26. Juli 2026, 7:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Palmen, Infinity-Pools und spektakuläre Ausblicke – auf Social Media wirkt das Leben vieler Reise-Influencer wie ein endloser Urlaub. Doch der Alltag hinter den perfekten Bildern sieht oft ganz anders aus. Hoher Arbeitsaufwand, wirtschaftliche Unsicherheiten und neue Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz prägen inzwischen den Beruf. Zwei erfolgreiche Reise-Influencer berichten, wie ihr Geschäft tatsächlich funktioniert – und warum sie den Karriereweg heute nur eingeschränkt empfehlen.
Vom Reiseblog zum eigenen Unternehmen
Der Einstieg von Biggi Bauer (41) und Florian Westermann (46) begann im Jahr 2010 mit dem Blog „Phototravellers“. Ursprünglich sollte die Website lediglich als digitales Tagebuch für Freunde und Familie dienen. Schon kurze Zeit später verkaufte Florian Westermann jedoch erste Reisefotos. Das Paar erkannte das wirtschaftliche Potenzial von Reiseinhalten. Ab 2016 erweiterten sie ihre Präsenz um Instagram und YouTube, später folgte TikTok. Zwei Jahre danach gaben beide ihre Festanstellungen auf und machten das Reisen zu ihrem Beruf. Heute stamme ihr Einkommen aus mehreren Quellen, wie sie bei BILD berichten.
Eine zentrale Rolle spielen Affiliate-Links, über die Hotels, Kameras oder Reisezubehör empfohlen werden. Erfolgt ein Kauf über diese Verlinkungen, erhalten die beiden eine Provision. Hinzu kommen bezahlte Kooperationen mit Reiseveranstaltern, Tourismusverbänden und Destinationen. „Unser Reiseblog gehört seit Jahren zu den größten im deutschsprachigen Raum und ist aktuell unsere wichtigste Einnahmequelle“, sagt Florian Westermann. Gleichzeitig gewinnt Instagram für das Paar weiter an Bedeutung. Mit knapp 70.000 Followern wächst das Interesse von Unternehmen an Kooperationen.
Hohes Einkommen möglich
Über ihren Blog vermarkten Bauer und Westermann außerdem Werbebanner sowie eigene Angebote wie E-Books und einen Online-Fotokurs. Auch YouTube trägt zum Einkommen bei. Die Plattform beteiligt Creator mit 55 Prozent an den Einkünften, die durch Anzeigen vor oder während der Videos entstehen. Auf Instagram dagegen stammen Einnahmen fast ausschließlich aus bezahlten Partnerschaften. „Wenn wir nur auf eine Plattform setzen müssten, wäre das YouTube, weil man hier recht schnell monetäre Erfolge erzielen kann“, sagt Florian. Insgesamt erzielen die beiden jährlich Einnahmen im sechsstelligen Bereich.
Hinter den Bildern steckt ein hoher Arbeitsaufwand
Der Beruf wirkt auf den ersten Blick attraktiv, verlangt jedoch deutlich mehr als das Veröffentlichen schöner Urlaubsfotos. Reiseziele müssen recherchiert, Artikel geschrieben und regelmäßig aktualisiert werden. Hinzu kommen Planung, Dreh und Schnitt von Videos sowie tägliche Beiträge für Social Media. Auch Kampagnenplanung, E-Mail-Kommunikation, Buchhaltung, Vertragsverhandlungen und der Austausch mit Geschäftspartnern gehören zum Arbeitsalltag. „Außerdem muss der Blog technisch gepflegt und aktualisiert werden“, sagt Westermann. Sein persönliches Fazit lautet: „Wir arbeiten heute deutlich mehr und härter als früher in unseren Festanstellungen. Dafür genießen wir eine Freiheit, um die uns viele beneiden.“
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Wer finanziert die Reisen?
Oft entsteht der Eindruck, Influencer würden kostenlos verreisen. Tatsächlich gibt es sogenannte Barter-Deals. Dabei erhalten Creator etwa Hotelübernachtungen, Flüge oder Produkte und veröffentlichen im Gegenzug Inhalte darüber. Unternehmen gewinnen Reichweite, während Influencer Reisekosten sparen. Biggi Bauer und Florian Westermann verzichten jedoch bewusst auf dieses Modell. „Mit kostenlosen Einladungen können wir weder Miete noch Mitarbeiter bezahlen“, sagt Westermann. Zudem weisen sie auf steuerliche Risiken hin. Kostenlose Leistungen gelten aus Sicht des Finanzamts als Einkommen und müssen entsprechend versteuert werden – auch wenn kein Geld ausgezahlt wird.
Kreuzfahrtanbieter setzen verstärkt auf Social Media
Auch die Kreuzfahrtbranche arbeitet zunehmend mit Influencern zusammen. Ziel ist es unter anderem, jüngere Zielgruppen anzusprechen und das klassische Image der Kreuzfahrt zu verändern. Zu den bekanntesten internationalen gehört der US-Amerikaner Alex Ojeda. Für Royal Caribbean präsentiert der 24-Jährige Attraktionen wie Wasserrutschen oder Zip-Lines an Bord. Über seine Vergütung spricht er nicht. Mit rund 14 Millionen Followern schaffte er es in diesem Jahr jedoch auf die „Forbes 30 Under 30“-Liste im Bereich Social Media.
In Deutschland hat sich Matthias Morr als Kreuzfahrt-Influencer etabliert. Der 50-Jährige veröffentlicht regelmäßig Inhalte über Reisen mit AIDA und TUI Cruises auf YouTube und Instagram. „Die Reisen bezahle ich mittlerweile selbst“, sagt Morr. Dadurch bleibe er unabhängiger und vermeide steuerliche Probleme. Kooperationen mit Reedereien gehe er nur noch vereinzelt ein. „Ich muss inhaltlich dahinterstehen und meine Glaubwürdigkeit behalten“, erklärt Morr. „Mein Geschäft würde langfristig nicht funktionieren, wenn ich überwiegend Werbung machen würde.“
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Glaubwürdigkeit wird wichtiger als Reichweite
Die Zahl der Follower allein entscheidet heute immer seltener über den Erfolg. Unternehmen achten zunehmend auf glaubwürdige Empfehlungen und gutes Storytelling. Davon profitieren insbesondere kleinere Reise-Creator. Ihre Community vertraut persönlichen Erfahrungen häufig stärker als großen Accounts mit Millionenpublikum. Das zeigt sich auch in höheren Interaktionsraten: Nutzer kommentieren häufiger, stellen Fragen und buchen empfohlene Hotels oder Reisen eher. Auch Royal Caribbean verfolgt inzwischen gezielt diese Strategie. Ein Sprecher bestätigt, dass verstärkt kleinere Influencer ausgewählt werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Virgin Voyages. Nach Erfahrungen mit großen Influencern setzt die Reederei heute ebenfalls verstärkt auf kleinere Creator. Zwar erreichen diese weniger Menschen, ihre Tipps führen jedoch häufiger zu tatsächlichen Buchungen.
Warum Westermann den Beruf nur eingeschränkt empfiehlt
Trotz ihres Erfolgs würden Biggi Bauer und Florian Westermann jungen Menschen nur bedingt raten, Reise-Influencer zu werden. Als Gründe nennt Florian Westermann den hohen Planungsaufwand, die notwendige Kreativität und die Geduld, die für den Aufbau erfolgreicher Social-Media-Kanäle erforderlich seien. Und: „Mit großer Reichweite kommen nicht nur freundliche Menschen.“ Zusätzlich stehen klassische Reiseblogs durch die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz zunehmend unter Druck. „Das ist eine neue Herausforderung, der sich alle Content-Creator stellen müssen“, sagt Westermann. Deshalb haben Biggi Bauer und Florian Westermann ihr Angebot erweitert und mit dem Buch „Foto-Eskapaden in Deutschland“ zusätzlich den Schritt in die analoge Welt gemacht.