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Deutsche Journalistin berichtet nach Tod von zwei Touristinnen

Hat der Täter in Tulum gezielt auf Urlauber geschossen?

Soldaten patroullieren am Montag (.8.11.) an der Playa Pescadores in TulumFoto: dpa picture Alliance

Im mexikanischen Tulum starben Ende Oktober zwei Touristinnen durch Schüsse in einer Bar. Eine deutsche Journalistin war genau zur Zeit des Vorfalls nur wenige Gehminuten vom Tatort entfernt und berichtet auf TRAVELBOOK, wie sie die Geschehnisse und die Tage danach erlebt hat – und über die Gerüchte, dass die Urlauberinnen gezielt getötet worden sein könnten.

von Anonym*

Als uns die Nachricht der Tat in unserer unmittelbaren Nähe erreichte, entspannten wir abends gerade in unserem Zimmer der Tulumer Unterkunft. „Ist bei euch alles gut?“, erschien auf den Handybildschirmen meiner Freundin Sophie* und mir. Eine Freundin von zu Hause machte sich Sorgen um unsere Sicherheit in Mexiko und sendete uns einen Artikel über zwei tote Touristinnen sowie weitere Verletzte in Tulum.

Wir waren geschockt, als wir den Tatort bei Google suchten und bemerkten: Wir sind nur wenige Gehminuten entfernt. An der Bar „La Malquerida“ – mitten im Stadtzentrum an der Hauptstraße gelegen – mussten wir heute oder gestern Abend kurz vor dem Zeitpunkt der Schießerei bereits vorbeigegangen sein.

Es hätte wohl jeden Touristen treffen können

Uns beschlich ein beklemmendes Gefühl, denn die viel thematisierte gefährliche Sicherheitslage in Mexiko wurde direkt vor unseren Augen real. Es hätte wohl jeden Touristen treffen können und somit auch uns selbst. Ein späteres Gespräch dazu verstärkte diese Annahme.

Bereits vor der Tat, am Anfang unserer Reise, waren schwer bewaffnete Soldaten in unserem Resort in Cancún am Strand patrouilliert, während wir auf unseren Liegen in der Sonne lagen. Von diesen etwas bizarren Szenen abgesehen wussten wir außerdem schon vor dem Hinflug, auf welche Risiken wir uns einließen.

Mexiko Tulum
Militärpräsenz in Cancún: Bereits vor den Schüssen in Tulum patroullierten hier Soldaten am StrandFoto: privat

Trotz der Bedenken um die Sicherheit haben wir uns nach längerem Hin und Her schließlich ganz bewusst für die Reise nach Mexiko entschieden: Als geschichtsinteressierte Person wollte ich schon als Kind unbedingt einmal zu den Maya-Stätten reisen. Nach einem verregneten und arbeitsreichen Sommer endlich Sonne zu erhaschen, kam uns außerdem gelegen. Letztlich fiel die Wahl dann aber vor allem trotz der Gefahren auf Mexiko, weil es im Oktober eines der sehr wenigen Länder weltweit war, das angesichts der Corona-Pandemie seine Grenzen für Reisende geöffnet hatte.

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Wir waren darauf vorbereitet, ausgeraubt zu werden

Also ließen wir uns auf das Wagnis ein und besprachen vorab verschiedene Sicherheitsvorkehrungen, an die wir uns im Urlaub dann auch hielten. So waren wir zum Beispiel darauf vorbereitet, ausgeraubt zu werden und reisten mit insgesamt fünf Kreditkarten, auf welchen jeweils nur ein Teil unseres Geldes verfügbar war, sowie mehreren Portemonnaies und vier Handys. Etwas davon ließen wir immer im Safe der Unterkunft. Außerdem fragten wir Mexikaner bei Ankunft am neuen Zielort, welche Gegenden wir meiden sollten.

Wir wurden von Anfang an davor gewarnt, im Dunkeln rauszugehen und achteten darauf, spätestens um 22 Uhr wieder auf unserem Zimmer zu sein. Die meisten Unterkünfte sind ohnehin mit Gittern und Kameras versehen und werden nachts durch eine Nachtwache beobachtet.

All das gab uns Sicherheit und ermöglichte uns ein bisher eher unbeschwertes Reisen in Mexiko. Umso beunruhigter waren wir daher nicht über die Schüsse selbst, sondern dass sie anstatt in einer zwielichtigen Gasse mitten in der Innenstadt geschehen sind. Das ließ die Ereignisse besonders unheimlich und unberechenbar erscheinen.

Wir hatten Angst

Es lässt sich nicht bestreiten, dass wir Angst hatten. Sophie und ich überlegten, was wir nun tun konnten. Mussten wir Konsequenzen ziehen? Sollten wir die Unterkunft erstmal nicht mehr verlassen? Während des Überlegens erreichten uns weitere besorgte Nachrichten von Freunden.

Wir beschlossen, weiterhin bei Einbruch der Dunkelheit allmählich heimzukehren und vorsichtig die Reise wie geplant fortzusetzen. Auch das Stadtzentrum wollten wir nicht mehr besuchen. Durch das rationale Abwägen beruhigten wir uns schnell und schliefen ein.

Schüsse in Tulum: Ging es um Schutzgeld-Erpressung?

Eine neue Wendung nahm die Situation am nächsten Morgen. Wir kamen mit Leon*, einem bereits etwas länger vor Ort lebenden ausländischen Mitarbeiter unserer Unterkunft ins Gespräch und fragten ihn nach den Schüssen.

Es stellte sich heraus, dass er sich mit weiteren in Tulum lebenden Menschen ausgetauscht hatte. Was er uns auf Grundlage dessen erzählte, warf ein anderes Licht auf die Ereignisse. Er bemängelte die Berichterstattung in Deutschland zu der Tat. „Es wirkt so, als hätte es zwischen Drogenbanden eine Schießerei gegeben und die Touristen wären zufällig und unbeteiligt dazwischengeraten.“ Seinen Informationen und verschiedenen Indizien soll es jedoch kein Zufall gewesen sein, dass Touristen zu Opfern wurden.

Den Gerüchten zufolge soll der Täter erst 14 Jahre alt und mit seiner Waffe alleine in die Bar gefahren sein – und zwar angeblich wohl wissend, dass sich hier vor allem Touristen aufhielten. Mit den Schüssen auf die Gäste sollte den Geschäftsbetreibern seitens der Drogenkartelle vermutlich Angst gemacht werden. „Das zerstört natürlich den Ruf eines Restaurants“, führte Leon weiter aus. Hintergrund könnte Erzählungen zufolge Schutzgeld-Erpressung sein.

Diese Schilderung wurde mir nur berichtet. Persönlich bemerkte ich nur während der weiteren Reise, dass uns im Tourismus tätige Mitarbeiter bezüglich der Ereignisse in Tulum versuchten zu beschwichtigen. „Wir wollen unsere Gäste nicht verunsichern“ – dieser Satz fiel mehrere Male.

Mexiko Sicherheit
Dieses von der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Quintana Roo in Mexiko zur Verfügung gestellte Foto zeigt die Bar „La Malquerida“, die mit Absperrbändern abgeriegelt ist. Dort waren im Oktober bei einer Schießerei zwei Frauen aus Deutschland und Indien getötet worden. Foto: dpa picture Alliance

Eine Zunahme an Gewalt in vergangenen Wochen

Die Details des Gesprächs verstärkten unsere Beklemmung. Leon beunruhigte es außerdem genauso wie Sophie und mich, dass es mitten im Zentrum passiert war. „Schießereien an sich sind in Tulum nichts Außergewöhnliches“, so Leon. Er selbst wolle seinen Aufenthalt in der Stadt nicht verlängern: „Tulum wird mir langsam zu heiß.“

Eine Zunahme der Gewalt hatte der Mitarbeiter der Unterkunft bereits in den vorherigen Wochen bemerkt. Ein Grund könne sein, dass mit dem Ende der Regenzeit Anfang November die Hochsaison beginnen sollte und vorher „die Geschäfte der Kartelle geregelt sein sollen“.

Von einer „Zunahme an Kriminalität“ berichtete beispielsweise auch die „Deutsche Welle“. Gemäß mexikanischer Behörden verzeichnet das Land weltweit eine der höchsten Kriminalitätsraten und allein 2020 rund 36.000 bekannt gewordene Morde.

Wir verabschiedeten uns von der Riviera Maya

Unseren ohnehin letzten Tag in Tulum wollten Sophie und ich nicht in der Unterkunft verbringen. Wir besuchten die berühmten Maya-Ruinen am Strand von Tulum, die der Anlass unseres Besuchs der Stadt gewesen waren. Trotz der Gefahren waren wir froh, endlich selbst an diesem so besonderen Ort zu sein, der die Welt der Maya anschaulicher werden ließ.

Trotz der Reize des auch bei Deutschen beliebten Orts waren wir durchaus erleichtert, als wir Tulum nach einer polizeilichen Kontrolle unseres Taxis schließlich verließen – und der Riviera Maya so den Rücken kehrten.

*Um die Sicherheit der Journalistin und der zitierten Personen nicht zu gefährden, verzichten wir darauf, die Namen zu nennen bzw. haben diese geändert.

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