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Experte warnt

Was wurde eigentlich aus dem Ozonloch?

Ozonloch im Jahr 2006
Das Ozonloch ist noch immer da, und es dehnt sich aus – wenn auch nicht mehr ganz so schnellFoto: Getty Images

In den 1980er-Jahren war das Ozonloch eines der großen Themen der Umweltbewegung, doch heute spricht man kaum noch darüber. Heißt das: Es ist alles wieder gut? Nein! TRAVELBOOK hat mit einem Experten gesprochen, der die Entwicklung des Ozonlochs seit Jahren erforscht. Er verrät, wieso auch Deutsche immer noch vom Ozonloch bedroht sind und an welchen Urlaubszielen es am gefährlichsten für den Menschen ist.

Jeder kennt ihn, hat ihn sicherlich schon mal bekommen: Sonnenbrand. Daher ist schon jedem Kind klar: Wer in die Sonne möchte, muss sich unbedingt eincremen. Denn die Strahlen sind gefährlich für uns Menschen. Und weil es das sogenannte Ozonloch gibt, sind sie sogar noch gefährlicher, als sie ohnehin schon wären.

Was genau ist das Ozonloch?

Die Ozonschicht ist ein Teil der Erdatmosphäre und beschützt uns wie ein Filter vor den gefährlichen Ultraviolettstrahlen der Sonne. Der Begriff „Ozonloch“ bezeichnet umgangssprachlich das Phänomen, dass die Ozonschicht immer mehr durch die Produktion von Chemikalien – insbesondere in Form von Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffen (FCKW) – ausgedünnt wird. Und es gibt eben auch Stellen, an denen sie löchrig ist, komplett fehlt. Seit die Ozonschicht so geschwächt ist, steigt in den betroffenen Regionen die Zahl der Hautkrebserkrankungen.

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Seit der Entdeckung des Ozonlochs in den 1970er/80er-Jahren haben die meisten Staaten Gesetze beschlossen, die ozonschädliche Stoffe wie das FCKW verbieten – auch Deutschland. Dr. Wolfgang Steinbrecht vom Deutschen Wetterdienst beschäftigt sich seit Jahren mit dem Ozonloch-Effekt und hat TRAVELBOOK verraten, wie gefährlich es immer noch für Deutsche und für Fernreisende ist.

TRAVELBOOK: Wie ist der aktuelle Zustand der Ozonschicht?
Steinbrecht: „Der starke Abnahmetrend der Ozonschicht von den 1970er-Jahren bis Ende der 1990er-Jahre ist zuende. Die Ozonschicht ist seither nach wie vor ausgedünnt, mit natürlichen Schwankungen und mit einem leichten Trend zur Erholung bzw. Wieder-Zunahme. Die Vermeidung weiterer Abnahmen und die Erholungstendenz sind ein großer Erfolg des Montrealer Protokolls von 1987 und seiner nachfolgenden Verschärfungen. Diese haben weltweit die Produktion ozonzerstörender Substanzen verboten. Insgesamt erwarten wir, dass sich die Ozonschicht über die nächsten 30 bis 50 Jahre langsam erholt. Die fortschreitende Klimaänderung wird diese Erholung sogar teilweise begünstigen.“

Inwiefern?
„Das liegt an mehreren Faktoren: Durch die Klimaänderung werden die unteren Luftschichten wärmer, die oberen Luftschichten werden aber kälter. Damit werden die normalen chemischen Ozonabbau-Reaktionen langsamer und es bleibt mehr Ozon übrig, vor allem in der oberen Stratosphäre. Das hilft der Erholung der Ozonschicht. Die wärmere Troposphäre, die unterste Schicht der Erdatmosphäre, enthält mehr Energie und erlaubt stärkere und schnellere Luftbewegungen. Damit sollte in Zukunft mehr Ozon aus der tropischen Quellregion in höhere Breiten transportiert werden. Auch das hilft der Erholung der Ozonschicht in höheren Breiten, führt aber zu geringfügig weniger Ozon in den Tropen.“

Ozonloch über der Antarktis
Das Ozonloch über der Antarktis ist starken Schwankungen ausgesetztFoto: DPA Picture Alliance

Wie hat sich das Ozon verändert?
„Weltweit, außerhalb der Polargebiete, ist heute die Dicke der Ozonschicht im Jahresmittel 2,2 Prozent niedriger als in den 1970er-Jahren. In mittleren südlichen Breiten ist die Ozonschicht im Jahresmittel heute 5,5 Prozent dünner als früher, in mittleren nördlichen Breiten 3 Prozent dünner, in den Tropen praktisch unverändert. Die größeren Abnahmen in höheren Breiten kommen daher, dass der stärkste Ozonabbau in den Polargebieten, und zwar im Frühjahr stattfindet. Dort liegen die Abnahmen der Ozon-Gesamtsäule bei 10 bis 40 Prozent, wobei im Antarktischen ‚Ozonloch‘ in manchen Höhenbereichen das ganze Ozon zerstört wird.“

Aber wenn die Dichte der Schicht immer noch abnimmt, kann man ja nicht von einer Erholungstendenz sprechen?
„Bisher gibt es eben noch keinen deutlichen Trend zur Wiederzunahme – denn die wird lange dauern, und wir stehen erst am Anfang. In weiten Bereichen sehen wir bisher noch nicht viel von der geringen Zunahme. Das liegt daran, dass der Rückgang ozonzerstörender Substanzen circa dreimal langsamer ist als die frühere Zunahme. Es hat 25 Jahre gedauert, die Ozonschicht abzubauen – jetzt dauert es 75 Jahre, bis die ozonzerstörenden Substanzen wieder verschwinden. Wir stehen also auch nach 20 Jahren erst am Anfang der Erholung der Ozonschicht, auch wenn die Hausaufgaben gemacht sind und ozonzerstörende Substanzen seit rund 20 Jahren praktisch nicht mehr produziert werden.“

Inwieweit ist man in Deutschland und Europa vom Ozonloch betroffen?
„Vom antarktischen Ozonloch ist man in Deutschland und Europa nicht betroffen. Alle vier bis fünf Jahre gibt es aber auch über der Arktis meteorologische Bedingungen, die zu starkem chemischen Ozonabbau führen. Zuletzt war das 2011 der Fall. Von März bis Mai kann dann solche ozon-arme Luft auch über Deutschland und Europa eintreffen und bei schönem Wetter für starke Zunahmen der UV-Strahlung führen – zu einer Jahreszeit, wo man sich besonders leicht einen Sonnenbrand holt. Deswegen ist es sinnvoll, sich vor zu viel Sonnenstrahlung zu schützen: durch Kleidung, Hut, Eincremen, Schatten aufsuchen – vor allem mittags und vor allem in den Monaten April bis August.“

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 An welchen Orten der Welt ist das Ozonloch am gefährlichsten?

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Schweizer Wissenschaftler haben 2018 festgestellt, dass sich die Ozonschicht in den unteren Breitengraden der Welt nicht so schnell erholt wie erhofft. Stimmt das?
„Die Schweizer Wissenschaftler haben festgestellt, dass das Ozon in der unteren Stratosphäre, im Höhenbereich zwischen 13 und 24 Kilometern, auch nach dem Jahr 2000 noch leicht abgenommen hat. Für die Tropen und für alle Breiten zwischen circa 30 Grad Süd und circa 30 Grad Nord entspricht das eigentlich den Erwartungen. In diesen Breiten und im Höhenbereich zwischen 13 und 24 Kilometern spielt Ozonzerstörung keine so große Rolle, sondern der Haupteinfluss kommt von Wettersystemen und von der Klimaerwärmung in den unteren Luftschichten. Die Klimaerwärmung führt zu einer leichten Ausdünnung des Ozons in der unteren Stratosphäre.

Was nach Modellrechnungen nicht erwartet wurde, ist die von den Schweizern gefundene weitere Abnahme in höheren Breiten, zwischen 30 Grad und 50 Grad, auf Nord- und Südhalbkugel. Dieser Teil ist etwas überraschend. Allerdings ist bekannt, dass in diesen Breiten Luftströmungen das Ozon in der unteren Stratosphäre stark beeinflussen, und von Jahr zu Jahr stark schwanken – zum Beispiel Jet-Streams. Neuere Daten zeigen, dass sich die von den Schweizern hier gefundene Abnahme wahrscheinlich in den letzten zwei Jahren nicht fortgesetzt hat. Über Deutschland (Hohenpeißenberg) beobachten wir jedenfalls auch keine weiteren signifikanten Abnahmen in der unteren Stratosphäre nach 2000, allerdings große Schwankungen von Jahr zu Jahr. Viele Fachkollegen halten das Aufheben, das von der Schweizer Studie gemacht wird, für etwas übertrieben.“

Welche aktuellen Bedrohungen und Entwicklungen gibt es bei der Bekämpfung des Treibhauseffektes?
„Der bisher weitgehend ungebremste Anstieg von CO2 aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas ist natürlich das größte Problem beim zunehmenden Treibhauseffekt. Durch das Pariser Abkommen von 2015  gibt es zwar jetzt bessere Pläne, aber viel ist noch nicht passiert.
Eine kleine Verbesserung wurde dagegen durch die neueste Erweiterung des Montrealer Protokolls im Jahr 2016 in Kigali, Ruanda, erzielt. Durch das Verbot von Fluorkohlenwasserstoffen und hydrierten Fluorkohlenwasserstoffen (HFKWs), alles starke Treibhausgase, hat das Montrealer Protokoll als Nebeneffekt bisher mehr für den Klimaschutz erreicht als das Kyoto-Protokoll von 1997 und das Pariser Abkommen von 2015. Dank des Montrealer Protokolls und seiner Zusatzvereinbarungen, zuletzt 2016 in Kigali, wird die zu erwartende Erwärmung der Erde um circa 0,5 Grad Celsius bis 1 Grad Celsius geringer ausfallen als ohne diese Maßnahmen.“

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