Wrack gefunden – aber 500 Menschen spurlos verschwunden

Der mysteriöseste Schiffsuntergang aller Zeiten

Valbanera Titanic
Die Valbanera auf einem Bild vor ihrem Untergang im Jahr 1919 Foto: Wikimedia/ Unbekannt-www.20minutos.com/CC BY-SA 3.0

Im September 1919 sank das spanische Schiff Valbanera mit 488 Menschen an Bord vor der kubanischen Küste. Der Vorfall ist der wohl mysteriöseste Schiffbruch in der Geschichte der Seefahrt – denn am Unglücksort wurde niemals auch nur eine einzige Leiche gefunden...

Wie zahlreiche Zeitungen, unter anderem die spanische „ABC“, berichten, verliert sich in der Nacht nach der Abfahrt aus Santiago jede Spur des 8000 Tonnen schweren Dampfers, auf dem sich zu diesem Zeitpunkt noch 488 Menschen befinden. Gerüchte über einen Ziklon haben bereits in Santiago die Runde gemacht, dennoch hält Kapitän Ramón Martín Cordero nördlichen Kurs – nach heutigen Erkenntnissen mitten auf besagten Sturm zu. Als das Schiff in Kuba ankommt, ist der Hafen von Havanna wegen des Sturms längst geschlossen. Die Valbanera signalisiert noch, vor dem Hafen zu ankern und das Ende des Hurrikans abwarten zu wollen – doch als dieser vorbei ist, fehlt von dem Schiff jede Spur.

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Wrack gefunden – aber keine einzige Leiche

Was in den folgenden Tagen passiert, lässt den Untergang der Valbanera endgültig zu einer Legende unter den modernen Schiffsunglücken werden: Am 20. September, zehn Tage nach ihrem Verschwinden also, taucht der Dampfer plötzlich wieder auf. Beziehungsweise sein Wrack, gesunken in seichten Wassern zwischen Kuba und der Küste von Florida.

Die anschließende Untersuchung wirft zahlreiche mysteriöse Fragen auf: Warum ist das Boot untergegangen, obwohl es äußerlich fast vollkommen intakt und manövrierfähig erscheint? Wieso ist kein einziges der Rettungsboote zu Wasser gelassen worden, wenn der drohende Untergang doch zumindest für den Kapitän und die Besatzung des Schiffes offensichtlich gewesen sein muss? Doch über all dem schwebt eine andere, wahrhaft schaurige Begebenheit: An Bord der Valbanera sowie rund um den Unglücksort werden weder Überlebende noch Leichen entdeckt. 

Das seltsame Ende der Valbanera machte sie zum Mythos: Zahlreiche große Zeitungen wie die „The New York Times“ berichteten über das Unglück, Journalisten und Abenteurer aus aller Welt versuchten, eine Erklärung für das Rätsel zu finden. Eine damals beliebte Theorie war, dass die Besatzung vom Hurrikan in das nahe Bermudadreieck getrieben worden sei, in dem schon Dutzende Schiffe unter unerklärlichen Umständen verschollen waren. Andere behaupteten, dass einzelne Überlebende es nach Florida geschafft hätten, wo sie ein neues Leben führten.

Von Haien gefressen?

Der spanische Historiker Julio González Padrón, der sich mit dem Untergang der Valbanera beschäftigte, äußerte in der ABC seine eigene Theorie, warum man keine Leichen fand: Die Gewässer rund um den Unglücksort seien verseucht mit Haien und Barrakudas, die die Schiffbrüchigen wohl einfach aufgefressen hätten. Der deutsche Hai-Forscher und Präsident der Hai-Stiftung Alexander J. Godknecht hält diese Theorie auf Nachfrage von TRAVELBOOK jedoch für eher unwahrscheinlich: „In der Regel fressen Haie keine Menschen.“ Lediglich wenn genug Blut im Wasser sei, könne dies Haie dazu bewegen, doch mal zuzubeißen. „Eine große Menge Blut im Wasser sollte jedoch bei einem nicht ‚angriffs-/kriegsbedingten‘ Schiffsuntergang nicht ins Wasser geraten“, gibt der Experte im Hinblick auf den Untergang der Valbanera zu bedenken. „Und dass 488 Menschen vollkommen von Haien gefressen werden und spurlos verschwinden, ist eher unwahrscheinlich.“

War eine starke Strömung schuld?

Godknecht hält eher eine andere Version für denkbar: „Unter den richtigen Wetterbedingungen ist es durchaus möglich, dass die Schiffbrüchigen von der sogenannten ‚Loop‘-Strömung, die zwischen Kuba und Florida Richtung Nordatlantik fließt, weggetragen wurden und „verdursteten, ertranken oder anders starben.“ Womöglich habe man an der falschen Stelle nach den Opfern gesucht und sie seien nicht in Florida, sondern den nordwestlichen Bahamas gelandet. Möglich sei auch, dass sie in den offenen Atlantik getragen wurden und dort verschwunden sind.

Bis heute jedenfalls fehlt von den unglücklichen Seelen der Valbanera jegliche Spur, was die Geschichte zum Stoff für Legenden und Poesie werden ließ. So sammelte zum Beispiel die Zeitung „El Diario“ zahlreiche Gedichte, die sich mit dem Untergang befassen. So heißt es beispielweise in einem Stück: „El que a bordo se quedaba/para La Habana marchar/sin poder adivinar/la suerte que le aguardaba“ (Etwa: „Derjenige, der an Bord blieb, um nach La Havanna zu fahren, konnte nicht ahnen, welches Schicksal ihn erwartete.“).

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Schwesterschiff sank vier Jahre später

Besonders tragisch: 1916, vier Jahre nach dem Untergang der legendären Titanic, war bereits ein Schwesterschiff der Valbanera gesunken – die Príncipe de Asturias. Der spanische Luxus-Dampfer, der wie die Valbanera der Reederei Pinillos Izquierdo y Compañía gehörte, rammte am 15.März 1916 einen Felsen, worauf er mitsamt seiner hochvermögenden Besatzung und Juwelen im heutigen Wert von mehreren Millionen Dollar Schiffbruch erlitt – nur 143 der fast 600 Menschen an Bord überlebten. Das Schiff, dass wie sein englisches Vorbild als unsinkbar gegolten hatte, wurde in der Folge als die „spanische Titanic“ bekannt.

Die Schätze, die sich an Bord befinden, liegen übrigens größtenteils wohl immer noch auf dem Meeresgrund: Wegen der extrem gefährlichen Bedingungen für Taucher ist das Wrack vor der Küste der Ilhabela nie geborgen worden. Und auch ein drittes Schiff der Reederei, der Dampfer Pío IX, ging unter – bei dem Unglück vor den Kanarischen Inseln verloren 40 Crew-Mitglieder ihr Leben. Auch hier gibt es also eine erstaunliche Parallele zur echten Titanic und ihren beiden Schwesterschiffen Olympic und Britannic, die ebenfalls Schiffbruch erlitten bzw. sogar untergingen (nur die Olympic sank nach einer Kollision mit einem anderen Schiff nicht). Genauso legendär wie die Unglücke wurde im Zuge der Ereignisse die Stewardess Violet Jessup, die alle drei besagten Vorfälle unbeschadet überlebte und erst 1971 starb.

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