21. Oktober 2026, 10:11 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Vor 89 Jahren verschwand die legendäre US-amerikanische Pilotin Amelia Earhart über dem Pazifik und wurde für tot erklärt. Manche sagen, dass sie beim Sturz in den Ozean starb, andere, dass sie von japanischen Soldaten gefangen genommen wurde. Hoffnung auf Aufklärung gab es dann erneut in diesem Monat: Ein Forschungsteam machte sich auf den Weg zu einem abgelegenen Atoll im Südpazifik, wo ein Satellitenbild das Flugzeug von Amelia Earhart zeigen und das Rätsel um ihr Verschwinden lösen sollte. Nun steht jedoch fest, dass es sich bei der einst vielversprechenden Entdeckung lediglich um angespülte Baumstämme handelte.
Amelia Earhart war die erste Frau, die den Atlantik in einem Flugzeug überquert hat, und schon zeitlebens ein Idol der US-amerikanischen Frauen. 1937, im Alter von nur 39 Jahren, wollte sie als erste Frau die Erde am Äquator mit dem Flugzeug umrunden. Doch während dieses Unterfangens verschwand sie auf mysteriöse Weise. Für die Suchenden ist es bereits der zweite Rückschlag in kurzer Zeit: Schon 2024 hatte sich ein mittels Sonar aufgenommenes Bild des vermeintlichen Flugzeugs der Pionierin als Felsen herausgestellt.
Übersicht
Sechs Jahre Hoffnung – und am Ende nur Baumstämme
Auslöser der neuen Expedition war ein Satellitenbild von 2020. Es zeigte in der Lagune des unbewohnten Atolls Nikumaroro im Inselstaat Kiribati einen länglichen, metallisch glänzenden Umriss. Laut BILD war er rund zwölf bis 13 Meter lang und damit fast so groß wie Rumpf und Heck von Earharts Lockheed Electra 10-E. Benannt wurde das „Taraia-Objekt“ nach der Halbinsel, an der es entdeckt wurde.
Hinter der Expedition steht die Purdue University aus Indiana. Earhart arbeitete einst dort, und eine Stiftung der Uni hatte ihr „fliegendes Labor“ finanziert. Nach der Weltumrundung sollte die Maschine an die Hochschule zurückgehen.
Geplant war die Suchexpedition schon für November 2025. Weil die Genehmigung aus Kiribati fehlte und die Zyklonsaison begann, wurde sie aber verschoben. Die Kosten lagen laut „Times of India“ bei rund 900.000 Dollar. Verglichen mit den 11 Millionen Dollar für die Sonar-Suche 2023 (über die wir weiter unten berichten) ist das fast ein Schnäppchen.
Die Purdue-Universität berichtet: Anfang Oktober brach das 17-köpfige Team von Tarawa aus auf, rund 1.500 Kilometer über teils schwere See. Auf der Insel Nikumaroro musste es sich mit Macheten und Kettensägen zur Lagune durchschlagen. Danach hielt Unwetter die Forscher drei Tage lang vom Ufer fern. Nach sieben Tagen vor Ort stand das Ergebnis fest: Das Objekt sei nichts weiter als angespülte Baumstämme. Übrig war nur noch ein Y-förmiges Stück, das eher an einen Ast als an ein Flugzeugheck erinnert. Der Glanz stamme offenbar von verfestigtem Korallensand. Aufgeben wolle das Team trotzdem nicht.
Nicht überrascht gewesen sein dürfte Ric Gillespie. Der Mitgründer der Organisation TIGHAR sucht seit Jahrzehnten auf Nikumaroro nach Earhart und hatte die Stelle selbst schon zweimal mit Metalldetektoren abgesucht. Laut „Guardian“ tippte er schon vor der Abfahrt auf einen Baum.
Eine Menge Fundstücke auf Nikumaroro
Dabei hält Gillespie die Insel selbst für den Schlüssel zum Rätsel. Eigentliches Ziel von Earharts vorletzter Etappe war Howland Island, eine winzige Insel mitten im Pazifik, auf der sie auftanken wollte. Dort kam sie jedoch nie an. Gillespies Theorie: Amelia Earhart ist nicht in den Ozean gestürzt, sondern konnte auf Nikumaroro notlanden, das rund 650 Kilometer südöstlich von Howland liegt. Das Atoll liegt nur ganz knapp über dem Meeresspiegel, es ist nur 6 Kilometer lang und 2 Kilometer breit. Die kleine Insel wird vollständig von einem Korallenriff umringt. Nach Gillespies Theorie landete Earhart auf diesem Riff, schaffte es an Land zu kommen und dort ein paar Tage zu überleben.
Dafür sprechen mehrere Indizien: Eine Woche nach Earharts Verschwinden fanden Navy-Piloten Anzeichen dafür, dass erst vor Kurzem jemand an der Küste sein Lager aufgeschlagen haben musste. Ein Jahr nach Earharts Verschwinden besiedelte eine kleine Gruppe von Briten das bis dahin unbewohnte Eiland. 1940 fanden diese Siedler Teile eines Damenschuhs, eine leere Sextantenkiste (Navigationsgeräte, die auch im Flugzeug gebraucht werden) und eine Flasche einer französischen Likörmarke, die Earhart nach eigenen Aussagen gerne trank. Auch der Schuh konnte später einer Marke zugeordnet werden, die auch Earhart trug.
Im selben Jahr wurden außerdem ein menschlicher Schädel und ein Skelett auf der Insel gefunden. Ein Arzt in Fidschi untersuchte die Knochen und hielt sie für die eines Mannes, danach gingen sie verloren. 2018 wertete der US-Anthropologe Richard Jantz die alten Messdaten mit modernen Methoden neu aus und kam zu dem Schluss, dass die Knochen sehr wohl Earharts sein könnten. Die Studie wurde jedoch auch kritisiert, da alte Fotos nicht als ausreichende Quelle betrachtet werden können.
Auch das Purdue-Team kehrte nicht mit leeren Händen zurück: In der Lagune fand es ein rund 76 Zentimeter langes Stahlrohr, das nun untersucht wird. Andere suchen das Flugzeug dagegen dort, wo Earhart eigentlich landen wollte: auf dem Meeresgrund vor Howland Island.
Rückschlag bereits 2024 bei teurer Sonar-Suche
So auch Hobbyforscher Tony Romeo. Kurze Zeit sah es sogar so aus, als hätte er bei seiner Suche nach Earharts unverkennbarem Flugzeug Erfolg gehabt. Von einer rund 100-tägigen Seereise kehrte er im Dezember 2023 mit einem Sonarbild zurück, das seiner Meinung nach das verschollene Flugzeug in den Tiefen des Ozeans zeigte. In einem Interview mit „Business Insider“ verriet der ehemalige Geheimdienstoffizier der US-Luftwaffe, dass er schon immer von der Geschichte von Amelia Earhart fasziniert gewesen sei.
Romeos Expedition begann demnach im September 2023 in Tarawa, einem anderen Atoll, im Pazifischen Ozean. Die 16-köpfige Forschungscrew untersuchte mit einer 9 Millionen Dollar teuren unbemannten Hightech-Tauchdrohne eine Fläche des Meeresbodens von mehr als 13.000 Quadratkilometern. Etwa einen Monat nach Beginn der Reise zeichnete die Tauchdrohne ein Sonarbild eines flugzeugförmigen Objekts auf – ungefähr 160 Kilometer vor Howland Island. Das Team entdeckte das Bild jedoch erst am 90. Tag der Reise, wodurch sich eine Rückkehr zur genaueren Betrachtung als unpraktisch erwies.
Am 1. November 2024 bestätigten Tony Romeo laut der „New York Post“ schließlich, dass sich der vermeintliche Durchbruch nach der Aufnahme neuer Sonarbilder lediglich als eine Felsformation in Form eines Flugzeugs herausgestellt hat. Romeo, der all seine Gewerbeimmobilien verkauft hatte, um die Suche zu finanzieren, zeigt sich trotz des Rückschlags positiv. „Die weltweite Resonanz auf unsere erste Entdeckung war wirklich inspirierend, ein Zeugnis für Amelia und die Anziehungskraft ihrer unglaublichen Geschichte.“
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Die letzten Stunden vor dem Verschwinden
Earharts Route sollte sie von Miami über Puerto Rico, Venezuela und Brasilien über den Atlantik nach Senegal führen. Weiter gehen sollte es über den Sudan, Äthiopien, Indien, Myanmar und Papua Neuguinea, immer am Äquator entlang. Die letzte Etappe auf dem Weg zu ihrem finalen Ziel Hawaii sollte die gefährlichste werden, führte die Strecke doch vollständig über den Pazifischen Ozean. Auf dem Weg über die riesigen Wassermassen wollte Earhart nur noch einmal anhalten, nämlich auf der damals zu den USA-Territorien gehörende Insel Howland Island in der Nähe des heutigen Kiribati. Doch die Pilotin sollte ihr Ziel nie erreichen.
Ihre letzten Funksprüche waren verzweifelt: Sie und ihr Navigator Noonan fanden die Koordinaten der Insel nicht, der Sprit ging aus, der Funkkontakt brach ab. Als es keinem Schiff im Umkreis gelang, den Kontakt wieder herzustellen, wurde umgehend eine riesige Schiffsflotte auf die Suche nach Earhart geschickt. Damals war es die teuerste und aufwendigste Rettungsaktion in der Geschichte der US-Navy, mit dutzenden Kriegsschiffen und Flugzeugen im Einsatz. Doch vergeblich. Wenige Wochen später wurde Earhart von ihrem Ehemann für tot erklärt. Die wahrscheinlichste Todesursache: Das Flugzeug stürzte in den Pazifik und die beiden Piloten starben beim Aufprall oder durch Ertrinken. Einige abenteuerliche Theorien gehen davon aus, dass Earhart und Noonan von japanischen Soldaten gefangen genommen wurden (1937 herrschte bereits der Pazifikkrieg). Dafür gibt es jedoch keinerlei Anhaltspunkte. Bleibt die dritte Theorie: die Notlandung auf Nikumaroro.
Gillespie geht davon aus, dass Earhart sich vom Riff an Land retten konnte und dort noch einige Tage überlebte. Nachts, wenn die Ebbe kam, soll sie zum Flugzeug geschwommen sein und mehrere Tage lang versucht haben, Notfunksprüche abzusenden.
Earharts Hilferufe im Radio
Diese Sprüche sind keine Spekulation Gillespies, sondern wurden nachweislich auf mehreren US-amerikanischen Militärstationen empfangen und nach Dutzenden Berichten auch im US-amerikanischen Radio gehört. So berichteten mehre Frauen, mitten in einer Radioübertragung zu Hause im Wohnzimmer auf einmal Earharts Hilferufe gehört zu haben. Bei den Behörden gingen damals mehr als 120 solcher Meldungen aus Privathaushalten und den offiziellen Suchtrupps ein, von denen mehr als die Hälfte als glaubwürdig eingeschätzt werden und sich inhaltlich decken. Von allen gehörten Funksprüchen gibt es sorgfältige, schriftliche Transkriptionen. Mehrere der Militärstationen gingen damals davon aus, dass die Sprüche von Nikumaroro – das damals noch Gardner Island hieß – ausgingen. Gillespie hat alle Sprüche über die Jahre gesammelt und aufwendig analysiert. Den Bericht zu seinen Funden hat er online frei zugänglich gemacht.
Die Funksprüche zeichnen ein Bild von Earharts verzweifelter Lage: In einem Funkspruch berichtet sie, wie das Wasser um das Flugzeug steigt und steigt, und dass sie nicht mehr lange durchhalten könne. In einem anderen erklärt sie, dass ihr Begleiter schwer verletzt sei und dringend medizinische Hilfe benötige. In einem weiteren Funkspruch hat Earhart angeblich sogar ihre Koordinaten durchgegeben. Die Hörerin, die dies zufällig aufschnappte, soll den Zettel aber verloren haben.
Gillespie ordnet die Sprüche in seinem Bericht an und kommt zu dem Schluss, dass der Wechsel aus den Intervallen, in denen Earhart stumm blieb und denen, in denen sie funkte, darauf hinweist, dass Earhart immer nur während der Ebbe die Maschinen des Flugzeugs anschaltete, um funken zu können. Außerdem beschrieben die Sprüche, die in den ersten paar Tagen durchgegeben wurden, das Flugzeug als „von Wasser umgeben“, während die nächsten Sprüche bereits Hilferufe sind, in denen Earhart davon berichtet, dass das Flugzeug halb an Land, halb unter Wasser sei. In den letzten registrierten Funksprüchen wird bezeugt, dass das Flugzeug fast vollständig im Ozean versunken sei.