15. September 2026, 16:12 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Als 16-Jährige hielt es TRAVELBOOK-Autorin Lena Braun für eine fantastische Idee, sich in Johannesburg 100 Meter in die Tiefe zu stürzen, abgesichert nur durch ein Bungee-Seil. Heute sieht sie das etwas anders. Dabei lag das keineswegs an den „Soweto Towers“, die zu den spannendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören. Das eigentliche Problem begann erst auf der Absprungkante. Und ein ganz besonderes „Souvenir“ brachte sie von diesem Tag ebenfalls mit nach Hause …
Ich war damals für drei Monate für einen Schüleraustausch in Johannesburg und lebte in Soweto. In diesem Alter hält man sich bekanntlich noch für relativ unsterblich und hält manches für eine gute Idee, das man später vielleicht noch einmal überdenken sollte. So auch ich. Meine Gastfamilie zeigte mir die Gegend, und dabei fielen mir früher oder später die markanten Soweto Towers auf. Als meine Austauschschülerin dann von einer ganz besonderen Attraktion erzählte, war meine Neugier sofort geweckt. Oder vielleicht eher meine junge Risikofreudigkeit.
Die Orlando Towers: Wahrzeichen von Soweto
Mitten in Soweto ragen die bunt bemalten Kühltürme eines ehemaligen Kohlekraftwerks in den Himmel. Die sogenannten Orlando Towers gehören zu den Wahrzeichen des Townships und sind schon von Weitem kaum zu übersehen. Rund um die Türme entstand in den vergangenen Jahren ein Freizeitgelände mit Bars, Food-Ständen und verschiedenen Outdoor-Aktivitäten.
Man kann hier mit einer Zipline über das Gelände fliegen oder Paintball spielen. Berühmt sind die Orlando Towers allerdings vor allem für eine andere Attraktion. Eine, die ich damals für eine großartige Idee hielt. Bis ich selbst oben auf der Plattform stand.
Schon auf dem Weg nach oben schlotterten mir die Knie
Anlässlich meines bevorstehenden Geburtstags fuhren wir also zu dritt zu dem Gelände. Ich war sofort begeistert: Überall coole junge Menschen, eine entspannte Atmosphäre und richtig gute Stimmung. Voller Vorfreude verschickte ich sogar ein Foto von den Türmen mit der Nachricht: „Man müsste ja verrückt sein, dort runterzuspringen.“ Mit dem Wissen, später mein Zertifikat als Beweis hinterherzuschicken, kam mir das damals noch ziemlich lustig vor. Ich konnte ja nicht ahnen, was mich erwartete.
Mit Helm und Gurt ausgestattet ging es schließlich Richtung Türme. Da war ich plötzlich doch sehr froh, meine Freundin dabei zu haben. Sie wollte zwar nicht springen, aber von oben meine Waghalsigkeit oder zumindest die Aussicht bestaunen.
Mit einem sogenannten „Open-Air-Aufzug“ fuhren wir außen an einem der Türme nach oben. Ratternd und ächzend arbeitete sich der kleine, offene Kasten immer höher. Spätestens da fingen meine Beine an zu schlottern. An die Aussicht kann ich mich kaum erinnern. Dafür weiß ich noch genau, dass ich oben angekommen keinen Schritt mehr weitergehen wollte. Immerhin standen wir jetzt auf ungefährer Höhe eines 33. Stockwerks.
Von dieser Brücke kann man den höchsten Bungee-Sprung der Welt machen
Ich habe die höchste Schaukel der Welt ausprobiert – und so fühlte es sich an
100 Meter Tiefe und kein Zurück mehr
Irgendwie schaffte ich es dann doch, die paar Stufen bis zur Plattform. Meine Freundin musste zurückbleiben. Ich trat mit zitternden Knien auf die Hängebrücke zwischen den beiden Türmen. Genau in der Mitte lag die Absprungkante.
Als mir das Bungee-Seil an den Beinen befestigt wurde, wurde mir erst richtig klar, was das bedeutete: Ich würde nicht einfach springen, sondern kopfüber ins Nichts fallen. Horror! Aber nun stand ich schon dort. Der ganze Aufwand, die Erwartungen meiner Begleiter – und bezahlt war ja auch schon (wie sich der Schwabe in mir meldete). Also musste und wollte ich springen – zumindest theoretisch. Dreimal wurde heruntergezählt, dreimal schaffte ich es nicht.
Ich bin wirklich kein Feigling. Aber 100 Meter in die Tiefe zu schauen und dann freiwillig den ersten Schritt zu machen, fühlt sich einfach falsch an. Das ist entgegen jeglichem menschlichen Instinkt.
Deshalb beschlossen wir, dass die beiden Mitarbeiter mich schubsen müssen. Allein hätte ich die Schwelle nicht überwunden. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. In Videos sieht so ein Bungee-Sprung immer nach Freiheit aus. Die Leute schreien vor Glück und genießen den Fall. Bei mir war das anders: Ich konnte weder schreien noch atmen. Mein Herz blieb für die fünf Sekunden im freien Fall einfach stehen und mein Kopf war leer. Aber ein Gefühl konnte ich deutlich spüren: Todesangst.
Irgendwann kam dann der ersehnte Ruck des Seils. Ich wurde wieder nach oben gezogen und begann, durch die Luft zu schwingen. Das machte sogar ein bisschen Spaß – vielleicht, weil die Anspannung endlich weg war. Als ich schließlich unten ankam und wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war das tatsächlich das schönste Gefühl des ganzen Tages.
Eine Erfahrung war es auf jeden Fall wert. Leider habe ich neben dem Zertifikat noch ein anderes Souvenir mit nach Hause genommen: Höhenangst. Wenn ich heute von irgendwo mehr als zehn Metern in die Tiefe schaue, kommen dieselben Gefühle wieder hoch wie damals auf der Absprungkante: Übelkeit, Schwindel und Herzrasen.
Manche sind wohl noch verrückter …
Während ich also wahrscheinlich nie wieder schwindelfrei in der Höhe stehen kann und definitiv nie wieder irgendwo herunterspringen werde, gibt es natürlich auch Menschen, die das richtig gut wegstecken. Oder, noch extremer: die nach so einem Adrenalinkick sogar süchtig werden.
Mein Kollege Mo zum Beispiel, der auch schon wie James Bond vom Verzasca-Staudamm gesprungen ist, sucht ständig nach Wagemutigen, die mit ihm in der High Swing über Berlin schaukeln oder am Potsdamer Platz eine Hauswand hinunterrennen. Dankend lehne ich jedes Mal ab. Mein Bungee-Sprung in Soweto hat meinen Bedarf an kontrollierten Abstürzen fürs Leben vermutlich gedeckt. Trotzdem verstehe ich den Reiz. Manche Menschen scheinen für solche Adrenalinkicks gemacht zu sein. Ich habe dagegen vor allem gelernt, dass ich nicht dazugehöre.
Bei den Soweto Towers können Adrenalin-Junkies übrigens sogar komplett ohne Seil springen. In einem der Türme ist nämlich relativ weit unten ein großes Netz aufgespannt, auf das man dann einfach free-jumpen kann. Wer darauf Lust hat, dem wünsche ich viel Spaß. Mich bekommt man da jedenfalls kein zweites Mal hoch.