13. Juli 2026, 7:12 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
In dem kleinen Ort Nedlitz in Sachsen-Anhalt steht ein ganz besonderes Gotteshaus. Denn in der Gruft der dortigen St. Nikolaus-Kirche ruhen, teils seit mehr als 300 Jahren, mehrere Mumien. Dass sie heute überhaupt noch erhalten und zu besichtigen sind, ist dem Engagement eines Vereins von Freiwilligen zu verdanken. TRAVELBOOK erzählt die Geschichte des ungewöhnlichen Sakralbaus.
Der kleine Ort Nedlitz bei Gommern in Sachsen-Anhalt wäre wohl für viele nicht mehr als ein kurzer Wimpernschlag auf der Bundesstraße B 246 Richtung Magdeburg, gäbe es dort nicht ein ganz besonderes Gotteshaus. Die Rede ist von der St. Nikolaus-Kirche, denn in der dortigen Gruft kann man seit 2014 eine ungewöhnliche und schaurige Attraktion besichtigen. Dabei handelt es sich um zwei Menschen, die teils mehr als 300 Jahre nach ihrem Tod der Nachwelt als Mumien erhalten geblieben sind.
Die erste Mumie zog bereits im Jahr 1720 in die Kirchen-Gruft ein, die der einflussreiche Geheimrat und Finanzdirektor Robert Christian von Hake sich selbst als letzte Ruhestätte erbauen ließ, erklärt Dr. Peter Weber, 1. Vorsitzender des Fördervereins Kirche St. Nikolaus Nedlitz e.V., auf TRAVELBOOK-Anfrage. Er wollte nämlich auf keinen Fall unter der Erde bestattet werden. „Vermutlich versprach er sich davon, dass seine Seele so leichter zu Gott aufsteigen könnte.“
Verwesen oder vertrocknen
Doch wie wurden von Hake und insgesamt sechs weitere in der Kirche von Nedlitz bestattete Menschen schließlich zu Mumien? „Es handelt sich bei der Gruft um zwei Räume mit einer Querbelüftung. Die entzog den verstorbenen Körpern langsam die Flüssigkeiten.“ Nach dem Tod setze laut Weber nach etwa 10 Tagen ein natürlicher Prozess ein, infolgedessen der Körper entweder verwese oder eben vertrockne, also mumifiziere. „Das muss von Hake gewusst haben“, mutmaßt er. Bereits fünf Tage vor dem Adligen war aber schon dessen Pfarrer verstorben, sodass dieser der erste Körper in der Gruft war. Im Laufe der Zeit kamen noch fünf weitere Verstorbene dazu.
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Während die Jahre und Jahrhunderte ins Land zogen, verfiel die Kirche von Nedlitz immer mehr, war ab 1974 sogar offiziell gesperrt. Ihr Turm zeigte damals einen langen Riss, war vom Einsturz bedroht. „Wäre die Wende zwei Jahre später gekommen, hätte man St. Nikolaus wohl abgerissen.“ Doch es kam anders, und so setzten die Nedlitzer ihr Gotteshaus wieder instand. 2013 gab es dann noch einmal eine bedeutende Wende, als man die Mumien in der Gruft quasi wiederentdeckte. „Sechs der Särge lagen unter meterhohem Bauschutt. Nur zwei Mumien waren überhaupt noch erhalten, der Rest schon zu Staub und Knochen zerfallen.“
Fußball mit einem Totenschädel
In der Vergangenheit sei mit dem Gotteshaus und seinen Mumien nicht immer pietätvoll umgegangen worden. „Eine Zeit lang diente es sogar als Pferdestall. Es gibt zudem eine überlieferte Geschichte aus der Nachkriegszeit, als Kinder im Dorf mit einem der Schädel aus der Gruft Fußball spielten.“ 2014 dann aber wurden die zwei verbliebenen Mumien zu dem Mumien-Experten Jens Klocke nach Hildesheim gebracht, der sie dann über neun Monate hinweg aufwendig restaurierte. Weber sagt mit hörbarem Stolz in der Stimme: „Klocke hat gesagt, in Nedlitz liegen die besterhaltenen Mumien nördlich der Alpen.“ Seitdem kann man die besonderen sterblichen Überreste in der Kirche wieder bewundern.
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Das Gotteshaus, erbaut bereits um 1140 und damit eines der ältesten östlich der Elbe, kann man nur bei einer Führung besichtigen. Diese lässt sich über die offizielle Website des Fördervereins vereinbaren. „Das machen wir auch für nur eine Person. Wir zeigen jedem unser Gotteshaus.“ Der etwa einstündige Rundgang mit orts- und geschichtskundigen Freiwilligen ist kostenlos. Um eine Spende wird jedoch gebeten. „Damit finanzieren wir unter anderem Konzerte in der Kirche.“ Pro Jahr kämen heute etwa 800 bis 900 Personen, um sich die Mumien von Nedlitz anzusehen.
Webers Einladung in die Kirche von Nedlitz gilt auch und besonders für Familien. Die Frage, ob der Anblick der Mumien für Kinder nicht zu gruselig sei, tut er lachend ab. „Bei dem, was die heute alles im Fernsehen und Internet sehen? Hier können sie noch richtig etwas lernen. Unsere Führung ist für alle interessant. Das waren ja einmal richtige Menschen. Die haben gelebt, gelacht und geliebt. Wir wollen den Gedanken wieder wecken, wie man mit dem Leben und vor allem mit dem Tod umgeht.“