Umweltschutz

Das Ryanair-Märchen von der grünen Airline

Ryanair-Flugzeuge
Ryanair gibt sich auf einmal klimafreundlich
Foto: dpa picture alliance

In einer Pressemitteilung lässt Ryanair verlauten, bei der irischen Billigfluglinie handele es sich um die grünste Airline Europas. Belegen will die Fluggesellschaft das mit trügerischen Zahlen. TRAVELBOOK hat bei der NGO „atmosfair“ nachgefragt, was an den Behauptungen dran ist.

Die Low-Fare-Flugline Ryanair will nicht nur günstig, sondern auch besonders grün sein. In einer Pressemitteilung von Anfang Juni schrieb die Fluggesellschaft, Ryanair sei die erste Airline, die ab sofort monatlich ihre CO2-Emissionen vermelden werde. Außerdem seien diese Emissionen, die allein im Monat Mai 2019 satte 1.157 Kilotonnen CO2 betragen, auf Personenkilometer umgerechnet mit 66 Gramm pro Person im Monat 50 Prozent niedriger als „bei allen anderen großen Fluggesellschaften in Europa“. Dem folgt die abschließende Schlussfolgerung von Pressesprecher Kenny Jacobs, dass Ryanair in Wirklichkeit „Europas grünste und sauberste Fluggesellschaft“ sei.

Nur Kohlekraftwerke stoßen mehr CO2 aus als Ryanair

Die Pressemitteilung kann als Reaktion auf jüngst veröffentlichte Daten der EU-Kommission gedeutet werden, aus denen hervorgeht, dass Ryanair auf Platz zehn der größten Emittenten von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) in Europa ist. Der Brüsseler Thinktank „Transport and Environment“ analysierte die Daten der Europäischen Kommission und stellte dabei fest, dass nur Kohlekraftwerke mehr CO2 ausstoßen als Ryanair. Zum Vergleich: In dem Ranking befindet sich mit Easyjet erst auf Rang 35 eine weitere Airline.

Die Deutschen reisen nicht so nachhaltig, wie sie behaupten

Wie kann man also beide Statistiken einander gegenüberstellen und deuten? Dafür muss man sich etwas genauer anschauen, wie sich CO2-Werte eigentlich zusammensetzen und was einzelne Werte aussagen – und was nicht. TRAVELBOOK hat bei der NGO (Nichtregierungsorganisation) „atmosfair“ nachgefragt, was an den neuen Zahlen von Ryanair dran ist. Die Organisation macht es sich zur Aufgabe, auf die Klimaschädlichkeit von Flügen aufmerksam zu machen und vergleicht in ihrem jährlichen atmosfair Airline Index die einzelnen Emissionen der Airlines.

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Personenkilometer sind kein valider Wert für Klimafreundlichkeit

Sprecherin Julia Zhu sagt, dass man grundsätzlich nie zwei beliebige Flüge miteinander vergleichen kann, wenn es um CO2-Emissionen geht. „Man kann einen Flug grundsätzlich nur auf derselben Strecke und auf derselben Höhe miteinander vergleichen.“ Denn je höher ein Flug ist, desto schädigender sind seine Treibhausgase für die Ozonschicht. Je kürzer dagegen eine Strecke ist, desto umweltschädlicher ist ein Flug im Verhältnis, denn die CO2-Emissionen sind besonders bei Start und Landung eines Flugzeugs hoch. Flüge mit Zwischenstopps sind daher auch nicht mit Direktflügen zu vergleichen und so weiter. Ryanair kann seine Flüge also nicht beliebig mit Flügen von Lufthansa oder einer anderen Airline vergleichen, wie es das Unternehmen jedoch in seiner Pressemitteilung tut.

Nur weil eine Airline mehr Passagiere befördert, ist sie nicht weniger umweltschädlich

Außerdem sei es auch wenig sinnvoll, Personenkilometer als Wert für Klimaeffizienz zu nehmen. Denn je mehr Passagiere und Flugzeuge fliegen, desto höher ist der CO2-Ausstoß insgesamt. Wenn Ryanair also mit am meisten Passagiere in Europa befördert, ist der Rückschluss, dass die Airline grün sei, weil dann pro Person weniger CO2 anfällt, absolut trügerisch. Denn es kommt natürlich auf den Gesamtausstoß an.

Da Ryanair zudem dafür bekannt ist, auf sehr engem Raum sehr viele Fluggäste unterzubringen, könnte man auch davon ausgehen, dass dies ein tatsächlicher Faktor ist, der für Ryanairs Klimafreundlichkeit spricht. Zhu erklärt, warum auch das nicht so einfach ist: „

„Fliegen ist nie grün“

Hinzu kommt, dass nach wissenschaftlichen Standards nicht nur die CO2-Emissionen die Klimaeffizienz eines Flugs bestimmen, sondern auch noch andere Faktoren. „Das Umweltbundesamt empfiehlt einen Faktor von drei bis fünf, mit dem man den reinen CO2-Ausstoß einer Airline multiplizieren muss, um auf den echten Wert zu kommen“, sagt Zhu. Bei diesen sogenannten RFI-Faktoren (Radiative Forcing Index) handelt es sich um andere Treibhausgase, die bei Flügen in besonders sensible Schichten der Erdatmosphäre getragen werden: Stickoxide, Rußpartikel und Wasserdampf. be9ead53c92d4846ba65f11b740a4d1e„Fluggesellschaften unterschlagen diese Faktoren gerne. Der Wert von Ryanair muss also mit großer Vorsicht genossen werden, da er sich höchstwahrscheinlich nur auf den reinen CO2-Ausstoß bezieht“, fasst Zhu zusammen.

Insgesamt begrüßt „atmosfair“ jedoch den Ansatz von Ryanair, transparenter sein zu wollen und nach eigener Aussage in klimafreundlichere Flugzeugtypen investieren wollen. „Nur ob das reicht, ist die Frage“, sagt Zhu zu TRAVELBOOK. „Noch kann man von keiner Fluglinie behaupten, dass sie grün ist. Fliegen ist nie grün. Noch nicht.“

Wie Sie den CO2-Fußabdruck Ihrer Reise messen

Auf TRAVELBOOK-Anfrage sagte eine Sprecherin von Ryanair: „Wenn alle großen EU-Fluggesellschaften mit der Flotte und den Auslastungsfaktoren von Ryanair operieren würden, würden die CO2-Emissionen auch bei einem deutlichen Verkehrsanstieg sinken.“

Auf erneute Anfrage, inwiefern mehr fliegen denn überhaupt grüner sein könnte, verwies Ryanair auf ein Video auf ihrer Website, in dem noch einmal begründet werden soll, warum Ryanair die grünste Airline Europas sei. In dem Video wird zusätzlich zu den Argumenten aus der Pressemitteilung noch darauf hingewiesen, dass Ryanair-Kunden bei der Buchung eines Flugs zustimmen könnten, pro Flug einen Euro für den CO2 Ausgleich zu spenden. Die Airline hat dadurch nach eigenen Angaben vergangenes Jahr mehr als eine Million Euro eingenommen, die sie an verschiedene Organisationen, die sich dem Umweltschutz widmen, gespendet habe.

Am Ende aber kann man es drehen und wenden, wie man möchte: Jedes Flugzeug, jeder Flug stößt CO2 aus. Je mehr geflogen wird, desto mehr CO2 gelangt also auch in die Umwelt.

 

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