über 70 Kilometern und wurde seit 2020 stark ausgebaut. Wer hier unterwegs ist, fährt also nicht nur von A nach B, sondern ganz nebenbei durch eine Kunstgalerie.
Auch über der Erde kommen Besucher gut voran, denn Taschkent hat ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz. Dazu gehören moderne Elektrobusse mit Klimaanlage, in denen sich die Stadt bequem und günstig erkunden lässt.
Jahrhundertealter Handel auf modernem Basar
Das Herz der Altstadt ist der Chorsu-Basar, und auch er gehört zum Welterbe. Unter seiner türkisfarbenen Kuppel wird gehandelt, was das Land hergibt: Trockenfrüchte, Nüsse, Gewürze, frisches Brot. Der alt wirkende Bau stammt erst aus den 1980er-Jahren, der Handel an der „Kreuzung“, so die Bedeutung des Namens, ist aber jahrhundertealt.
Die Hallen sind grob nach Etagen sortiert. Souvenirs wie Stoffe, Kleidung oder Kunsthandwerk gibt es eher in den Reihen rund um die Kuppel. Dort darf gehandelt werden, solange es freundlich bleibt. Bei Lebensmitteln ist der Spielraum kleiner, und am besten hat man Bargeld dabei. Wer es ruhiger mag, findet im Mirabad-Basar frisches Obst, Gemüse, Gewürze, Süßes und Fladenbrot. Er liegt nahe den Metrostationen Oybek und Toshkent.
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Vom Mittagessen aus dem Kessel bis zur Rooftop-Bar
Tagsüber dreht sich vieles ums Essen. Das Nationalgericht Plov, Reis mit Fleisch und Gemüse, wird in riesigen Kesseln gekocht. Im Plov-Zentrum Besh Qozon kann man den Köchen dabei zusehen. Man sollte früh kommen, denn mittags sind die Kessel mancherorts schon leer. Dazu gibt es Samsa, Teigtaschen aus dem Tandoor, frisches Fladenbrot und eine Kanne Tee. Wenn abends die Hitze nachlässt, füllen sich die Parks: Im Tashkent City Park startet in der Saison um 18:30 Uhr die erste Show des 200 Meter langen Musikbrunnens. Später folgen Rooftop-Bars mit Blick auf die Stadt, Livemusik und Clubs, die vor allem am Wochenende öffnen.
Taschkent als Ausgangspunkt für die Seidenstraße
Ein verstaubtes Museum ist Taschkent also nicht, sondern eine Stadt, in der Gegensätze nebeneinander funktionieren und sich so gut ergänzen, dass sie eine eigene Kultur und ein modernes Stadtbild schaffen. Wer danach mehr vom Land sehen will, hat in Taschkent den besten Startpunkt für die Seidenstraße. Der Hochgeschwindigkeitszug Afrosiyob bringt Reisende in gut zwei Stunden nach Samarkand und in knapp vier nach Buchara. Ein weiterer Schnellzug fährt bis nach Urgentsch, dem Tor zu Chiwa. Alle vier Städte gehören zum Welterbe. Und auch über die Landesgrenzen hinaus ist der Weg kurz: Nach Almaty in Kasachstan fliegt man etwa anderthalb Stunden, nach Duschanbe in Tadschikistan rund eine.