10. November 2025, 6:08 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Der Mäuseturm von Bingen in Rheinland-Pfalz ist eines der ikonischsten Wahrzeichen entlang des Rheinverlaufs. Heute ein Touristenmagnet, existiert die einzigartige kleine Burg auf einer Insel in dem Fluss bereits seit mehr als 700 Jahren. Um sie rankt sich eine düstere Legende um einen gierigen Geistlichen, der hier einen ziemlich ungewöhnlichen und skurrilen Tod gefunden haben soll. Was ist dran an der Mär um den Mäuseturm?
Der Rhein ist der mächtigste Strom unseres Landes, 865 Kilometer windet er sich durch die Bundesrepublik. Und in keiner Region ist er wohl so beeindruckend wie in Rheinland-Pfalz, wo er gesäumt wird von zahlreichen alten Festungen, Schlössern und Burgen. Unter diesen ist auch ein ganz besonderes Gemäuer, das auf der Höhe der Stadt Bingen bereits seit mehr als 700 Jahren aus der Landschaft ragt. Einst ein Wachposten und später ein wichtiger Orientierungspunkt für die Schifffahrt, ist der Mäuseturm von Bingen auch Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal und heute ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Wohl auch, weil sich um ihn eine echte Grusel-Legende rankt.
Doch zunächst einmal zu den bekannten Fakten um den Mäuseturm. Und das sind nicht eben viele. Laut der offiziellen Seite der Stadt Bingen wurde er vermutlich in der ersten Hälfte bzw. zu Eingang des 14. Jahrhunderts erbaut, womit er heute über 700 Jahre alt wäre. An der Stelle, wo er sich noch heute erhebt, befand sich früher eine für Schiffe heikle und mitunter sogar ziemlich gefährliche Passage, eine schwer zu navigierende Engstelle namens „Binger Loch“. Die Mini-Festung diente mit ihrer Erbauung fortan als Stützpunkt für das Zollsystem auf dem Fluss, welches von der nahen Burg Ehrenfels beaufsichtigt wurde. Man nutzte den Engpass im Flussverlauf, um vorbeifahrenden Schiffen eine Maut abzupressen.
Ein hartherziger Erzbischof
Vermutlich schon viel früher, nämlich zu Zeiten der Römer, gab es an selber Stelle wohl aber bereits eine kleine Befestigungsanlage. In den folgenden Jahrhunderten verlor sie an Bedeutung, bis schließlich im Auftrag des Mainzer Erzbistums der heutige Mäuseturm errichtet wurde. Der Name hat übrigens nichts mit den Tieren zu tun, sondern kommt vermutlich vom altdeutschen Wort mûsen, was so viel bedeutet wie „spähen“ oder „lauern“. Womöglich bezieht er sich aber auch auf den Begriff muta für „Wegzoll“. Für die Bevölkerung ist der Mäuseturm aber bis heute untrennbar verbunden mit einer düsteren Legende, die sich hier einst zugetragen haben soll.
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Diese führt uns zurück bis ins 10. Jahrhundert. Im Jahr 968 übernimmt der Erzbischof Hatto II. die Macht in der Mainzer Diözese. Laut dem „SWR“ war er als besonders hartherzig und geizig bekannt, und wird in Verbindung gebracht mit einer unfassbar grausamen Tat. Demnach plagte zu jener Zeit eine große Hungersnot die Bevölkerung. So baten die Bauern Hatto, die Speicher des Erzbistums für sie zu öffnen und die Not damit zu mildern. Der Geistliche gab jedoch allem Flehen nicht nach. Auch nicht, als sich die Menschen, um ihre Klagen vorzubringen, vor der erzbischöflichen Burg versammelten.
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Der Tod des Tyrannen
Vielmehr ließ er die Bittsteller je nach Auslegung der Sage festnehmen und in eine Scheune sperren. In einer anderen Version lud er seine hungernden Untertanen in diese ein, angeblich, um sie zu speisen. Einigkeit besteht lediglich darüber, was anschließend passiert sein soll. So ließ der grausame Geistliche demnach die Scheune anzünden, woraufhin alle Unglücklichen, unter ihnen auch Alte und Kinder, bei lebendigem Leib verbrannten. Über ihre Todesschreie soll Hatto noch gespottet haben mit den Worten „Hört nur, die Mäuse pfeifen.“ Doch das Schicksal zahlte ihm seine Tat auf ungewöhnliche Weise heim.
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Denn der Erzählung nach überlebten den Brand lediglich die Mäuse in der Scheune. Und diese verfolgten Hatto fortan, wo immer er auch hinging. Ob dieser permanenten Plage halb wahnsinnig geworden, sah er schließlich nur noch einen Ort, an dem er sich sicher vor den Nagern wähnte: den Mäuseturm von Bingen. So setzte er über in das vermeintlich sichere Versteck – doch es wurde ihm letztlich zur Todesfalle. Eine Unzahl von Mäusen überquerte nämlich schwimmend den Rhein und tötete Hatto, der sich als letzte Zuflucht in sein Bett verkrochen hatte. Die Tiere fraßen demnach den Bösewicht auf, von dem man ein paar Tage später nur noch das Gerippe fand.
Exklusives Ausflugsziel
Im 30-jährigen Krieg (1618-48) zerstört, diente das Gemäuer nach seinem Wiederaufbau durch die Preußen ab 1855 als Signalturm für die Schifffahrt. 1973 wurde das „Binger Loch“ schließlich gesprengt, und seine Verwendung als Landmarke obsolet. Heute ist der Mäuseturm von Bingen wohl nicht zuletzt wegen der Grusel-Mär um ihn ein beliebtes Ausflugsziel auf dem Rhein. Nachdem er wegen Schimmelbefall ab 2008 jahrelang gesperrt war, ist der Turm seit 2016 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Bereits 2002 wurde er als Teil des Oberen Mittelrheintals von der UNESCO als Welterbe anerkannt.
Den historischen Turm auf der Rheininsel kann man laut offizieller Seite jedoch nur mit den Schiffstouren der Bingen Tourismus & Kongress GmbH besuchen. Ein Mitarbeiter sagt auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Meistens sind das jeweils ein Termin im Frühjahr und im Herbst. Sobald wir diese bekannt geben, sind die Tickets auch immer sehr schnell ausverkauft.“ Da auf der Insel, auf der der Mäuseturm steht, diverse Vogelarten ihre Brutstätten hätten, sei ein regelmäßigerer Verkehr nicht möglich. „Aber der Mäuseturm ist natürlich ein Wahrzeichen und auch Aushängeschild der Stadt Bingen.“