25. Mai 2026, 7:16 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Als Extremsportler und Weltrekordhalter ist Jonas Deichmann bereits durch mehr als 100 Länder gereist. Aktuell ist er gemeinsam mit Josefine Rutkowski für sein Projekt „Around Europe“ mit dem Gravelbike einmal in ganz Europa unterwegs. Im Interview mit TRAVELBOOK spricht er darüber, warum Europa für ihn eine besondere Art von Abenteuer ist und weshalb sich Länder mit dem Fahrrad anders entdecken lassen.
TRAVELBOOK: Große Abenteuer verbinden viele eher mit anderen Kontinenten. Sie reisen stattdessen monatelang mit dem Fahrrad durch Europa, oft durchs Hinterland statt zu den klassischen Hotspots. Was macht Europa für Sie so spannend – und was erlebt man auf dem Fahrrad, das einem sonst entgeht?
Jonas Deichmann: „Ich bin mittlerweile mit dem Fahrrad durch über 100 Länder gefahren – Panamerika-Weltrekord, Eurasien-Weltrekord, durch Afrika bis nach Kapstadt. Aber Europa hat eine extreme Vielfalt. Es gibt verschiedene Sprachen, Kulturen, Essen und Gebirge. Vom nördlichen Polarkreis in Norwegen bis ans Mittelmeer in Griechenland. Für mich ist ein Abenteuer immer die Reise ins Unbekannte. Das kann auch direkt vor der Haustür sein. Es geht darum, loszugehen und zu schauen, was passiert. Süditalien zum Beispiel kannte ich vorher noch nicht. Das war komplett anders als erwartet.
Mit dem Fahrrad erlebt man die Länder viel intensiver. Man ist langsam genug unterwegs, um durch kleine Dörfer und Gegenden zu kommen, die man sonst nicht sehen würde. Wir waren in der Toskana unterwegs, wo der Massentourismus ist, genauso aber auch in kleinen Bergdörfern in Süditalien, wo kaum Touristen unterwegs sind. Man sitzt in Restaurants, in die vor allem Einheimische gehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man ein Land mit dem Fahrrad viel besser und echter kennenlernt als auf normalen Reisen.“
»Das authentische Italien haben wir im Hinterland kennengelernt
TRAVELBOOK: Sie haben Italien inzwischen hinter sich gelassen und sind weiter Richtung Frankreich unterwegs. Wo haben Sie auf Ihrer Reise das authentischste Italien erlebt? Und welche Strecke ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Jonas Deichmann: „Süditalien ist komplett anders als Norditalien. Das Einkommen im Süden ist deutlich geringer, viele Leute ziehen weg. Dementsprechend gibt es Landstriche mit verlassenen Dörfern und Perspektivlosigkeit. Auf der anderen Seite gibt es diese Postkartenlandschaften wie in der Toskana, wo alles fast zu perfekt aussieht mit den Alleen und Häusern. Italien ist ein extrem vielseitiges Land.
Es gibt exklusiven Tourismus, aber genauso Massentourismus an der Adria mit großen Hotelanlagen. Zum Radfahren hat die italienische Küste traumhafte Abschnitte. Cinque Terre zum Beispiel – 70 oder 80 Kilometer mit wenig Verkehr und genialen Aussichten. Auch südlich von Neapel gibt es wunderschöne Strecken. Gleichzeitig ist die Küste an vielen Orten extrem zugebaut und voller Verkehr. Das Authentische haben wir eher im Hinterland kennengelernt: in kleinen Bergdörfern und auf Nebenstraßen, wo kaum Touristen unterwegs sind. Das kann sowohl in Süditalien als auch im Norden sein. Die Toskana oder Ligurien sind eher das Italien für Touristen.“
TRAVELBOOK: Gerade auf langen Fahrradreisen läuft vermutlich nicht immer alles nach Plan. Gab es unterwegs auch schon Momente, in denen Sie improvisieren mussten?
Jonas Deichmann: „In Frankreich läuft bisher alles ziemlich nach Plan. Dort sind wir durch Gegenden gefahren, die stark auf Fahrradtourismus eingestellt sind. In Süditalien mussten wir unsere Strecke dagegen teilweise komplett umplanen. Wir wollten viele kleine Neben- und Schotterstraßen fahren. Das Problem war aber, dass manche Wege nicht mehr instand gehalten werden. Teilweise waren Strecken komplett zugewachsen oder plötzlich mit Schranken gesperrt. Die Routenplanung habe ich mit ‚Komoot‘ gemacht, was in Europa normalerweise sehr gut funktioniert. Aber gerade in Süditalien hat uns der Algorithmus immer wieder in Sackgassen geführt. Da mussten wir improvisieren und sind teilweise auf größere Straßen ausgewichen, um verlässlich voranzukommen. Man merkt schon, dass die Infrastruktur nördlich von Rom deutlich verlässlicher wird.“
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»Wer den Traum hat, nach Lissabon oder Sizilien zu radeln, sollte einfach losfahren
TRAVELBOOK: Kann man so eine Fahrradreise eigentlich auch ohne Extremsporthintergrund machen? Und wie viel Planung braucht es dafür?
Jonas Deichmann: „Man muss natürlich unterscheiden, welche Distanzen man fährt und wo man unterwegs ist. Wir fahren im Schnitt 180 Kilometer am Tag und hatten allein in Italien rund 50.000 Höhenmeter, dazu viele Schotterwege. Das ist für die meisten natürlich eher extrem. Aber grundsätzlich kann so eine Reise jeder machen. Es gibt in ganz Europa zum Beispiel die EuroVelo-Routen, also ausgewiesene und beschilderte Radstrecken mit guter Infrastruktur. Wir sind hier in Europa und nicht in der Sahara oder Sibirien.
Wer den Traum hat, mal nach Lissabon oder Sizilien zu radeln, sollte einfach losfahren. Dann setzt man sich eben nicht 180 Kilometer als Tagesziel, sondern plant mehr Zeit ein. Bei der Ausrüstung braucht man gar nicht so viel Besonderes: Zelt, Schlafsack, Isomatte und die wichtigsten Ersatzteile. Was ich immer dabeihabe, ist ein Schaltauge. Das ist oft modellabhängig und unterwegs schwer zu bekommen.“
TRAVELBOOK: Welches Land eignet sich Ihrer Erfahrung nach besonders gut zum Radfahren – und welches eher weniger?
Jonas Deichmann: „Für diese Reise ist Frankreich bisher angenehmer zum Radfahren als Italien, weil deutlich weniger Verkehr ist und Autofahrer mehr Abstand halten. In Italien wird man teilweise schon sehr knapp überholt. In Frankreich ist man da oft deutlich entspannter unterwegs. Generell bin ich ein großer Fan von Skandinavien. Dort darf man fast überall wild zelten. In Europa ist das sonst oft eine Grauzone, aber in Skandinavien kann man sein Zelt ganz legal am See oder am Meer aufstellen. Das macht das Reisen natürlich viel einfacher. Man fährt einfach so lange, bis man einen schönen Platz findet. Das ist schon ein absoluter Luxus.“
»Montenegro ist ein absoluter Geheimtipp
TRAVELBOOK: Gibt es ein Land oder eine Region, die Sie besonders empfehlen können – vielleicht auch einen Geheimtipp?
Jonas Deichmann: „In Europa freue ich mich natürlich besonders auf Norwegen, auch wenn das inzwischen viele kennen. Ein Land, das kaum jemand auf dem Radar hat, ist Montenegro. Viele wissen gar nicht genau, wo es liegt. Ich bin dort schon zweimal mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und finde es unglaublich schön. Montenegro ist zwar klein, hat aber eine der schönsten Küsten Europas und beeindruckende Berge im Hinterland. Für mich ist das ein absoluter Geheimtipp.“