5. Mai 2026, 10:32 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
St. Marien in Hildesheim ist mit seinem Domschatz eines der schönsten und bedeutendsten Gotteshäuser Deutschlands. Doch jedes Jahr im Frühsommer strömen Touristen in Scharen hierher, um eine andere Attraktion zu sehen, die sich auf dem Kirchengelände befindet. Nämlich die Blüte einer Pflanze, die Medien und das Bistum Hildesheim selbst als „tausendjährigen Rosenstock“ bezeichnen. Um ihre Ursprünge rankt sich eine Legende.
Wer die niedersächsische Stadt Hildesheim besucht, der wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch das sich hier befindliche Gotteshaus St. Marien sehen wollen, dessen Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen. Mit seinem beeindruckenden Domschatz gehört es gemeinsam mit der St.-Michaelis-Kirche bereits seit 1985 zum UNESCO-Welterbe und beeindruckt durch seine erhabene Architektur. Doch einmal im Jahr pilgern Menschen aus Deutschland und aller Welt in den Dom, um die Blüte eines Rosenstocks zu bewundern, der in den Medien immer wieder als der älteste auf der ganzen Welt beschrieben wird. Mehr noch, die Pflanze ist seit 80 Jahren ein inoffizielles Wahrzeichen der Stadt – und das verdankt sich einer Geschichte, die nicht wenige vor Ort als Wunder bezeichnen.
Obwohl man ihr exaktes Alter nie nachweisen konnte, bezeichnet selbst das Bistum Hildesheim, zu dem der Mariendom gehört, auf seiner offiziellen Website die Pflanze als „tausendjährigen Rosenstock“. Dessen Ursprünge sollen sogar auf eine Legende zurückgehen, die auch mit der Gründung der Kirche selbst und damit der Stadt zusammenhängt. Und diese führt uns zurück bis ins 9. Jahrhundert. Ein Sprecher der Diözese erzählt die schöne Geschichte auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Im Jahr 815 soll Kaiser Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, vermutlich auf der Jagd an dem Ort gerastet haben, wo sich heute Hildesheim befindet.“ Und dabei passierte der Erzählung nach ein folgenschweres Missgeschick.
Göttliches Zeichen
„Jemand aus Ludwigs Tross vergaß demnach bei der Abreise ein kostbares Reliquiar. Man hatte es anlässlich einer spontan inszenierten Messe in einen Rosenstock gehängt. Als dies bemerkt wurde, kehrte die Truppe eilig zurück. Doch das Artefakt ließ sich nicht mehr aus dem dornigen Gestrüpp entfernen.“ Dies habe Ludwig als göttliches Zeichen gedeutet. Und an derselben Stelle den Bau einer Kapelle zu Ehren der Jungfrau Maria angeordnet. Aus diesem ursprünglichen Gotteshaus entstand dann im Laufe der Jahrhunderte durch Erweiterungen und Umbau der Mariendom, den wir heute kennen. Somit war das Bistum Hildesheim geboren, und rundherum entwickelte sich der Ort als solcher, der im Jahre 1249 Stadtrecht erhielt.
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„Tatsache ist, dass die Geschichte des Bistums Hildesheim im Jahr 815 beginnt. Heute ist es das flächenmäßig drittgrößte in ganz Deutschland.“ An der Apsis des heutigen Doms, umschlossen von einem doppelten Kreuzgang, kann man den mittlerweile sechs Meter hohen Rosenstock bewundern. „Eine botanische Untersuchung der Pflanze ergab, dass sie mehrere hundert Jahre alt sein muss.“ Aber könnte es sich damit wirklich um den ältesten Rosenstock der Welt handeln, wie im Netz immer wieder berichtet wird? „Solche Superlative werden sie von uns nicht hören. Wir bezeichnen ihn einfach als den ‚tausendjährigen Rosenstock‘. Und wenn es stimmt, dass er bereits zu Zeiten von Ludwig dem Frommen existierte, wäre er ja sogar noch älter.“
Das Wunder von Hildesheim
Doch, dass dieser Rosenstock überhaupt noch existiert, deuten nicht wenige Menschen in Hildesheim als ein göttliches Zeichen. Denn in der Nacht des 22. März 1945 wurde die Stadt von alliierten Kräften schwer bombardiert. Dabei brannte der Mariendom bis auf die Grundmauern nieder. „Nur acht Wochen nach der Katastrophe sprossen aus den Trümmern neue Triebe der Rose. Das war für die Bewohner der Stadt damals ein unglaubliches Symbol der Hoffnung. Es hat ihnen Kraft gegeben und Mut gemacht. Für viele war es nicht weniger als ein Wunder. Besonders ältere Mitbürger bekommen bei dem Thema auch heute noch feuchte Augen.“
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Umso mehr achte man darauf, dass es dem Rosenstock immer gut gehe. Ein Gartenbauunternehmen kümmert sich um die Pflege und Beschneidung der robusten Pflanze. Bei dieser handelt es sich übrigens um eine eigentlich gewöhnliche Hundsrose. Jedes Jahr gegen Ende Mai bzw. Anfang Juni zieht es dann unzählige Menschen in den Mariendom in Hildesheim, um die Blüte der Wunder-Rose mitzuerleben. „Das ist immer wieder ein Highlight, das Besucher weit über die Grenzen von Deutschland hinaus anlockt.“ Während der etwa zweiwöchigen Blütezeit kämen Touristen dann in Busladungen, wie unter anderem die „WELT“ (gehört ebenfalls zu Axel Springer) berichtet. „Die Rose ist mittlerweile so etwas wie das Symbol der Stadt geworden. Medien berichten immer wieder über sie, und das Stadtmarketing nutzt sie natürlich auch“, so der Sprecher.
Wer den vielleicht sogar ältesten Rosenstock der Welt einmal mit eigenen Augen sehen möchte, hat dazu rund ums Jahr täglich Gelegenheit. Immer, wenn der Zugang zum Dom-Foyer geöffnet ist, kann man auch die Pflanze besichtigen. Sie befindet sich auf dem Friedhofsgelände. Und natürlich kann man bei einem Besuch dann auch den Domschatz und kostbare Kirchenreliquien bewundern, für die St. Marien bekannt ist.