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Xiaozhai Tiankeng

Im tiefsten Sinkloch der Erde wächst ein ganzer Wald

Im tiefsten Sinkloch der Erde, dem chinesischen Xiaozhai Tiankeng, hat sich im Laufe von zehntausenden von Jahren ein eigenes Ökosystem gebildet
Im tiefsten Sinkloch der Erde, dem chinesischen Xiaozhai Tiankeng, hat sich im Laufe von zehntausenden von Jahren ein eigenes Ökosystem gebildet Foto: picture alliance / Photoshot
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

21. Mai 2026, 10:22 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten

Nahe der chinesischen Stadtprovinz Chongqing befindet sich ein Naturwunder wahrhaft epischen Ausmaßes. Das Xiaozhai Tiankeng ist das tiefste Sinkloch der Welt, sogar Wolkenkratzer würden darin verschwinden. Doch das wirklich Erstaunliche ist das eigene, ganz besondere Ökosystem, das sich hier am Boden der abgrundtiefen Doline gebildet hat. Es scheint ganz eigenen Regeln zu folgen.

Im Südwesten Chinas befindet sich, nahe der Millionenmetropole und Stadtprovinz Chongqing, das vielleicht größte Naturwunder des riesigen Landes. Und das ist wörtlich zu nehmen, denn zwischen Sandsteinformationen, die die Natur über Jahrmillionen gebildet hat, gähnt hier mit dem Xiaozhai Tiankeng das tiefste Sinkloch der Welt. Weit mehr als einen halben Kilometer tief und fast ebenso breit tut sich hier die Erde in einem schwindelerregenden Abgrund auf. Fast nie erreicht ein Sonnenstrahl den Boden dieses Kraters. Und doch hat sich hier ein einzigartiges Ökosystem gebildet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Doch der Reihe nach. Ein Sinkloch, auch als Doline bezeichnet, entsteht, wenn ein unterirdischer Hohlraum durch den Einfluss von Erosion in sich zusammenbricht. Im Fall des Xiaozhai Tiankeng dürfte das laut „BBC“ zehntausende von Jahre gedauert haben. Regenwasser höhlte dabei stetig den porösen Sandstein, während ein mächtiger unterirdischer Fluss riesige Höhlen und Hohlräume schuf. Bis dann auf einen Schlag die Erde einbrach, und das gewaltige Loch im Boden entstand. Und dessen Ausmaße sind wahrhaft gigantisch. 626 Meter ist es tief, seine Breite beträgt 527 Meter. Das wäre genug Platz, um den Pariser Eiffelturm zweimal darin verschwinden zu lassen, oder wahlweise 40.000 olympische Schwimmbecken mit Wasser zu füllen.

Die Flora „funktioniert“ hier anders

Wissenschaftler faszinieren aber seit jeher nicht (nur) die Dimensionen des Xiaozhai Tiankeng, sondern vielmehr das einzigartige Ökosystem, das sich auf dessen Grund gebildet hat. Eine andere Welt wie aus einem Fantasyfilm, in der Forscher in einer Studie im Chinese Journal of Plant Ecology im Jahr 2024 mehr als 1200 Pflanzenarten beschrieben. 64 von ihnen untersuchten sie, und fanden dabei Erstaunliches heraus. Denn die Flora in der tiefsten Doline der Erde „funktioniert“ tatsächlich anders als vergleichbare Systeme an der Oberfläche. Die Autoren schreiben in ihrer Studie unter anderem: „Die Blätter der Pflanzen (…) enthalten weniger Kohlenstoff, dafür aber höhere Mengen an Stickstoff, Phosphor und weiteren Nährstoffen.“

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Konkret bedeutet das, dass die Flora im Xiaozhai Tiankeng mit den ihr zur Verfügung stehenden Nährstoffen weitaus weniger sparsam umgeht als anderswo wachsende Artgenossen. Dadurch wachsen die Pflanzen in dem Sinkloch um einiges schneller als gewöhnlich. Die Bedingungen, die sie dafür vorfinden, sind durch die besondere Lage konstanter als an anderen Orten. Die Temperatur ist relativ stabil, es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit, direktes Sonnenlicht gibt es wenig. Die Wissenschaftler beobachteten verschiedene Überlebenstaktiken bei den Gewächsen. So veränderten manche von ihnen sogar ihre Blattstrukturen, um sich besser an die gegebenen Lichtverhältnisse anzupassen.

Erst 1994 entdeckt

Daneben schafft auch der Boden im Xiaozhai Tiankeng die hier vorherrschenden, besonderen Wachstumsbedingungen. Je nach untersuchtem Standort veränderte sich die darin enthaltene Nährstoffzusammensetzung demnach deutlich. Das betreffe somit unmittelbar die Ernährung einzelner Arten als auch ganzer Pflanzengruppen. Es ist ein Mikrokosmos, der nach eigenen Regeln funktioniert. Denn durch die steilen Wände ist der Wald auf dem Grund des tiefsten Sinklochs der Erde von den Ökosystemen an der Oberfläche abgetrennt. Der Name des Ortes ist übrigens eine Zusammensetzung aus zwei Begriffen. Xiaozhai ist ein verlassenes Dorf in der Umgebung, und Tiankeng bedeutet so viel wie „Himmlische Grube“.

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Im Übrigen wurde das Xiaozhai Tiankeng laut „BBC“ erst im Jahr 1994 „entdeckt“. Einheimische kannten es bereits seit Jahrhunderten, doch damals versuchte ein britisches Team von Höhlenforschern erstmals, den gewaltigen Abgrund zu kartieren. Eine Bemühung, die im Laufe von zehn Jahren immerhin fünfmal fehlschlug. Die Forscher trauten sich einfach nicht, auf der reißenden Strömung des hier immer noch verlaufenden unterirdischen Flusses größere Abschnitte zu fahren. Und so bleibt das tiefste Sinkloch der Welt weiterhin eine Welt, die wohl mehr Geheimnisse hütet, als sie bislang preisgegeben hat.

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