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Gefahr für Passagiere?

Vier von fünf Piloten sind im Cockpit schon einmal eingeschlafen – Experte ordnet ein

Sekundenschlaf unter Piloten ist erschrecken weit verbreitet
Müdigkeit unter Piloten ist offenbar ein strukturelles Problem. Die Vereinigung Cockpit fordert dringend, dass sich etwas verändert. Foto: Getty Images / globalmoments
Laura Pomer
Freie Autorin

27. Oktober 2026, 15:40 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Wohl jeder geht auch mal zur Arbeit, obwohl er vielleicht eine schlechte Nacht hatte oder sich aus anderen Gründen nicht ganz ausgeruht fühlt. Das ist bei einem Bürojob natürlich weniger problematisch als bei einem Beruf, der mit Verantwortung für andere Menschen – und deren Leben – einhergeht. Umso erschreckender erscheinen da die Ergebnisse einer neuen Umfrage. Demnach setzt sich offenbar fast jeder vierte Pilot ins Cockpit, obwohl er sich eigentlich zu müde fühlt. Zu sehr ähnlichen Ergebnissen kamen bereits frühere Untersuchungen. TRAVELBOOK bat einen Experten – selbst Berufspilot – um eine Einschätzung der Thematik.

Sekundenschlaf unter Piloten seit Jahren weitverbreitet

TRAVELBOOK berichtete bereits vor wenigen Monaten über eine Kurzumfrage der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Diese brachte ans Licht, dass beachtliche 93 Prozent der Befragten bereits im Dienst eingeschlafen sind. Die indische Luftfahrtaufsicht DGCA reagierte auf dieses Ergebnis und erklärte, verpflichtende Anti-Erschöpfungs-Schulungen einzuführen.

Wirklich etwas verändert hat sich seitdem nicht. Ganz im Gegenteil. Die Vereinigung Cockpit (VC) zeigt sich in einer Stellungnahme als „zutiefst besorgt“. Denn um die weitverbreitete Müdigkeit im Cockpit sei bereits seit 2023 bekannt, und die Missstände bestehen, wie eine neue Umfrage zeigt, bis heute unverändert.

Die Umfrageergebnisse im Detail

Die VC bezieht sich auf eine jüngere, im Auftrag der European Cockpit Association (ECA) durchgeführte Untersuchung („A Fatigue Survey of European Pilots – 2026“). 7200 Piloten haben daran teilgenommen, und die Ergebnisse lassen wirklich aufhorchen:

  • Erschreckende 78 Prozent der befragten Piloten gaben an, bereits während der Arbeit in Sekundenschlaf gefallen zu sein
  • 38,8 Prozent berichten von unzureichenden Ruhezeiten – dies dürfte eine Erklärung für die Ermüdung am Cockpit sein
  • Arbeitsuntauglich melden wegen Ermüdung? Das würden zumindest 24,2 Prozent der Befragten nicht tun. Sie fliegen nach eigenen Angaben, auch wenn sie sich eigentlich zu erschöpft fühlen, ohne diese zu melden. Denn:
  • 38,2 Prozent fürchten Konsequenzen, wenn sie aufgrund von Ermüdung nicht zum Dienst erscheinen, also beispielsweise Benachteiligungen durch das Management.

Werte für Deutschland „bei verschiedenen Aspekten besser“

Die VC räumt ein, dass Deutschland bei verschiedenen Aspekten besser abschneidet. Damit ist unter anderem gemeint, dass sich 36 Prozent der befragten deutschen Piloten schon einmal krankgemeldet haben, wenn sie sich zu müde gefühlt haben. Diesen Dienstausfall mit Ermüdung zu begründen, ist aber weniger üblich – das würden nur 25,6 Prozent tun. 18,8 Prozent fliegen nach eigenen Angaben trotzdem weiter. Dass Ermüdung teilweise möglicherweise als allgemeine Krankheit gemeldet wird, passt zur Kritik der VC.

VC fordert messbare Veränderungen

Der Verband bezeichnet die hohe Beteiligung an der Untersuchung als „beeindruckendes Signal“ und sieht vor allem den Druck durch die Fluggesellschaften als ein zentrales Problem. Dieser scheint sogar zugenommen zu haben: Während 2023 noch 65,8 Prozent der befragten Piloten negative Konsequenzen befürchteten, wenn sie eine Verlängerung ihrer Flugdienstzeit ablehnen, waren es in der aktuellen Untersuchung bereits 69,1 Prozent.

Um die Flugsicherheit zu verbessern, fordert die VC in erster Linie bessere Ruhezeiten. Außerdem brauche es ein wirksames Ermüdungsmanagement, damit Piloten ausreichend erholt sind. Und: Eine offene Meldekultur müsse geschaffen werden, in der Übermüdung gemeldet werden kann – ohne Angst vor beruflichen Nachteilen. Auch dürften Fluggesellschaften keinen Druck auf Piloten ausüben, wenn diese eine Verlängerung ihrer Flugdienstzeit aus Sicherheitsgründen ablehnen.

Schließlich fordert der Verband strengere Kontrollen durch nationale Aufsichtsbehörden und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA), um bestehende Schutzvorschriften konsequenter durchzusetzen.

Experte erklärt, ob Sekundenschlaf unter Piloten gefährlich ist

Das Thema Sekundenschlaf ist am Autosteuer bekanntlich von großer Bedeutung, da eine plötzliche Müdigkeitsattacke schwerwiegende Folgen haben kann. Kommt es zu einem Unfall, kann dieser je nach den Umständen des Einzelfalls als grob fahrlässig oder sogar strafbar eingestuft werden und zum Entzug der Fahrerlaubnis oder zu einer Freiheitsstrafe führen; nähere Informationen dazu im Bußgeldkatalog.

Auf dem Flight Deck, also in der Fahrerkabine eines Flugzeugs, kommt es aufgrund von Sekundenschlaf hingegen nicht zu Unfällen. Das versichert auf TRAVELBOOK-Nachfrage Andreas Bertram, Berufspilot und Geschäftsführer des Flugservice Bautzen (EDAB). Insgesamt ordnet er die Ergebnisse der Umfrage deutlich nüchterner ein. Die moderne Luftfahrt sei hochtechnisiert, viele Aufgaben übernehme inzwischen der Computer. „Der Computer fliegt viel besser“, sagt Bertram. Die Piloten seien vor allem dafür da, die Technik zu überwachen und zu kontrollieren, ob alle Systeme ordnungsgemäß funktionierten.

Gerade auf längeren Strecken könne diese Aufgabe ausgesprochen monoton sein. Das Flugzeug fliege häufig über weite Strecken geradeaus, während die automatisierten Systeme die Flughöhe, den Energieverbrauch und die Triebwerkssteuerung optimierten. „Wenn nichts zu tun ist, alle Werte in Ordnung sind, dann ist das – auf Deutsch gesagt – langweilig“, beschreibt Bertram die Arbeit im Cockpit. Die Piloten schauten dann aus dem Fenster – und könnten dabei auch einschlafen.

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»Piloten schlafen nicht aus Müdigkeit ein, sondern aus Langeweile

Dass Piloten im Cockpit regelmäßig einnicken, hält Bertram also durchaus für plausibel. Doch dahinter steckt seiner Einschätzung und eigenen Erfahrung nach weniger eine Überlastung durch zu viele Flugstunden als vielmehr die Monotonie der Arbeit.

Unmittelbar gefährlich sei die Situation nicht, solange die Technik zuverlässig funktioniere. Falle ein System aus oder weiche ein Wert von der Norm ab, reagierten die Flugzeugsysteme mit optischen und akustischen Warnmeldungen. Und dann wird es laut: „So tief kann man nicht schlafen, um das zu überhören.“

Piloten müssten nun die Situation erfassen, die entsprechenden Checklisten abarbeiten und entscheiden, welche Maßnahmen erforderlich seien. Aus einer zunächst monotonen Überwachungsaufgabe könne so innerhalb von Sekunden eine hoch anspruchsvolle Situation werden. Dann müssten die Piloten plötzlich wieder ihre volle Leistungsfähigkeit abrufen. Und sicher, das könne nach einer langen Phase geringer Beanspruchung zur Herausforderung werden.

Regelmäßige Schulungen für Notfälle

Bertram verweist weiterhin darauf, dass die Piloten auf solche Situationen intensiv vorbereitet würden. Notfallschulungen gehörten zum Berufsalltag. Die Piloten würden regelmäßig überprüft und absolvierten in ihren Unternehmen in der Regel halbjährliche Simulatortrainings, bei denen Notfälle und außergewöhnliche Situationen geübt würden.

Trotz der zunehmenden Automatisierung bleibe ihre Aufgabe damit anspruchsvoll: Sie müssten jederzeit in der Lage sein, die Kontrolle zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Doch sollte man vielleicht etwas gegen die Monotonie tun? Die einzige Möglichkeit wäre aus Betrams Sicht, den Piloten wieder mehr manuelle Fluganteile zu ermöglichen. Doch wie sinnvoll das ist, bleibt fraglich, denn mehr manuelles Fliegen sei nicht die sicherste und auch nicht die wirtschaftlichste Lösung.

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