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Abenteuer Spitzbergen

Wie ich plötzlich vor einem Eisbären flüchtete

Eisbär Spitzbergen
Dieser Eisbär ist vorerst satt – und aus sicherer Entfernung vom Segelschiff „Antigua“ fotografiert wordenFoto: Nioclás Seeliger

Mit einem Segelschiff hoch bis nach Spitzbergen, einer norwegischen Inselgruppe kurz vor dem Nordpol. Der ausgebildete Matrose und TRAVELBOOK-Autor Nioclás Seeliger hat sich den Traum erfüllt, war schon drei Mal in Spitzbergen. Was er dieses Mal erlebte, war aber auch für ihn Neuland.

Von NIOCLÁS SEELIGER

Mit der Stille ist es vorüber. Und aus der sonst so entspannten Kerstin, die unserer Gruppe auf Spitzbergen gerade noch die Tierwelt erläuterte, ist der Guide mit Gewehr und Signalpistole geworden. Zielstrebig führt uns die Rheinländerin weg vom Esmark-Gletscher und dem größten Landraubtier der Erde zu den Gummibooten.

Antigua
Der Dreimaster „Antigua“, mit dem Seeliger nach Spitzbergen reisteFoto: Nioclás Seeliger

Von dort geht’s zurück an Bord des Dreimasters „Antigua“. Die holländische Bark ist jedes Jahr in der Arktis und bietet bis zu 30 Abenteurern ein segelndes Zuhause. Unsere „Flucht“ läuft problemlos. Keine Menschen verletzt. Und auch kein Bär aus „Notwehr“ erschossen. „Weil wir vorsichtig waren, weil wir gewarnt wurden.“

Freude über den gesunden Bären

Vor knapp einem Jahr lief das hier oben weniger gut. Sogenannte „Eisbären-Wächter“ waren offensichtlich nicht umsichtig genug, um einen Landgang für Gäste des Kreuzfahrers ,MS Bremen‘ vorzubereiten. Am Ende war ein Mensch verletzt, ein Eisbär lag tot an Land. Der Tier-gefährdende Tourismus sorgte 2018 auch in Deutschland für Aufruhr.

Eisbär Spitzbergen
Vor diesem Eisbären musste die Gruppe in Sicherheit gebracht werdenFoto: Nioclás Seeliger

Unser Guide Kerstin musste jetzt nicht schießen. Nicht mal einen Warnschuss! Und das lässt die Fotografin lächeln. Zweimal drehte ich mich bei unserer „Flucht“ mit der Kamera für wenige Sekunden um. Die elf Schnappschüsse zeigen einen gelben Schatten in mehr als einem Kilometer Entfernung vor dem gigantischen Gletscher. Der König der Arktis plötzlich ganz klein. Kerstin beurteilt die Fotos später nicht nach ihrer Qualität sondern nur den „Pixel-Bären“. „Ein männlicher Bär, Ernährungsstatus 3 oder 4. Also gut! Ich liebe gesunde Bären.“

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Von einem russischen Bärenforscher hat sie die wichtigste Regel bei Eisbären-Kontakt bekommen. „Nikita hat gesagt: ,Wenn du einen Bären triffst, zeig ihm, dass er nicht der stärkste Bär an diesem Ort ist. Und er wird gehen.‘ Auch ohne einen Schuss abzufeuern“, erklärt sie. „Das braucht aber Mut und das Wissen, wie man sich richtig zu verhalten hat.“

Nur noch 1300 km bis zum Nordpol

Das richtige Verhalten vorausgesetzt hat das eisige Archipel im Norden natürlich noch viel mehr Tierwelt zu bieten. Rentiere grasen entspannt in der Tundra, Walrosse dösen an den Ufern, Polarfüchse beobachten neugierig die vielen zweibeinigen Besucher. Alls untermalt vom Gesang der Schneeammer und dem Geschrei von Möwen und Lummen.

Spitzbergen Landschaft
Die atemberaubende Landschaft Spitzbergens – entspannt schlendert ein Rentier umherFoto: Nioclás Seeliger

Es ist eine andere Welt, nur noch 1300 Kilometer fehlen bis zum Nordpol. In weiter Ferne so nah. Mehr als Hunderttausend Menschen kommen deshalb inzwischen jährlich nach Spitzbergen, um Bären zu beobachten und dem Eis beim Schmelzen zuzusehen. Fast alle Touristen landen auch in der ehemaligen Kohlesiedlung und heutigen Hauptstadt Longyearbyen. Kerstin erklärt: „Die meisten Häuser hier stehen auf Stelzen, um den Permafrostboden nicht aufzutauen. Nicht so der Supermarkt: der hat statt Fußbodenheizung eine Permafrostboden-Kühlung. Und der Strom dafür entstammt dem städtischen Kohlekraftwerk. Wenn das keine Ironie ist…“

Der Massentourismus ins Eis hat viele Schattenseiten. Nicht nur die schlechte Ökobilanz durch An- und Abreise mit Kreuzfahrtriesen oder Flugzeugen. Kerstin: „Es ist eine touristische Goldgrube, seit immer mehr große Kreuzfahrtschiffe auch hier oben anlegen. Für die Bewohner ist es oft nervig. Die Schotterwege der kleinen Siedlung Ny-Alesund müssen dann sogar mit Seilen abgesperrt werden, damit die Touristen nicht einfach in die Häuser strömen.“

Traurig: Eisbär-Jagd ist nicht verboten

In Longyearbyen gibt es für Touristen, die keinen lebenden Eisbären auf ihrer Reise gesehen haben, Alternativen: Tote! Sieben ausgestopfte Eisbären werden in der Stadt ausgestellt. Inzwischen können sich Besucher mit dem nötigen Kleingeld sogar einen Eisbären mitnehmen. Importiert übrigens aus Kanada. Kerstin: „Es gibt in etwa so wenige Eisbären wie Nashörner, dennoch ist die Jagd auf sie legal und der Handel nicht verboten! Und so töten wir Menschen jedes Jahr rund 1000 Eisbären – und es wird gerade über eine Erhöhung der Jagdquote diskutiert.“

Longyearbyen Spitzbergen Norwegen
Longyearbyen ist mit etwa mehr als 2000 Einwohner die größte Siedlung auf SpitzbergenFoto: Getty Images

Ein Eisbären-Fell mit 237 Zentimetern kostete zuletzt 120.000 NOK (umgerechnet etwa 12.260 Euro), eins mit 248 Zentimetern 175.000 NOK (umgerechnet etwa 17.880 Euro). Noch absurder: Auch ein Schwarzbär-Fell ist im Angebot. Egal, dass dieses Tier definitiv nichts mit dem hohen Norden zu tun hat.

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Der König der Arktis als Bettvorleger? Wie viel beeindruckender ist es doch, diese majestätischen Tiere lebendig vor sich zu sehen. Am Tag vor unserer Abreise entdeckten wir einen jungen Eisbären auf dem Eis. Dösend neben den blutigen Resten seiner erfolgreichen nächtlichen Jagd. Sicher an Bord der „Antigua“ mussten wir diesmal nicht „evakuiert“ werden. Das Fleisch der Robbe überließ er übrigens später gnädig Möwen und Polarfüchsen. Noch kann er sich diese Großzügigkeit leisten. Noch herrscht arktischer Frühling, gibt es noch Meereis, auf dem er seine Lieblingsnahrung Robbe findet. Doch der Sommer kommt schnell. Und mit ihm schwindet dann das Eis …