Horror-Studie

Diese Weltkarte zeigt, welche Orte es 2050 nicht mehr geben könnte!

Klimawandel
Die rot eingefärbten Abschnitte dieser Karte zeigen, welche Teile Deutschlands und der Niederlande bis spätestens 2100 unter Wasser liegen könnten – weltweit wird der Anstieg des Meeresspiegels hunderte Millionen Menschen obdachlos machen
Foto: Climate Center

Eine neue Studie zeigt die Folgen des Klimawandels auf erschreckende Weise: Demnach könnten bereits 2050 weite Teile der Welt überflutet sein. Auch Deutschland und auch die Niederlande würde es dabei besonders hart treffen. Und dieses Horror-Szenario ist noch eine optimistische Variante dessen, was uns zukünftig droht, visualisiert auf einer interaktiven Karte.

Climate Central“ hat mithilfe des Programms „CoastalDEM“ 51 Millionen Datensätze ausgewertet und mittels dieser eine interaktive Karte erstellt, die zeigt, wie sich die Welt durch einen steigenden Meeresspiegel bis 2050 bzw. 2100 verändern könnte: Demnach werden besonders in Asien weite Landstriche, die heute schon nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen, in Zukunft aufgrund von immer wieder kehrenden Überschwemmungen unbewohnbar werden, bzw. sogar vollständig unter Wasser liegen. Die Forscher schätzen, dass von erstem Szenario bis 2050 die Heimat von 300 Millionen Menschen betroffen sein wird, bis 2100 würde dann das Meer gar Landmassen für immer verschlucken, auf denen heute 200 Millionen Menschen leben.

Weite Teile Deutschlands unter Wasser

Und das sind nur die realistischen Schätzungen, in denen davon ausgegangen wird, dass der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts schlimmstenfalls um bis zu zwei Meter steigt – jedoch macht Forschern weltweit besonders das in der Antarktis und auf Grönland rapide abschmelzende Festlandeis große Sorgen. Letzteres hat laut einem Artikel des „Helmholtz-Verbundes für Regionale Klimaänderungen“ seit Beginn von Satellitenmessungen im Jahr 2002 unfassbare 286 Milliarden Tonnen Masse verloren. Würde der gesamte, bis zu 3100 Meter dicke Eispanzer auf Grönland abschmelzen, würde das den Meeresspiegel gar um sieben Meter anheben. So oder so, laut „Climate Central“ läge zum Beispiel Shanghai 2100 unter Wasser, genau wie Kalkutta in Indien und weite Teile von Bangladesch, Vietnam, Thailand und Indonesien.

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Doch auch Europa ist massiv vom steigenden Meeresspiegel bedroht: Venedig? Spätestens 2100 in den Fluten verschwunden. Die Gegenden um Lissabon und London: unter Wasser. Städte wie Bordeaux, Le Havre und Dünkirchen: unbewohnbar. Gent, Antwerpen, Den Haag und Amsterdam: überflutet. Und auch Deutschland würde es hart treffen, unter anderem Städte wie Bremen, Oldenburg und auch Hamburg, die Insel Sylt wäre fast vollständig unter Wasser. Renate Treffeisen, Sprecherin des Alfred-Wegner-Instituts, sagt auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Wir wissen zum Beispiel aus den Niederlanden, dass dort die Küstenschutzmaßnahmen sich bereits verändert haben und auch Land aufgegeben wird. Deutschland hat gerade seine Deiche erhöht und wird hier erst einmal sicher sein. Das sieht in anderen Ländern dieser Welt ganz anders aus.“

Klimawandel Karte

Viele Regionen in Asien müssen weiterhin mit starken Überschwemmungen rechnen
Foto: Climate Center

Schon heute viele Regionen betroffen

Heißt konkret: Auch im Falle, dass Regionen „nur“ von regelmäßigen Überschwemmungen betroffen wären, würden sie dennoch unbewohnbar. Das im Meer vorhandene Salz würde nicht nur Ackerböden verderben, sondern letztlich auch das Trinkwasser, weshalb die Forscher vor dem Phänomen der Klimaflüchtlinge warnen – dieses würde die momentane Situation in Europa, in der Menschen aus kriegsgebeutelten Ländern fliehen, noch „in den Schatten stellen“. Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe, sieht diese Probleme bereits heute: „Jetzt schon hungern laut einem Bericht der Vereinten Nationen weltweit 820 Millionen Menschen, und bereits 2017 konnten sich 39 Millionen Menschen aufgrund von Klimaveränderungen nicht mehr ausreichend ernähren.“ Die Folge seien Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen und auch Ländern, unmittelbar aber auch zwischen Arm und Reich. „Der Klimawandel verschärft solche Konflikte“, so Pott. Chris Melzer, Sprecher der UNO-Flüchtlingshilfe, glaubt sogar: „Eine Verknappung – von Wasser, von Agrarfläche, von Siedlungsraum – kann ein Grund für Kriege sein.“

Schon heute lebten drei von vier Bewohnern der Marshall-Inseln auf Land, dass es in spätestens 80 Jahren nicht mehr geben wird, in Bangladesch beträfe dies jeden vierten Menschen. Renate Treffeisen vom Alfred-Wegener-Institut sagt: „Die Folgen des Klimawandels sind in vielen Teilen dieser Welt viel deutlicher zu spüren als in Deutschland. Es wird in Folge der klimatischen Veränderungen auf der Erde sicherlich zu Bevölkerungsbewegungen kommen. Wie diese dann konkret aussehen werden, können wir heute noch nicht sagen.“

Fest steht nur: In der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) kommen die Worte „Klima“, „Umwelt“ oder „Umweltveränderung“ nicht im Wortlaut vor, demnach sei ein Flüchtling per Definition der GFK zudem jemand, der sein Land verlassen habe – Binnenflüchtlinge, die innerhalb ihres Staates ihren Heimatort verlassen, zählen aktuell nicht dazu. Kurz, die Rechtslage eines „Klimaflüchtlings“ ist aktuell schlichtweg (noch) nicht definiert. Zudem ist festgeschrieben, dass zur Anerkennung des Status als Flüchtling eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte vorliegen muss – was bei einer Klimakatastrophe ja nicht per se der Fall wäre.

Bangladesch

In Bangladesch kam es im Oktober durch den Zyklon „Bulbul“ zu starken Überschemmungen, mehrere Menschen starben
Foto: dpa Picture Alliance

„Es fehlt der politische Wille“

Dramatisch wird es, wenn man der Argumentation der „Bundeszentrale für politische Bildung (BpB)“ in dieser Frage folgt – diese schreibt zum Klimawandel selbst, es sei schwierig, ihn „dem Verhalten von Akteuren eines konkreten Staates zuzuordnen.“ Und da es dennoch augenscheinlich sei, dass Industrienationen daran einen größeren Anteil hätten, ergäbe sich folgende Kontroverse: „Eine Person, die aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels ihre Heimat verlässt und in einem Land des Globalen Nordens Asyl beantragt, würde vor Akteuren derjenigen Staaten fliehen, die sie gleichzeitig um Schutz ersucht: die Industriestaaten.“

Die BpB zieht ein ernüchterndes Fazit: „’Klimaflüchtlinge‘ oder ‚Umweltflüchtlinge‘ sind keine Flüchtlinge im rechtlichen Sinne, da sie nicht von den für sie bestehenden Schutzinstrumenten erfasst werden … Bisher fehlte auf internationaler Ebene der politische Wille zu reagieren und damit auch eine globale Verantwortung für die vom Klimawandel betroffenen Personen zu übernehmen.“ Die konkreten Folgen dieser Untätigkeit listet das „Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC)“ auf, welches Daten zu Klimaflüchtlingen erhebt: Demnach verzeichnete das IDMC  für den Zeitraum 2008-2017 die Vertreibung von insgesamt 246,5 Millionen Menschen durch geophysische und klimabedingte Katastrophen. Walter Kälin, Professor für Staats- und Völkerrecht an der Universität Bern, schreibt in einem Artikel für die Vereinten Nationen, dass „bereits heute jedes Jahr durchschnittlich mehr als 21 Millionen Menschen im Zusammenhang mit extremen Wetterereignissen“ fliehen müssten.

Klimabildung an der Volkshochschule?

Es gibt eigentlich nur schlechte Nachrichten seitens der Wissenschaftler: Gelänge es, den CO2-Ausstoß zu verringern und/oder die Klimaveränderung generell einzudämmen, würde dies dennoch für „nur“ 20 Millionen Menschen Hoffnung bedeuten – ein marginaler Wert im Vergleich mit den bis zu 640 Millionen Menschen, die bei gleichbleibenden oder gar steigenden Emissionen ihre Heimat verlieren könnten. Das wären fast zehn Prozent der aktuellen Weltbevölkerung, die Kosten zur Bekämpfung dieser zukünftigen Katastrophe würden in die Billiarden gehen. Dazu kommt, dass viele Länder, die im weltweiten Vergleich wenig bis nichts zur aktuellen Klima-Situation beigetragen haben, am stärkten unter den Veränderungen leiden werden. „Die Verursacher haben die moralische Verpflichtung, betroffenen Ländern zu helfen“, so Welthungerhilfe-Sprecherin Simone Pott. Dafür aber müsse man aktuelle Lebens- und Wirtschaftsmodelle überdenken und Folgen des individuellen Handelns für die Zukunft schon jetzt bewusst reflektieren.

Deutschland beispielsweise hat seine selbst gesetzten Ziele zum Klimaschutz bereits verfehlt. Renate Treffeisen vom Alfred-Wegener-Institut glaubt dennoch: „Mit dem Klimaschutzgesetz und dem Klimapaket versucht die Bundesregierung einen Schritt in die richtige Richtung zu unternehmen.“ Zum Umdenken müsse aber auch jeder Einzelne beitragen – um Bewusstsein dafür zu schaffen, entwickelt der „Helmholtz-Verbund Regionale Klimaänderung“ gemeinsam mit dem „WWF“ aktuell die Initiative REKLIM, mit der man an Volkshochschulen Erwachsene zu dem Thema weiterzubilden plant. Hierbei geht es laut Treffeisen darum, deutlich zu machen, „dass der Klimaschutz Gemeinschaftsaufgabe ist.“

„Unmittelbare Gefahr“

Zudem wolle man „Kommunen bei der Umsetzung der Klimaschutzziele unterstützen“ und einen „konstruktiven Dialog zwischen Wissenschaft, Kommune und Zivilgesellschaft fördern“. Somit könne man schließlich hoffentlich „Akzeptanz für Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen schaffen.“ Und auch im Ausland war die Bundesrepublik in der Vergangenheit in Sachen Klimaschutz bereits aktiv, so finanzierte die Sonderinitiative „Fluchtursachen bekämpfen, Flüchtlinge reintegrieren“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein Projekt, das klimabedingt abgewanderte Menschen unterstützte.

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Das Fazit der Forscher von „Climate Center“ ist eindringlich und klar: „Das Ansteigen des Meeresspiegels ist eine unmittelbare Gefahr. Die heutige Gesellschaft muss daher nicht nur für zukünftige Generationen Maßnahmen ergreifen, sondern auch für sich selbst.“ Simone Pott: „Es ist ein zähes Ringen, ohne dass bisher der große Wurf gelungen wäre. Allerdings hat wirklich jeder die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, indem er zum Beispiel sein Konsumverhalten überdenkt.“

Machen Sie sich hier ein Bild von der Bedrohung anhand der interaktiven Karte von „Climate Center“. Unter dem Punkt „Change Projections“ können sie mittels verschiebbarer Regler verschiedene Szenarien abrufen. Auch für Deutschland und die Nordsee gibt es eine Karte des „Norddeutschen Küsten- und Klimabüros“, auf welcher Sie per Eingabe Ihrer Postleitzahl erfahren können, ob Ihr Wohnort in einem Gebiet liegt, das bis spätestens zum Jahr 2100 vor Sturmfluten zu schützen sein wird.

 

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