12. Oktober 2026, 10:18 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
In die italienische Schweiz statt auf die Malediven: Unsere Autorin verbrachte ihre Flitterwochen im Tessin. Ihre Tipps zwischen Palmen, Bergen und Schweizer Dolce Vita verrät sie in diesem Artikel.
Haben Sie diesen Sommer auch wieder massig Einladungen zu Hochzeiten bekommen? Eifriges Kopfnicken. Und wie viele davon finden noch in diesem Jahr statt? Verwirrte Blicke.
Die meisten Hochzeiten sind von langer Hand geplant. Der Termin im Standesamt, die Location, das Kleid, die Gästeliste und natürlich auch die Hochzeitsreise. Mein Freund, Pardon, seit Neuestem Ehemann, und ich sind das Ganze etwas anders angegangen. Wir haben im Juli beschlossen, nach fünf Jahren Beziehung zu heiraten. Vier Wochen später war zufällig ein Termin im Standesamt frei.
Honeymoon auf die Schnelle? Gar nicht so leicht
So überraschend unsere Einladung für die meisten Gäste kam, war unsere Suchanfrage offenbar auch für die meisten Buchungswebseiten: Wie lange vorher planen Normalsterbliche bitte ihre Hochzeitsreise?
Malediven, Bali, Mauritius – irgendwie wirkte alles schon etwas abgegriffen. Und so richtig gut passte eine Fernreise so spontan ohnehin nicht in unseren Plan. Eine Hochzeit innerhalb von vier Wochen aus dem Boden zu stampfen, hatte bereits genug Zeit und Energie gekostet. Ich wollte nicht für mehrere Wochen mein Pilatesstudio schließen, mein Mann konnte nicht einfach einen dreiwöchigen Urlaubsantrag auf den Tisch legen. Dann also Urlaub in Europa.
Genauer gesagt: eine Hochzeitsreise ins Tessin, in die italienische Schweiz.
Auch interessant: Die besten Reiseziele für die Flitterwochen
Was braucht es wirklich für eine gelungene Hochzeitsreise? Das richtige Ziel
Mein Mann und ich sind grundsätzlich flexibel. Dänemark finden wir super, selbst wenn es mal regnet. Asiatische Hitze vertragen wir auch gut (genau wie das Essen) und für uns ist ein Wohnmobil genauso gut wie ein Fünf-Sterne-Luxusresort – Hauptsache, man erlebt etwas. Für die Flitterwochen stand aber recht schnell fest, dass wir es gerne warm hätten. Und nach dem ganzen Stress rund um die Hochzeitsvorbereitungen sollte es eine Mischung aus Sport, gutem Essen und Wellness werden.
Unsere Wahl fiel ziemlich schnell auf das Tessin: mediterranes Lebensgefühl, Seen, Berge, gutes Essen und schöne Hotels. Das alles, ohne so überlaufen zu sein wie der italienische Nachbar und deutlich unkomplizierter und nachhaltiger erreichbar als die typischen Honeymoon-Ziele in der Ferne. Und birgt seinen ganz eigenen Charme: Die Palmen stehen am See, die Berge beginnen direkt dahinter und alles funktioniert ein wenig zuverlässiger, als man es sonst aus dem Süden Europas so kennt. Oder, wie es der Hoteldirektor später formuliert: „Italien nur in schweizerisch. Hier funktioniert alles.“
Was braucht es wirklich für eine gelungene Hochzeitsreise? Die passenden Aktivitäten
Wie schon unsere Standesbeamtin sowie unsere Väter und Freunde in ihren ungefragten, aber trotzdem sehr liebenswerten Reden festgestellt haben: Mein Mann und ich sind ziemlich unterschiedlich. Was wir allerdings beide lieben, ist Bewegung in allen Formen. Nur am Pool herumzuliegen, ist nämlich nicht so unseres.
Unsere bisherigen Urlaube waren deshalb meistens geprägt von Wandern, Skifahren, Langlauf, Biken oder Surfen. Seit vergangenem Jahr ist auch Mountainbiken dazugekommen – am liebsten elektrisch, was vermutlich weniger sportlich klingt, als es sich anfühlt. Für unsere Flitterwochen war deshalb schnell klar: Wir wollen die Berge im Tessin nutzen. Wandern, eine Bike-Tour, Stand-up-Paddling, vielleicht eine Therme und zwischendurch sehr gutes Essen.
Die Brissago-Inseln und die Villa Emden
„Kenne ich die Villa nicht aus dem Fernsehen?“, frage ich mich, als wir uns drei Tage nach unserer Hochzeit unserem ersten Ziel, der Villa Emden, nähern. Wir haben einen ganzen Tag Autofahrt hinter uns und so kommt uns die Villa, die filmreif auf ihrer eigenen kleinen Insel, mitten auf dem Lago Maggiore, thront, ziemlich unwirklich vor.
Die erste Nacht unserer Flitterwochen verbringen wir hier. Und schon die Anreise fühlt sich ein bisschen so an, als hätten wir versehentlich den falschen, deutlich exklusiveren Eingang zum Tessin genommen. Das Boot legt ab, der See glitzert, die Berge liegen im Hintergrund und mit jeder Minute entfernt man sich ein bisschen weiter vom normalen Alltag. Das heutige Hotel war früher das Privatanwesen des Hamburger Kunstsammlers und Geschäftsmannes Max Emden, Gründer des KaDeWe, der als Jude vor den Nazis in die Schweiz floh. Heute befindet sich auf der Isola Grande der Botanische Garten des Kantons Tessin. Dort wachsen Pflanzen aus subtropischen Regionen der nördlichen und südlichen Hemisphäre. Palmen, Bambus, Kamelien und Pflanzen, die aussehen, als hätten sie in einem Schweizer See eigentlich nichts verloren.
Die Villa Emden verfügt insgesamt nur über sehr wenige Zimmer. Hier kommt niemand zufällig vorbei. Wer auf der Insel übernachtet, bleibt unter sich: völlig privat, sehr besonders und – das muss man ehrlich sagen – nicht ganz günstig. Vor allem das Essen hat seinen Preis. Dafür ist es ausgesprochen hochwertig. Wir fühlen uns am ersten Abend zwar noch etwas angeschlagen von der Hochzeit und den vergangenen Wochen, sind aber spätestens beim ersten Gang von den köstlichen Aromen überzeugt.
Der Service ist aufmerksam, aber nicht aufgesetzt. Der Kellner begegnet uns mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ohne übertriebenes Schmeicheln und irgendwie sympathisch nahbar. Die Villa Emden ist kein Ort für eine schnelle Übernachtung. Sie ist ein Ort, an dem man bleiben möchte. Und vielleicht genau deshalb eine ziemlich gute Adresse für die erste Nacht der Flitterwochen.
Ein botanischer Spaziergang mit Seeblick
Auch ohne Übernachtung lohnt sich der Besuch der Brissago-Inseln. Der Botanische Garten ist eine der besonderen Sehenswürdigkeiten im Tessin, weil man hier innerhalb weniger Stunden durch verschiedene Klimazonen spaziert. Der Rundgang ist entspannt und führt an einem historischen Pool vorbei, in dem wir einen dicken Frosch beim Baden beobachten.
Für Paare ist die Insel vor allem deshalb schön, weil sie nicht nach klassischem Ausflugsprogramm aussieht. Es gibt keine große Attraktion, die man in zehn Minuten abhakt. Stattdessen geht es um Wege, Pflanzen, Wasser und diese besondere Mischung aus mediterraner Leichtigkeit und Schweizer Ordnung.
Ascona und das Art Hotel Riposo
Nach der ersten Nacht auf der Insel geht es für uns wieder ans Festland nach Ascona. Unser nächstes Zuhause ist das Art Hotel Riposo. Das Haus liegt zentral auf einem Hügel in der Altstadt und ist ein guter Ausgangspunkt, um das malerische Ascona zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf dem Wasser zu erkunden. Ascona selbst ist vermutlich einer dieser Orte, bei denen man schon nach wenigen Stunden versteht, warum Menschen hier gerne länger bleiben. Die Uferpromenade, die kleinen Gassen, die Cafés und der Blick auf den Lago Maggiore wirken mediterran, ohne überfüllt zu sein. Alles ist so schön sauber und selbst jetzt im September noch bemerkenswert lebendig.
Im Hotel sprechen wir mit dem Direktor über das Tessin, den Tourismus und die Frage, warum die Region gerade wieder beliebter wird. Wir verschnacken uns etwas mit ihm und er erzählt bereitwillig über die Schweiz, ihre Neutralität und die anstehenden Wahlen – ebenso selbstverständlich wie über gutes Essen. „Ich war acht Jahre lang auf einer katholischen Schule“, erzählt er. „Seitdem glaube ich an nichts mehr – außer an gutes Essen. Gute Restaurants sind meine Kirchen.“ Sein fließendes Deutsch hat er seiner Kindheit zu verdanken. „Ich bin im Hotel aufgewachsen. Die Deutschen haben mir Kassetten mitgebracht.“ Welche Art von Kassetten, verrät er nicht. Vermutlich waren auch Ostfriesenwitze dabei. Ein paar Dörfer weiter ist es mit dem Deutsch allerdings vorbei. Das merken wir, als wir uns am nächsten Tag mit dem Fahrrad in Richtung der Grotti aufmachen.
Mit dem Fahrrad zu den Grotti
Die Grotti sind traditionelle Tessiner Orte, an denen früher Lebensmittel wie Käse, Wurst oder Wein gelagert wurden. Heute sind viele davon Restaurants oder einfache, sehr charmante Einkehrmöglichkeiten. Die Fahrt dorthin ist eine gute Möglichkeit, das Tessin abseits der klassischen Seepromenaden kennenzulernen. Wir leihen uns Fahrräder beziehungsweise E-Bikes bei einem regionalen Anbieter in Asona und fahren durch kleine Orte, vorbei an alten Steinhäusern, Weinbergen und immer wieder mit Blick auf die Berge. Mit dem E-Bike ist die Strecke auch für Menschen machbar, die zwar gerne Rad fahren, aber nicht unbedingt ihre Hochzeitsreise mit einem Kreislaufkollaps beenden möchten. Die Grotti selbst sind schön anzusehen und irgendwie urig: Wir holen uns im Ort ein kleines Picknick und setzen uns an einen der antiken Steintische. So muss das früher hier gewesen sein, nur dass es da keine E-Bikes für den Rückweg gab.
Dieser See ist so schön wie der Gardasee – nur viel günstiger!
6 Sehenswürdigkeiten am Lago Maggiore, die man gesehen haben muss!
Wandern mit Blick auf den Lago Maggiore
Wer im Tessin wandern möchte, hat die Qual der Wahl. Wir entscheiden uns für eine mittelschwere Tour, weil wir nicht den ganzen Tag unterwegs sein wollen und nachmittags in die Therme wollen. Mit dem Auto fahren wir nach Locarno und steigen rund 1000 Höhenmeter hoch nach Cardada. Oben angekommen setzen wir uns ins Casa Colmanicchio, eine Hütte, und genießen den Blick auf die Berge und den majestätischen Lago Maggiore. Damit unsere Beine nicht komplett versagen, fahren wir mit der Gondel zurück. Mir fallen dabei die vielen unterschiedlichen Sprachen auf: Französisch, Deutsch, Englisch – das Tessin scheint vielerorts ein beliebtes Reiseziel zu sein.
Zeit für Therme und Wellness
Den Nachmittag verbringen wir in den Termali Salini & Spa, einem Thermalbad am Lago Maggiore. Neben einem salzigen Solebad gibt es viele Saunen, die wir alle der Reihe nach durchprobieren. Auf der Terrasse draußen hat man eine wunderbare Aussicht auf die Berge. Abends kehren wir zum Essen ins Grotto America in Ponte Brolla ein. Hier sind wir am Vortag mit dem Fahrrad vorbeigekommen und haben uns in die schöne Außenterrasse verliebt. Unser Highlight ist die Polenta, die hier wie Pizza mit verschiedenen Zutaten belegt und mit Käse überbacken wird.
Die weiteren Tage leihen wir uns ein Stand-up-Paddling-Board aus und nehmen das Tessin so noch mal aus einer ganz anderen Perspektive wahr. Die Boards leihen wir uns im Lido, einer Art Beachclub am Ufer von Ascona.
Fazit: Das Tessin als Honeymoon-Ziel
Lohnt sich eine Hochzeitsreise ins Tessin? Ich finde schon. Für eine echte Auszeit braucht es, wenn es nach mir geht, keinen Langstreckenflug. Die italienische Schweiz bietet einen wunderbaren Mix an Erlebnissen: morgens wandern, mittags im See baden, nachmittags durch einen botanischen Garten spazieren und abends in einem gemütlichen Grotto essen. Dazu ist die Landschaft herrlich mediterran und das Licht ganz besonders – fast ein bisschen wie in den Tropen, nur dass es hier viel sanfter schimmert.
Vor allem aber ist das Tessin nah genug, um unkompliziert erreichbar zu sein, und weit genug entfernt, um sich sofort nach echtem Urlaub in einer anderen Zeitzone anzufühlen. Ein kleiner Bonus: Da die Schweiz nicht zur EU gehört, sind die Roaming-Gebühren hoch. Unsere Handys blieben deshalb die meiste Zeit aus – und wir so wirklich mal komplett offline und ungestört.
Für uns war es genau die richtige Entscheidung und eine wunderbare erste Reise als frisch gebackenes Ehepaar: voller schöner Orte, gutem Essen und ganz ohne Stress.