5. April 2026, 17:15 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In den 1950er Jahren kamen ein paar Sportsfreunde in der bayrischen Gemeinde Hirschau auf eine ungewöhnliche Idee. Sie eröffneten auf einer riesigen Quarzsand-Abraumhalde den ersten Sandskiverein der Welt. Das ungewöhnliche Trainingsgelände ist heute als Monte Kaolino bekannt und mittlerweile eine beliebte Touristenattraktion in der Region, die jährlich etwa 150.000 Gäste besuchen. TRAVELBOOK erzählt die irre Geschichte um den ungewöhnlichen „Berg“.
Der bayrische Ort Hirschau in der Oberpfalz ist etwa 200 Kilometer entfernt von der Landeshauptstadt München, und damit auch von den Alpen. Und dennoch gibt es hier einen „Berg“, der vielleicht sogar bekannter ist als so mancher Gipfel in dem imposanten Gebirgsmassiv. Gut, er ist gerade einmal etwa 120 Meter hoch, also eigentlich mehr ein Hügel, aber dennoch ist er heute das Wahrzeichen der Gemeinde, und eine der größten Touristenattraktionen in der Region. Denn hier kann man, ganz unabhängig von Wetter und Schneelage, rund ums Jahr Ski oder Snowboard fahren – bzw. Sandboard, denn der Monte Kaolino, so der Name der Erhebung, ist eigentlich eine riesige Abraumhalde aus Quarzsand.
Und um die entstand im Laufe der Jahrzehnte nach der Gründung des ersten Sandskivereins der Welt ein richtiger Ferienpark, den heute etwa 150.000 Menschen pro Jahr besuchen. Doch der Reihe nach. Laut der Seite des in der Region tätigen Unternehmens „Quarzwerke Gruppe“ begann in Hirschau im Jahr 1901 der Abbau von Kaolin, auch bekannt als Porzellanerde. Bei der Gewinnung des feinen weißen Gesteins blieb als Abbauprodukt Quarzsand übrig. Und zwar unvorstellbare Mengen davon. Diese schüttete man im Laufe der Jahrzehnte dann zu dem gewaltigen Gebilde auf, das heute als Monte Kaolino bekannt ist. Der künstliche Berg besteht aus etwa 35 Millionen Tonnen Quarzsand. Und 1956 kam ein findiger Mann auf eine geniale Idee, wie man diese nutzen könnte.
Höchster künstlicher Sandberg Europas
Wolfgang Droßbach, damals Geschäftsführer der Amberger Kaolinwerke, gründete nämlich im selben Jahr dem weltweit ersten Skisportverein auf Sand. Der SC Monte Kaolino Hirschau e.V. ist, gesponsert von der Firma, bis heute aktiv. Die Mitglieder sind laut der offiziellen Club-Webseite aktiv in den Disziplinen Alpin, Langlauf, Mountainbike und Laufen. 1957 zunächst aber erhielt der Berg weitere Attraktionen, nämlich den ersten und bis heute einzigen Schlepplift auf Quarzsand der Welt und sogar eine 30-Meter-Skisprung-Schanze. Diese wurde jedoch nach einigen Jahren wieder abgebaut, weil die Verletzungsgefahr durch Stürze auf Sand natürlich ungleich höher war als auf Schnee. Zudem entstanden Umkleide- und Duschräume für die Sportler.
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Droßbach war es dann auch, der die Entwicklung des Monte Kaolino zum heutigen Tourismus-Hotspot mit vorantrieb. Er schenkte der Gemeinde Hirschau das Gelände für den heute existierenden Campingplatz und förderte auch den Bau des Schwimmbades, das sich an die Anlage anschließt. Bereits in den 1960er Jahren begann der Berg so, sich zu einem immer beliebteren Ziel für Urlauber zu entwickeln. Laut offizieller Website des Standorts ist er heute das einzige Gebiet in ganz Europa, wo man unter professionellen Bedingungen Sandskisport betreiben kann. Und tatsächlich hält er noch einen weiteren Superlativ, denn er ist der höchste künstliche Sandberg des europäischen Kontinents.
Tourismus ist die Zukunft
Die bei Urlaubern beliebte Anlage beinhaltet heute auch einen Hochseilgarten, einen 18-Loch-Golfplatz, eine asphaltierte Skaterbahn, eine Sommerrodelbahn und Gastronomie. Und natürlich kann man auch immer noch auf Brettern den Sandberg hinunterjagen. Wem der Wiederaufstieg zu beschwerlich ist, lässt sich von der 200 Meter langen Liftanlage hochziehen. Diese ist in anderthalb Minuten oben und kann pro Stunde bis zu 200 Gäste befördern. Insgesamt kommen jedes Jahr heute etwa 150.000 Besucher zu der Attraktion, die für Hirschau längst der größte Tourismusfaktor ist. So hofft man in der Region auch, von diesem leben zu können, wenn irgendwann der Rohstoff Kaolin abgebaut sein sollte.
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Zu dieser Hoffnung tragen auch Events wie das „Sand Spirit“ bei, die europäische Meisterschaft im Sandboarding. Diese findet jedes Jahr am Monte Kaolino statt. 2026 ist es vom 9. bis 12. Juli wieder so weit. Jeder, der möchte, kann sich für das Event anmelden und sich dann den etwa 220 Meter langen Hang mit seinen sportlichen 33 Grad Neigung hinunterstürzen. 1990 bis 2007 wurde gar die Weltmeisterschaft in dieser Disziplin auf dem höchsten künstlichen Sandberg Europas ausgetragen. Wer nun Lust bekommen hat, den Monte Kalino selbst einmal zu besuchen, findet auf der offiziellen Website alle wichtigen Informationen zu den Öffnungszeiten wie auch den Preisen.
„Wir haben immer noch eher einen regionalen Bekanntheitsgrad“, sagt ein leitender Mitarbeiter der SC Monte Kaolino GmbH auf TRAVELBOOK-Anfrage ehrlich. „Es waren aber auch schon Gäste aus Australien oder Chile da. Wir könnten von der Nachfrage eigentlich noch mehr Besucher schaffen als aktuell.“ Der Berg sei damit natürlich einer der großen Tourismusfaktoren der Region. „Die Leute sind schon immer überrascht, vor allem wenn sie dann oben stehen. Das ist ja eine schwarze Abfahrt.“ Und welche Tipps hat man vor Ort für Sandsport-Anfänger? „Das ist zunächst einmal ein bisschen schwer, so wie im Tiefschnee fahren. Das muss man üben, aber dann funktioniert es normalerweise super.“