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„Yellowstone“ der Karpaten! Hier soll Europas größter Nationalpark entstehen

Karpaten Rumänien Nationalpark
Die Karpaten sind das größte zusammenhängenden Waldgebiet Europas. Zum Schutz der Urwälder und Wildtiere soll rund um das Făgăraș-Gebirge ein neuer Nationalpark entstehen. Foto: Getty Images
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Lena Braun
Redaktion TRAVELBOOK

28. Mai 2026, 17:56 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten

Beim Besuch in den rumänischen Karpaten erfährt Lena Braun aus der TRAVELBOOK-Redaktion, wie eine Stiftung gegen die Naturzerstörung in Europas größtem zusammenhängenden Waldgebiet vorgeht. Was ein deutsch-österreichisches Ehepaar damit zu tun hat, weshalb die lokalen Bewohner dem Projekt noch kritisch gegenüberstehen und welche Chancen der Nationalpark für Mensch und Umwelt bieten würde, erfahren Sie hier.

Die sogenannten Karpaten sind ein etwa 1.300 Kilometer langes Hochgebirge in Mitteleuropa. Sie erstrecken sich über Rumänien, die Ukraine, die Slowakei und Polen. Etwa ein Drittel der rumänischen Landesfläche ist von den Karpaten bedeckt; hier sind sie flächenmäßig am größten. Wie die Umweltorganisation Greenpeace erklärt, bilden sie zusammen das größte bewaldete Naturparadies Europas: „Was der Amazonas-Regenwald in Südamerika ist, sind die alten Karpatenwälder für Mitteleuropa.“ Doch trotz ihrer Unberührtheit sind sie extrem gefährdet.

Im Gespräch mit Diana Alexe, der Tourismus-Managerin des Reiseunternehmens Travel Carpathia, erfahre ich, wie die dazugehörige Stiftung der bedrohlichen Waldrodung und dem Artensterben im Făgăraș-Gebirge entgegenwirkt und durch welche historischen Bedingungen diese Entwicklung überhaupt erst begünstigt wurde.

Rumäniens zerstörte Urwälder

Kurzer Geschichtsexkurs: Nach dem Fall der Sowjetunion und dem blutigen Ende des Kommunismus in Rumänien herrschte im Land ein Zustand des Chaos und der Undurchsichtigkeit. Durch die strengen Regeln und Kontrollen zu Zeiten der UdSSR hatten die Menschen das Gefühl, nicht selbstbestimmt leben zu können. In den 1990er-Jahren brachten die neuen Umstände viele Menschen wieder in den Besitz ihrer enteigneten Grundstücke – mit denen sie nun tun und lassen konnten, was sie wollten. Scheinbar mehr tun als lassen, denn viele reizten die neue Freiheit aus, rodeten Wälder und jagten Tiere – bis einige Teile des Urwald-Ökosystems zerstört und zwei Tierarten beinahe vollständig ausgelöscht waren.

Karpaten Rumänien Nationalpark
Ganze Waldabschnitte der rumänischen Karpaten sind massiver Rodung zum Opfer gefallen – deutlich erkennbar hier im Vordergrund, wo sich eine kahle, dreieckige Fläche durch den Wald zieht Foto: Lena Braun

Korruption und Vetternwirtschaft verhinderten jegliche Kontrolle. „Die Leute sind egoistisch geworden. Sie wollten haben, besitzen und Gewinn machen“, erklärt Diana. Es gab kein einheitliches System, keine Regeln und keine Kontrollen. Auch heute noch finden illegale Forstarbeiten statt, wie die „Tagesschau“ und andere Medienberichte bezeugen. Nach Greenpeace-Aussagen verschwindet fast jede Stunde eine Fläche im Ausmaß von fünf Fußballfeldern; nur noch dreieinhalb Prozent des eigentlichen Urwaldes sind vom Menschen unberührt.

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Pläne für neuen Nationalpark

Die Ausmaße der Zerstörung wurden auch Barbara und Christoph Promberger vor Augen geführt. Das deutsch-österreichische Biologenpaar lernt sich in den 1990er Jahren bei einem Wolfs-Forschungsprojekt in Rumänien kennen und engagiert sich seitdem gemeinsam für Naturschutz in ihrer Wahlheimat. 2025 erhielten sie dafür sogar das Bundesverdienstkreuz.

Mit der Gründung ihrer Stiftung „Conservative Carpathia“, was so viel bedeutet wie „Erhaltung der Karpaten“, verfolgen sie ein ambitioniertes Projekt: den größten Nationalpark Europas zu schaffen. Ihr Programm umfasst wesentliche Maßnahmen, die für ein nachhaltiges Gelingen entscheidend sind. Im Mittelpunkt stehen der Erhalt und Schutz von Wäldern und Tierwelt, die Wiederherstellung zerstörter Naturflächen und beinahe ausgelöschter Tierarten sowie – ein besonders wichtiger Aspekt – die Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden.

Dafür hat die Stiftung bislang über 28.000 Hektar Wald- und Wiesenfläche erworben, um sie unter besonderen Naturschutz zu stellen. Gegen die fortschreitende Abholzung und zur Wiederherstellung natürlicher Lebensräume pflanzte sie zudem 4,5 Millionen neue Bäume.

Außerdem siedelte die Stiftung in den Südkarpaten fast ausgestorbene Wildtiere wieder an: 95 Bisons und 60 Biber wurden ausgesetzt, um sich in ihrem ehemaligen natürlichen Lebensraum erneut anzusiedeln und eigenständig zu vermehren.

Karpaten Rumänien Nationalpark
Ein ausgewildertes, europäisches Bison, auch Wisent genannt, begegnet uns mitten auf dem Wanderpfad Foto: Lena Braun

Spezielle Überwachungsprogramme mit Biologen und Förstern kontrollieren sowohl die bislang positive Entwicklung des Waldbestandes als auch die frei lebenden Wildtiere. Sogenannte „Camera Traps“, also Wildtierkameras, entdeckt der aufmerksame Wanderer überall im Wald. Neben den reintegrierten Bisons und Bibern wird auch der Bestand von Braunbären, Wölfen, Rothirschen, Rehen und Wildschweinen beobachtet. Spezielle Blitzlichtkameras fotografieren zudem die seltenen Luchse, die an ihrem individuellen Fellmuster erkannt werden können.

Das größte Problem: die Einheimischen überzeugen

Dass das Gebiet heute noch kein Nationalpark ist, liegt vor allem an der Gegenwehr aus der eigenen Bevölkerung. In verarmten Regionen abseits der Städte leben viele Menschen noch von traditioneller Land- und Forstwirtschaft. Sie sind auf das Holz aus den Wäldern angewiesen, auf die Erzeugnisse ihrer Schaf- und Kuhherden – und darauf, sicher auf ihren Höfen leben zu können.

Wenn Waldflächen unter Schutz gestellt werden, gelten strengere Auflagen für die Holzgewinnung. Auch die zunehmende Verbreitung von Wildtieren sehen viele Bewohner als Gefahr für ihre Herden, ihre Höfe und damit letztlich für ihre Existenzgrundlage. Engagierte Bürger, aber auch ganze Lobbygruppen, klären über diese vermeintlichen Einschränkungen der persönlichen Freiheit ländlich lebender Rumänen auf.

Gegner des Nationalparks kämpfen teils mit unfairen Mitteln

Doch nicht alle nehmen es dabei mit der Wahrheit so genau – oft geht es vor allem darum, die Menschen auf die eigene Seite zu ziehen. Diana erzählt uns von einem besonders absurden Beispiel: „Vor ein paar Jahren hatten wir das Problem, dass Pfarrer durch die Gemeinden gegangen sind und den Leuten erzählt haben, die von uns ausgewilderten Biber würden ihre Hühner auffressen. Das stimmt aber absolut nicht, denn Biber sind Vegetarier.“ Mit der Verbreitung dieses Irrtums hatte die Stiftung lange zu kämpfen und das Auswilderungsprogramm zog sich in die Länge.

In einer „Arte“-Dokumentation über die Karpaten kommen auch andere Gegenstimmen zu Wort. Ihre Argumente sind nachvollziehbar, wirken jedoch teilweise auch eigennützig. Statt gemeinsam an einer Verbesserung der Lebensbedingungen für Mensch und Umwelt zu arbeiten, stemmen sich Kritiker aktiv gegen das, was sie abschätzig als „soziales Experiment von Conservation Carpathia“ bezeichnen.

»Nur auf die Vernunft der Menschen zu setzten, reicht nicht!

Viele Bewohner meinen, selbst gut einschätzen zu können, wie sie die Natur nutzen können, ohne sie zu zerstören. Aber reicht das wirklich? Die Vergangenheit hat doch eigentlich gezeigt, dass schon wenige Ausnahmen genügen, um großen Schaden anzurichten.

Diana erzählt uns beispielsweise von Waldbesitzern, die vom Aufkauf gerodeter Flächen durch die Stiftung gehört hatten. Um daraus doppelten Profit zu schlagen, fällten sie sämtliche Bäume auf ihrem Grundstück, verkauften zunächst das Holz und anschließend auch die kahle Fläche an die Stiftung. So war das natürlich nicht gedacht.

Wissensvermittlung und Aufklärung seien deshalb der Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung. Vor allem auf die Bildung von Kindern legt die Stiftung großen Wert. In einem eigens errichteten Bildungszentrum empfangen ausgebildete Mitarbeiter jedes Wochenende Schulklassen, um die Kinder für die Umwelt ihrer Heimat zu sensibilisieren.

Zwei thematische Besucherzentren zu Bibern und Bisons klären zudem über die Tiere und ihren Lebensraum auf. Das Publikum reicht dabei von ansässigen Einheimischen über Schulklassen aus dem ganzen Land bis hin zu reisenden Touristen.

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Auch unwissende Touristen sind ein Problem

Denn auch Besucher aus anderen Ländern können mit unüberlegtem Verhalten nachhaltigen Schaden anrichten. Das lässt sich täglich auf Abschnitten der beliebten Hochstraße Transfăgărășan beobachten. Dort kommt es nicht selten zu Begegnungen mit einem oder mehreren Bären. Der traurige Grund: Seit Jahren füttern Touristen die Tiere aus ihren Autos heraus oder werfen Müll auf die Straße. Die Bären gewöhnen sich daran und kehren immer wieder zurück. Die Einheimischen nennen sie deshalb „Beggar Bears“ – bettelnde Bären. Ein massiver Eingriff in die Natur.

Rumänien Karpaten Nationalpark
Die Bären am Transfăgărășan haben schon lange ihre Scheu vor Menschen verloren – gefährlich sind sie dennoch, wenn man ihnen zu nahe kommt Foto: Getty Images/Malorny

Im vergangenen Jahr überschritt ein italienischer Motorradfahrer die Grenze eindeutig. Er kam den Bären an der Passstraße zu nahe und wollte sie sogar aus der Hand füttern, wie BILD berichtet. Für eine Bärenmutter, die lediglich ihre Jungen beschützen wollte, bedeutete das Gefahr. Sie griff den Mann an; der starb an seinen Verletzungen.

Eine dumme und riskante Idee, die letztlich auch das Leben der Bärin kostete. Die Behörden erschossen das verdächtigte Tier, ihre drei Jungen blieben zurück – völlig unfair, wie auch Diana findet, die die Bärenfamilie kurz zuvor noch selbst gesehen hatte.

Öko-Tourismus als Lösungsansatz

Eine Alternative zum eigenständigen Erkunden des Făgăraș-Gebiets bietet die Stiftung seit 2024 mit ihrem Reiseanbieter „Travel Carpathia“, einer eigenen Tourismusinitiative für nachhaltiges Reisen. „Der Fokus liegt auf naturbasierten Aktivitäten, die den Gästen abseits des Massentourismus eine Art Entschleunigung bieten sollen. Es geht darum, wirklich vor Ort zu sein – nicht nur darum, möglichst viel zu sehen. Eine immersive Erfahrung“, erklärt Diana.

Authentische Erlebnisse ermöglicht die grüne Infrastruktur, die die Organisation sowohl in ihren Unterkünften als auch entlang eigens angelegter Wanderwege verfolgt. Die Übernachtungsmöglichkeiten reichen von einem großen Pferdehof über ein Wildlife-Glamping-Dorf bis hin zu versteckten Hütten mitten im Wald, die ausschließlich zu Fuß erreichbar sind. Hier erleben Gäste die ursprüngliche Wildnis der Karpaten hautnah und verstehen schnell, weshalb diese einzigartige Natur schützenswert ist.

Karpaten Rumänien Nationalpark
Auf der Comisu Wildbeobachtungshütte mitten im Berg hat man einen atemberaubenden rundum Blick auf Berge und Wildtiere. Im Winter als Beobachtungsstation für Förster, ist sie im Sommer beliebte Unterkunft für Wanderer und Naturliebhaber. Foto: Lena Braun

Um zugleich die lokale Wirtschaft zu stärken, verfolgt der Veranstalter eine nachhaltige Strategie, die gezielt regionalen Produzenten zugutekommt. Sämtliche Erzeugnisse stammen aus der Region, lokale Köche bereiten in allen Unterkünften traditionelle Gerichte zu. Mit dem eigenen „Food Hub“-Programm vermarktet und verkauft die Organisation außerdem regionale Spezialitäten.

Auf der Website heißt es: „Unser großes Ziel ist es, dass der Ökotourismus auch zum Wohlstand der Menschen in den Gemeinden der Region hier in den Făgăraș-Bergen beiträgt – indem gemeinsam die Natur- und Kulturschätze bewahrt werden, auf die wir alle angewiesen sind.“

Nur so kann ein langfristig nachhaltiges Projekt wie der größte Nationalpark Europas überhaupt Realität werden. Wie lange das noch dauern wird, ist ungewiss. Den Initiatoren ist es wichtig, gemeinsam mit den Einheimischen Lösungen zu finden, statt über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Bleibt zu hoffen, dass auch dort bald mehr Menschen erkennen, wie notwendig ein geschützter Nationalpark für die Zukunft von Mensch und Natur wäre.


Die Reise wurde unterstützt von „Travel Carpathia“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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