3. November 2026, 13:05 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Als Erwachsener mit den eigenen Eltern verreisen – so wie früher als Kinder? Was für viele unvorstellbar erscheint, ist für unseren Autor inzwischen eine kleine Tradition. Für ihn gibt es gleich mehrere sehr gute Gründe, mit seinen Eltern in den Urlaub zu fahren.
Die Idee kam von meiner Mutter. Statt Geschenken und einer Feier wünschte sie sich zu ihrem 68. Geburtstag einen Kurztrip „irgendwohin“ mit der ganzen Familie. Unsere erste gemeinsame Städtereise führte uns dann nach London. Daraus wurde ein jährliches Reiseritual. Schnell habe ich gemerkt, dass diese Reisen nicht nur für meine Eltern, sondern auch für meinen Bruder und mich eine Bereicherung sind. Denn es gibt viele gute Gründe, warum wir häufiger mit unseren Eltern verreisen sollten.
Sobald wir erwachsen werden, möchten die meisten von uns eher ohne die Eltern verreisen. Das gehört wohl zum Abnabelungsprozess dazu. Auch ich habe mit etwa 18 Jahren aufgehört, mit meinen Eltern richtige Reisen zu unternehmen. Was blieb, waren die üblichen Besuche bei Verwandten innerhalb Deutschlands. Aber die zählen für mich nicht so richtig. Denn dabei standen Familienfeiern im Vordergrund, und wir blieben in unseren alten Eltern-Kind-Rollen.
Während ich also immer häufiger verreiste und sogar eine mehrjährige Weltreise unternahm, blieben meine Eltern meist daheim. Und wenn sie doch mal verreisten, dann war es ein Pauschalurlaub in einer Hotelanlage. Da gibt es zwar mehrmals täglich leckeres Essen und reichlich Entspannung, aber viel vom Land sieht man so nicht. Erst die Reise nach London hat meinen Eltern gezeigt, wie Individualurlaub heutzutage funktioniert – und wie bereichernd es ist, andere Orte zu entdecken. Selbst wenn es manchmal etwas anstrengend ist.
Interessanterweise hat die erste gemeinsame Reise seit Jahren nicht nur bei meinen Eltern ein Umdenken bewirkt, sondern auch bei mir: Endlich habe ich einen Weg gefunden, meinen Eltern etwas zurückzugeben, indem ich eine Reise für sie plane, alles buche und dann gemeinsam mit ihnen unterwegs bin. Und so gibt es für mich fünf gute Gründe, warum ich mindestens einmal im Jahr mit meinen Eltern verreisen möchte.
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1. Möglichkeit, den eigenen Eltern etwas zurückzugeben
Das Wichtigste zuerst. Vielleicht ist es etwas ganz Natürliches, dass Eltern im Laufe ihres Lebens mehr für ihre Kinder tun als die Kinder für ihre Eltern. So ist es zumindest in meiner Familie. Meine Eltern sagen dazu nur: „Das werdet ihr irgendwann dann euren Kindern zurückgeben.“ Eine Gegenleistung erwarten sie nicht. Dennoch bleibt bei mir immer dieses Gefühl, dass ich meinen Eltern nicht genug zurückgeben kann. Denn sie sind auf keine große Unterstützung von mir angewiesen. Außer eben bei der Reiseplanung.
Unterkünfte recherchieren und buchen. Die richtigen Flüge dazu aussuchen. Den Weg vom Flughafen zur Unterkunft planen. Sich vor Ort mit Google Maps zurechtfinden. Und sich überall auf Englisch verständigen. Was für viele selbstverständlich zum Reisen dazugehört, ist für meine Eltern eine große Hürde, die sie vom Verreisen abhält. Vor allem von Individualreisen.
Und genau das alles kann ich ihnen abnehmen. Ob ich nun eine Reise für mich allein plane oder für meine Eltern und mich, macht vom Aufwand her wenig Unterschied. Doch für meine Eltern ist es eine riesige Erleichterung. Zudem können sie auf der Reise komplett abschalten, da mein Bruder und ich vor Ort die Organisation übernehmen. „Wir fühlen uns wie Kinder mit euch auf den Reisen – wir laufen einfach mit“, sagt meine Mutter dazu selbstironisch. Oder anders ausgedrückt: Meine Eltern können endlich Verantwortung abgeben und einfach das Reisen genießen.
Und so habe ich für mich eine ideale Möglichkeit entdeckt, meinen Eltern etwas zurückzugeben. Sie sehen Orte, an die sie sich allein nicht trauen würden, und sind dabei völlig unbeschwert. Das ist mein kleiner Dank dafür, dass sie mir eine sorgenfreie und glückliche Kindheit geschenkt haben.
2. Neue gemeinsame Erinnerungen schaffen
Gleichzeitig schafft das Reisen neue gemeinsame Erinnerungen. Anstatt uns immer nur an vergangene Tage und Erlebnisse zu erinnern, erleben wir auf Reisen gemeinsam etwas Neues. Ich kann meine Eltern begeistern und ihnen einzigartige Erinnerungen schenken. So ist mein Vater (73) fast vor Stolz geplatzt, als er mit mir in 15 Minuten zur mittleren Aussichtsplattform des Eiffelturms hinaufgestiegen ist – 115 Meter hoch. Denn anlässlich der Goldenen Hochzeit meiner Eltern gab es keine große Feier daheim, sondern einen Kurztrip nach Paris. Wir saßen dann gemeinsam auf den Treppenstufen vor Sacré-Cœur, vor uns der Sonnenuntergang über Paris und ein paar charmante Straßenmusiker. Dass es am Rande in der Menschenmenge zu einer kleinen Schlägerei kam, hat den Moment nicht weniger wertvoll für uns gemacht. „C’est la vie“, würde der Franzose dazu sagen.
Natürlich gibt es viele Menschen im Alter meiner Eltern, die wunderbar selbstständig verreisen und sich in der weiten Welt gut zurechtfinden. Meine Eltern fühlen sich dabei allerdings unsicher und bleiben lieber in ihrer vertrauten Umgebung. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn Menschen gerne in ihrer Komfortzone bleiben. Doch wenn man die Welt entdecken will, muss man sich ins Unbekannte trauen. Genau dabei helfe ich meinen Eltern und erfülle ihnen ihre Reiseträume. Was uns danach bleibt, sind unzählige Erinnerungen. Und natürlich Unmengen von Familien-Selfies!
3. Raus aus den alten Eltern-Kind-Rollen
Die Rollenverteilung ist in einer Familie oft seit Jahren eingespielt. Doch wenn man aus den üblichen Alltagsroutinen ausbricht und etwas Neues mit seinen Eltern unternimmt, hat man die Chance, die Rollen zu wechseln. Und so kann ich auf Reisen zum Beispiel die Verantwortung für meine Eltern übernehmen und die Richtung vorgeben. Meine Eltern können dann leichter die Kontrolle abgeben und aus ihrer sonst so verantwortungsvollen und fürsorglichen Rolle herauskommen.
Aber nicht nur das. Sie verhalten sich auf Reisen anders. Die Alltagsroutinen und -sorgen treten in den Hintergrund, und sie konzentrieren sich mehr auf den Moment im Hier und Jetzt. Sie sind sichtlich entspannter und gelassener als in ihrem Alltag. So sieht man die eigenen Eltern noch mal mit anderen Augen.
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4. Die Verbindung zueinander stärken
Es ist völlig normal, dass wir als Erwachsene unser eigenes Leben führen und nicht mehr auf unsere Eltern angewiesen sind. Doch leider kann darunter im Laufe der Jahre auch die Beziehung zu ihnen leiden. Wenn man nur noch mit seinem eigenen Leben beschäftigt ist und vielleicht auch noch weit voneinander entfernt wohnt, vergehen in manch einer Familie Monate, bis man sich wiedersieht.
Gemeinsame Reisen können dabei helfen, die Verbindung zu den Eltern wieder zu stärken. Man hat mehr Zeit, um sich auszutauschen und auch mal wieder tiefere Gespräche zu führen. Selbst für mich, der eine starke Bindung zu seinen Eltern pflegt und sich regelmäßig mit ihnen trifft, sind die Reisen noch mal eine andere Erfahrung. Wenn auch mein Bruder dabei ist, fühlt es sich besonders erfüllend an, gemeinsam unterwegs zu sein. So wie früher in der Kindheit, als wir zusammen im Auto nach Italien oder Spanien reisten. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine gemeinsame Reise auch eine Chance sein kann, wieder mehr Nähe zu schaffen, wenn man sich im Alltag etwas voneinander entfernt hat.
5. Gemeinsame Reisepläne nicht auf irgendwann verschieben
Auch bei uns in der Familie hieß es oft: „Das müssen wir unbedingt mal gemeinsam machen.“ Oder: „Auf jeden Fall sollten wir irgendwann mal nach New York. Und nach Paris auch.“ Oder ich zu meinen Eltern: „Asien solltet ihr mal gesehen haben.“ Und, und, und.
Doch unsere gemeinsame Zeit ist endlich, und ein Schicksalsschlag kann jederzeit alle Pläne durchkreuzen. Unsere Eltern werden nicht jünger. Irgendwann sind ihnen anstrengende Reisen und Langstreckenflüge vielleicht nicht mehr möglich.
Anstatt also gemeinsame Reisen und Erlebnisse von Jahr zu Jahr weiter aufzuschieben, sollte man sich konkrete Ziele setzen und die Planung in Angriff nehmen. Das ist sicherlich nicht immer einfach. Sind die Eltern im Rentenalter, sind sie zumindest zeitlich oft flexibler. Doch so lange sollte man mit den gemeinsamen Reisen nicht unbedingt warten.
Ich persönlich wäre lieber schon früher wieder mit meinen Eltern gereist. Doch nun weiß ich: Noch haben wir die Möglichkeit, und die möchten wir nutzen. Unser Ziel steht fest: Mindestens einmal im Jahr unternehmen wir einen gemeinsamen Trip. Denn am Ende bleiben uns nur die Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und glückliche Momente.