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Erfurts jüdische Mittelalterbauten sind jetzt Unesco-Weltkulturerbe 

Ausgezeichnet! 

Erfurts jüdische Mittelalterbauten sind jetzt Unesco-Weltkulturerbe 

Die Alte Synagoge in Erfurt ist jetzt Teil des Unesco-Weltkulturerbes
Die Alte Synagoge in Erfurt ist jetzt Teil des Unesco-WeltkulturerbesFoto: picture alliance/dpa | Michael Reichel

Erfurts jüdisches Erbe aus dem Mittelalter hat jetzt Welterbestatus. Das entschied die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, Unesco. Es ist die 52. Welterbestätte in Deutschland und die zweite jüdische. Was das für die Stadt bedeutet.

Drei jüdische Gebäude in der Erfurter Altstadt wurden am 17. September 2023 als Unesco-Weltkulturerbe ausgezeichnet. Das entschied das zuständige Komitee während einer Tagung im saudi-arabischen Riad. Bei den Gebäuden handelt es sich um:

  • die Alte Synagoge
  • ein historisches Wohngebäude, namentlich das Steinerne Haus
  • die Mikwe, ein mittelalterliches Ritualbad

Das jüdisch-mittelalterliche Kulturgut in Thüringens Landeshauptstadt ist damit die zweite jüdische Stätte in der 1184 Stätten (Stand: 18. September 2023) starken Liste des Unesco-Welterbes – und hat damit mehr als viele andere der insgesamt 52 Welterbestätten in Deutschland Signalwirkung.

Erfurts Weltkulturerbe hat eine besondere Bedeutung

„Die Aufnahme des Jüdisch-mittelalterlichen Erbes in Erfurt als neue und zweite jüdische Stätte in die Liste des Unesco-Welterbes leistet einen weiteren, wichtigen Beitrag, die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen in Deutschland und Europa sichtbar zu machen und für die Zukunft zu bewahren“, sagt Kerstin Pürschel, Deutschlands Botschafterin bei der Unesco. Die neue Welterbestätte unterstreiche außerdem Deutschlands Engagement für die Ziele der UN-Kulturorganisation: „Sie fördert das Verständnis für die kulturelle Vielfalt in Deutschland und den gegenseitigen Respekt für das vielschichtige historische Erbe“, erklärt Pürschel.

Laut einer Mitteilung der Unesco war das jüdische Erbe in Erfurt viele Jahre „überbaut und fast vergessen“. Erst in den vergangenen Jahrzehnten konnte die „vollständige Infrastruktur einer jüdischen mittelalterlichen Gemeinde erschlossen“ werden.

Die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer, sieht in der „Wiederentdeckung“ der über Jahrhunderte fast vergessenen jüdischen Monumente Erfurts „ein großes Geschenk“. Sie sagt: „In der neuen Welterbestätte spiegelt sich die beeindruckende Geschichte der mittelalterlichen Gemeinde mit all ihren Höhen und Tiefen. Sie zeugt vom Zusammenleben jüdischer und christlicher Nachbarn, aber auch von Pogromen und Vertreibung.“ Sie hofft, „dass die Auszeichnung der Unesco dazu beiträgt, nicht nur die Geschichte, sondern auch die Gegenwart des jüdischen Erfurts bekannt zu machen“.

Auch interessant: Unesco kürt 27 neue Welterbestätten – die Liste im Überblick 

Drei jüdische Stätten aus dem Mittelalter

Laut der Unesco gilt die Alte Synagoge in Erfurt „heute als eine der ältesten erhaltenen in Europa“. Die Geschichte der neuen Erfurter Welterbestätte lässt sich bis ins späte 11. Jahrhundert zurückverfolgen. „Nach einem verheerenden Pogrom im Jahr 1349 wurde das Gotteshaus zuerst als Lager, später als Gastwirtschaft genutzt und überdauerte so die Jahrhunderte, bis es 1988 wiederentdeckt wurde“, heißt es in der Mitteilung.

Das mittelalterliche Ritualbad, die Mikwe, ist fast genauso alt. Ihre älteste Mauer soll aus den Anfängen des 12. Jahrhunderts stammen. Laut der Unesco wurde 1452 die zweite jüdische Gemeinde aus Erfurt vertrieben und das rituelle Bad zugeschüttet und als Keller genutzt. 2007 entdeckte man sie zufällig wieder.

Die Erfurter Mikwe ist ein jüdisches Ritualbad, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene

Das Steinerne Haus wurde um 1200 errichtet und als Wohnhaus einer jüdischen Familie eingerichtet. Erkennbar seien die Bewohner in der Architektur des Hauses nicht, weiß die Unesco. Vielmehr ließe sich ihre jüdische Abstammung den mittelalterlichen Steuerlisten entnehmen. „Das legt nahe: Jüdische und christliche Familien lebten in Erfurt nicht nur Tür an Tür, sondern teilten auch eine gemeinsame Wohnkultur“, schreibt die Kulturorganisation.

Erfurt hat Hoffnungen für die Zukunft

Es ist anzunehmen, dass das neue Welterbe den Tourismus in Erfurt ankurbeln wird. Viele Touristen nehmen die Unesco-Welterbestätten als Anlass für Reisen. Angesichts der Geschichte gehen die Wünsche in Erfurt nach der Ernennung der neuen Welterbestätten jedoch noch ein ganzes Stück weiter: „Ich hoffe sehr, dass das Welterbe dazu beiträgt, dass jüdisches Leben wieder ein sichtbarer Teil der Stadt wird“, zitiert die Unesco Alexander Nachama, Landesrabbiner der Thüringer Gemeinde, in einer weiteren Mitteilung. Er weiß: „Jüdische Gemeinden sind in Thüringen seit mehr als 900 Jahren präsent.“ Er wünsche sich, „dass wir, wenn wir über jüdisches Leben in Thüringen sprechen, nicht etwas Antikes oder Exotisches im Sinn haben, sondern etwas, das eigentlich schon immer dazugehört hat – bis in die Gegenwart.“

Neue Pläne in der Stadt gehen in eine ähnliche Richtung. Geplant ist unter anderem ein Gemeindezentrum an der Stelle der Synagoge der zweiten Gemeinde. In diesem sollen Besucher Informationen zum jüdisch-mittelalterlichen Weltkulturerbe in Erfurt bekommen. Außerdem ist ein koscheres Café geplant, das jüdische und nicht-jüdische Gäste zusammenbringen will.

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