30. Mai 2026, 14:32 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In der Ruhrgebiets-Metropole Duisburg steht seit 2011 eine ungewöhnliche Skulptur, die längst über die Grenzen von Deutschland hinaus Berühmtheit erlangt hat. Auf den ersten Blick erinnert das Werk Tiger & Turtle – Magic Mountain an eine Achterbahn. Und die kann man zu Fuß erkunden. TRAVELBOOK sprach mit der Künstlerin Heike Mutter, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Ulrich Genth das Werk entwickelte, über dessen Bedeutung für sie und die Region.
Wer die Heinrich-Hildebrand-Höhe in Duisburg besucht, der wird vielleicht glauben, er habe ein Déjà-vu. Denn die riesige Skulptur, die dort steht, dürfte auch kennen, wer noch nie in der Ruhrmetropole zu Gast war. Seit seiner Eröffnung ziert Tiger & Turtle – Magic Mountain, so der Name des Kunstwerks, unter anderem Windows-Bildschirmschoner, Titelseiten von Magazinen und Kalendern. So bekannt und beliebt ist die begehbare Figur, die auf den ersten Blick an eine Achterbahn erinnert, dass sie längst als zumindest inoffizielles Wahrzeichen von Duisburg gelten kann. Und von oben hat man nicht nur einen Ausblick auf die Landschaft, sondern auch auf die Geschichte der Stadt.
Mit einer Größe von 44 mal 37 Metern und einer maximalen Konstruktionshöhe von 21 Metern ist Tiger & Turtle – Magic Mountain laut der offiziellen Website des Künstlerduos Heike Mutter und Ulrich Genth die größte Skulptur überhaupt in Deutschland. Seit der Eröffnung im November 2011 überragt sie sprichwörtlich die Heinrich-Hildebrand-Höhe, die Teil des sogenannten Angerparks ist und sich wiederum 50 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Genießt man tagsüber hier eine spektakuläre Weitsicht, verwandelt sich das Kunstwerk dank hunderter LED-Lichter nachts in eine Art einzigartiges Leuchtobjekt. Doch was hat es auf sich mit dem ungewöhnlichen Metall-Giganten?
Bedarf nach Freizeit
„Ich alleine könnte Ihnen wahrscheinlich fünf verschiedene Interpretationen geben, was Tiger & Turtle – Magic Mountain bedeuten soll“, so Heike Mutter auf TRAVELBOOK-Anfrage. „In den Medien wird ja immer wieder geschrieben, der Tiger stehe für Schnelligkeit und die Schildkröte für Langsamkeit. Aber das greift eigentlich zu kurz.“ Alles begann jedenfalls damit, dass die Stadt Essen mit dem Ruhgebiet 2006 zur Kulturhauptstadt Europas gekürt wurde. Damals lebten Mutter und Genth als Künstler dank eines Stipendiums in Duisburg. „Das beinhaltete sowohl eine Wohnung als auch ein Atelier, und dieses befand sich direkt auf dem Werksgelände des Stahlwerks Krupp-Mannesmann. Das Atelier nutzten wir dann noch viele Jahre, auch, als wir längst schon wieder in Köln lebten.“ Hier kamen Mutter und Genth sowohl mit der für das Ruhrgebiet typischen Industrie als auch mit den Menschen in Berührung, die in ihr arbeiteten.
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2005 meldete die Metallhütte Insolvenz an. „Wir waren also in unserer Zeit des Stipendiums unmittelbar mit den Ereignissen auf dem ‚benachbarten Gelände‘ konfrontiert. In Duisburg kann man den Zusammenhang der Lebensbereiche Arbeit und Freizeitwelt sehr schön sehen. So entstanden z.B. die Becken der Sechs-Seen-Platte durch den Kiesabbau Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge der industriellen Entwicklung. In den 60-er Jahren wurde das Areal dann rekultiviert und ist heute ein sehr beliebtes Naherholungsgebiet. In den 90er Jahren entstand auf einer industriellen Brachfläche das CentrO (heute Westfield Centro) in Oberhausen, das als größtes Shopping- und Freizeitzentrum in Europa gilt. Dazu gibt es Skihallen und Freizeitparks – alles Angebote, die zeigen, wie sehr Freizeit heute mit Massenkonsum und Wirtschaft zusammenhängt. Und in der Regel werben alle Angebot mit Versprechungen der Superlative um die Gunst der Besucher*innen.“
Ein Werk für Jahrzehnte
Tiger & Turtle – Magic Mountain sieht Mutter als Gegenentwurf dazu. Sie und Genth gewannen 2009 eine Ausschreibung der Stadt Duisburg, bei der es darum ging, sich eine Skulptur für die Heinrich-Hildebrand-Höhe auszudenken. Ihr Konzept von einem begehbaren Kunstwerk, Tiger & Turtle – Magic Mountain, überzeugte die Jury. Und so feierte man am 13. November 2011 schließlich die Eröffnung des einzigartigen Kunstwerks. „Das Bild einer Achterbahn kennt ja jeder. Aber wir möchten, dass sich die Menschen, die auf der Skulptur laufen, sich selbst Gedanken dazu machen.“
Dennoch erinnert Tiger & Turtle – Magic Mountain tatsächlich auf den ersten Blick unweigerlich an eine Achterbahn. Das liegt an den wilden Schwüngen und Kurven der Metallkonstruktion. Sogar einen Looping gibt es. Dieser ist aufgrund der Gesetze der Schwerkraft leider natürlich nicht begehbar. Auf 220 Metern und über 349 Stufen können sich Besucher das einzigartige Kunstwerk zu Fuß erschließen. „Wir wollten etwas erschaffen, das nach großem Erlebnis aussieht. Und vielleicht sogar Kindheitserinnerungen in den Menschen weckt. Dennoch möchten wir, dass sich die Menschen, die auf der Skulptur laufen, sich selbst Gedanken machen. Das hat zum Glück von Anfang an super funktioniert. Die Skulptur wurde sehr gut angenommen.“
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Schon vorher hätten die Beiden zwar Projekte realisiert, aber: „Das war unser erstes Kunstwerk, bei dem klar war, dass es die nächsten 30 bis 40 Jahre dort stehen würde. Umso schöner, dass wir uns auch heute noch damit identifizieren“ Eine Besonderheit für Mutter an ihrem Werk sei die Vielfältigkeit, mit dem Besucher es wahrnehmen könnten. „Das kann intellektuell, aber auch körperlich durch die Begehung passieren.“ Für die beiden Künstler war Tiger & Turtle – Magic Mountain übrigens nicht die einzige Skulptur dieser Art, die sie realisierten. So steht seit 2021 in der südkoreanischen Stadt Pohan ein ähnliches Kunstwerk mit dem Titel SpaceWalk. Wer das „Original“ in Duisburg besichtigen möchte, hat dazu das ganz Jahr über zu jeder Zeit kostenlos Gelegenheit.