3. Juni 2026, 17:50 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Unberührte Urwälder, wild lebende Raubtiere und einsame Hochgebirge – das Făgăraș-Gebirge in Rumänien bietet ein einmaliges Naturerlebnis, wie es sonst selten in Europa zu finden ist. Lena Braun war für TRAVELBOOK vor Ort und berichtet, was sie auf einer fünftägigen Erkundungs-Tour durch die Karpaten in Rumänien erlebt hat.
Dass hier irgendwann der größte Nationalpark Europas entstehen soll, habe ich bereits in einem anderen Artikel erläutert. Die Natur, die Tierwelt und die kulturellen Eindrücke, die ich während meiner Reise sammeln konnte, haben mich nachhaltig beeindruckt. Ich bin überzeugt, dass diese noch weitgehend unbekannte Reisedestination für die richtige Zielgruppe ein Erlebnis bieten kann, das lange in Erinnerung bleibt.
Wie mystisch ein Urwald sein kann
Wälder haben wir in Deutschland schließlich auch genug. Dort spazieren zu gehen, zu joggen oder Zeit in der Natur zu verbringen, gehört für viele zum Alltag. Da auch ich bereits in den unterschiedlichsten Wäldern unterwegs war – von europäischen Mischwäldern über deutsche Auenwälder bis hin zu tropischen Regenwäldern – hätte ich nicht gedacht, dass mich eine Ansammlung von Bäumen noch einmal so beeindrucken könnte.
Doch genau das passierte im rumänischen Urwald. Das Wetter war eher schlecht – zu meinem Glück. Zwischen den Bäumen hing dichter Nebel, feine Regentropfen fielen durch das Blätterdach, und der Duft von Erde und Laub wirkte noch intensiver als an einem trockenen Sommertag. Von der frischen, klaren Luft ganz zu schweigen.
In diesem besonderen Urwald bei der Gemeinde Șinca, nordwestlich von Brașov, wachsen (je nach Quellen) die höchsten Weißtannen und Buchen Europas. Der Wald ist dicht und stellenweise so dunkel, dass kaum Licht den Boden erreicht. Gleichzeitig spürt man überall seine Ursprünglichkeit. Nichts wirkt geordnet oder bewirtschaftet, vieles liegt kreuz und quer, und genau das macht seinen Reiz aus. Hier darf Natur noch Natur sein.
Erst hier wurde mir bewusst, was der Begriff „Urwald“ beziehungsweise „Virgin Forest“ tatsächlich bedeutet: ein vom Menschen weitgehend unbeeinflusstes Ökosystem, das allein von Wachstum, Alterung und Zerfall geprägt ist. Eine Ursprünglichkeit, die wir aus deutschen Wirtschaftswäldern kaum kennen. Man hat das Gefühl, den Wald nicht nur zu sehen, sondern ihn förmlich leben zu spüren.
Natürlich musste ich auf viele dieser Besonderheiten erst aufmerksam gemacht werden. Während einer Wanderung erklärte uns unser Guide, worauf wir achten sollten. Erst dadurch begann ich, meine Umgebung bewusster wahrzunehmen und den Wald mit allen Sinnen zu erleben. Eine Erfahrung, die meinen Blick auf künftige Waldbesuche nachhaltig verändert hat.
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Dass man hier wilde Raubtiere sieht
Von Wildtieren im Wald hört man schließlich oft. Schon darüber, ein Reh oder einen Hasen am Wegesrand zu sehen, habe ich mich immer gefreut. Doch das ist kaum vergleichbar mit den wilden Raubtieren, die bis heute in den rumänischen Karpaten leben. Die letzte große Wildnis Europas bietet ihnen einen außergewöhnlich guten Lebensraum. Laut TravelCarpathia leben hier mehr große Raubtiere als irgendwo sonst in Europa: Über 5000 Braunbären, rund 3000 Wölfe, etwa 2000 Luchse und zahlreiche Wildkatzen streifen durch die Berge.
Wer einen Bären möglichst sicher von seiner Bucketlist streichen möchte, kann dafür spezielle Beobachtungshütten besuchen. Diese werden von Förstern betreut, die die Tiere regelmäßig mit Mais anfüttern. Das lockt die Braunbären oft täglich an dieselben Orte. Entsprechend groß ist der Andrang: Reisegruppen mit Kameras warten in zweistöckigen Holzhütten hinter Glasscheiben auf ihren großen Moment. Zwar bewegen sich die Tiere frei in ihrem natürlichen Lebensraum, dennoch erinnerte mich das Ganze eher an einen Zoo als an eine authentische Wildtierbeobachtung.
Deutlich eindrucksvoller waren für mich die Begegnungen mit den eigentlich sehr scheuen Tieren in freier Wildbahn. Auf abgelegenen Wanderwegen fernab der Zivilisation war ihre Anwesenheit überall spürbar: durch abgeknickte Äste, aufgewühlte Erde, intensive Gerüche oder frische Pfotenabdrücke im matschigen Boden. Zu wissen, dass irgendwo in den Wäldern um mich herum Bären unterwegs sind, Bisons grasen und Wölfe jagen, sorgte bei mir für eine dauerhafte Gänsehaut.
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Wie sich echte Abgeschiedenheit anfühlt
Um zu solchen abgeschiedenen Wanderwegen zu gelangen, muss man zunächst einiges an Strecke zurücklegen. Verständlich, schließlich sollen die Wildtiere ja auch nicht bis in die Städte wandern. Doch schon der Weg dorthin wurde für mich zu einem kleinen Abenteuer.
Mit Geländewagen fuhren wir über holprige Forstwege, durch tiefe Pfützen und entlang steiler Hänge. Eine Stunde lang durchgeschüttelt zu werden, fühlt sich ein wenig wie Achterbahnfahren an – vermittelt aber gleichzeitig ein Gefühl von echter Abgeschiedenheit. Einen für die Öffentlichkeit gesperrten Staudamm (siehe Bild oben) überquerten wir anschließend mit einem kleinen Elektroboot. Als wir zu viert über das unberührte Wasser glitten und weit und breit kein anderer Mensch zu sehen war, fühlte ich mich fast privilegiert.
Von der „Anlegestelle“, die eigentlich nur aus einer Lücke im Wald bestand, wanderten wir auf drei Kilometern rund 500 Höhenmeter bergauf. Als ich unsere Reiseleiterin fragte, wie sie diese Strecke Woche für Woche auf sich nehmen könne, antwortete sie nur gelassen: „Ich weiß, was mich oben erwartet. Es wird sich lohnen, du wirst schon sehen.“
Sie sollte recht behalten. Oben angekommen, hätte ich jeden einzelnen Schritt sofort noch einmal gemacht. Die Comisu Wildbeobachtungshütten liegen auf einer steilen Lichtung mitten in den Bergen. Rundherum gibt es nichts außer Wald, Wildtieren und einem beeindruckenden Blick auf die umliegenden Gipfel.
Es geht hier nicht um Dracula
Schon vor meiner Reise, aber auch in den Gesprächen danach, wurde mir bewusst, wie unbekannt die Karpaten in Deutschland eigentlich sind. Sowohl als Reiseziel als auch im Zusammenhang mit den Plänen für einen zukünftigen Nationalpark wissen nur wenige Menschen von dieser Region. Dabei hat Rumänien weit mehr zu bieten als einen Städtetrip nach Bukarest – besonders für Naturliebhaber, Aktivurlauber und Reitbegeisterte.
Die Region im Zentrum Rumäniens, in der die Karpaten und das Făgăraș-Gebirge liegen, heißt Siebenbürgen. Einst lebten hier die Siebenbürger Sachsen, die die Kultur der Region über Jahrhunderte prägten. Vielen dürfte das Gebiet allerdings unter einem anderen Namen bekannt sein: Transsilvanien. Die meisten verbinden es mit Bram Stokers Dracula-Geschichte. Vor Ort spielt dieser Mythos jedoch eine deutlich kleinere Rolle, als man vielleicht erwarten würde. Selbst Schloss Bran, das oft mit Draculas Schloss in Verbindung gebracht wird, widmet sich in seiner Ausstellung vor allem den tatsächlichen historischen Hintergründen der Region.
Ohnehin haben Orte wie Brașov oder Rucăr kulturell weit mehr zu bieten, als auf eine fiktive Gruselgeschichte reduziert zu werden. Vor allem aber hat mich die Natur beeindruckt. Die Karpaten sind ein unterschätztes Reiseziel, das bisher weitgehend vom Massentourismus verschont geblieben ist. Hoffentlich bleibt das auch so. Gleichzeitig wäre es dieser einzigartigen Landschaft zu wünschen, von den Menschen entdeckt zu werden, die genau das suchen: Wildnis, Ursprünglichkeit und die selten gewordene Möglichkeit, für eine Weile weit weg von allem zu sein.
Die Reise wurde unterstützt von „Travel Carpathia“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.