Dramatische Lage in den Alpen

Dieses Bergdorf könnte bald verschwunden sein!

Schweiz
Das Dorf Brienz im Kanton Graubünden steht sprichwörtlich am Abgrund Foto: Adrian MichaelCC BY-SA 3.0
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Ein Ort am Abgrund: Den Bewohnern von Brienz droht der Verlust ihrer Heimat – sie könnte zerstört werden durch die Natur, mit der sie jahrhundertelang gelebt haben. Behörden und Geologen arbeiten an einer Lösung, bereiten sich aber gleichzeitig schon auf das Schlimmste vor.

Viele Touristen verirren sich nicht hierher, einige hundert pro Saison, zahlreiche Bewohner des Ortes besitzen und vermieten aber dennoch Ferienwohnungen – der Kanton Graubünden ist aufgrund seiner hohen Berge wie dem über 4000 Meter hohen Piz Bernina eine spektakuläre Region für Wanderer und Bergsteiger. Laut dem Geologen Stefan Schneider, der für das Büro CSD Ingenieure die Beschaffenheit des Bodens unter Brienz untersucht, rutscht der Hang schätzungsweise schon seit Ende der letzten Eiszeit ab, nur habe es sich bei der Bewegung stets um einen Promillebereich von zwei bis drei Zentimetern pro Jahr gehandelt. „Seit der Jahrhundertwende beobachten wir einen ständigen Anstieg der Geschwindigkeit – es gibt Befürchtungen, dass sich diese in Zukunft sogar noch erhöhen könnte“, so Schneider auf TRAVELBOOK-Anfrage.

Broschüren zur Evakuierung

Der Grund: In 150 Metern Tiefe unter dem Dorf liegt eine weiche Schicht aus Schiefergestein mit einem hohen Tonanteil, die besonders viel von dem Wasser aufnehmen kann, dass über Brienz auf natürliche Weise als Regen fällt oder durch die jährliche Schneeschmelze erzeugt wird. Durch den Druck des darüber liegenden Gesteins ist diese Schicht regelrecht aufgerieben worden, besteht quasi nur noch aus losem Geröll. „Durch das Wasser entsteht dann eine Art Schmierfläche, auf der die darüber liegenden Schichten ins Rutschen geraten.“

Seit 1924 werden Meßdaten über den Brienzer Erdrutsch erhoben, doch warum er sich gerade jetzt so rapide beschleunigt, darauf weiß auch Schneider noch keine definitive Antwort. Was er bewirkt, ist jedoch heute schon absehbar: „Häuser zerreißen, Leitungen bersten, Straßen in dem Dorf müssen nun regelmäßig erneuert werden – mehrere Häuser sind bereits verlassen worden.“ Was bisher nur einige Bewohner getan haben – nämlich Brienz zu verlassen – könnte schon bald für alle noch Verbliebenen gelten: Die Gemeinde Albula, zu der Brienz gehört, hat bereits im Juni 2019 Broschüren heraus gegeben, die darüber informieren, was im Fall einer Evakuierung zu tun sei.

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Eine noch größere Bedrohung

Darin heißt es unter anderem: „Packen Sie Ihr Notgepäck … Bereiten Sie Ihre Wohnung für Ihre Abwesenheit vor: Elektrogeräte ausschalten, Gas- und Wasserhahn schließen, offene Flammen löschen, Fenster schließen und Haustüre abschließen … Verlassen Sie das gefährdete Gebiet mit Ihren privaten Transportmitteln über die Evakuierungsroute.“ So unglaublich es klingt, doch die Broschüre wurde nicht nur aufgrund der sprichwörtlichen Talfahrt des Dorfes heraus gegeben, sondern wegen einer noch größeren Gefahr, die Brienz ebenfalls bedroht: Der Berg, in dessen Schatten der Ort liegt, droht aufgrund der Bewegung unter der Erde „abzustürzen“. Schon jetzt brechen immer wieder große Steine heraus, der letzte laut Christian Gartmann, dem Pressesprecher der Gemeinde Albula, „groß wie ein VW-Bus“. Zum Glück hätten diese aber bislang das Dorf und seine Gebäude nie getroffen.

Der Geologe Schneider spricht von einem Worst-Case-Szenario, in dem 22 Millionen Kubikmeter Berg abbrechen und das Dorf unter sich begraben könnten – diese Masse entspreche 22.000 Einfamilienhäusern: „Am Bergsturz, dem sogenannten Igl Rutsch, sind die Geschwindigkeiten der Erdbewegung noch viel dramatischer, nämlich zwischen zweieinhalb und drei Metern pro Jahr.“ Schneider und sein Team betreiben daher eine Art Frühwarndienst, nehmen täglich Meßdaten anhand von Bohrung, die man bis in gut 200 Meter Tiefe getrieben hat – „Nadelstiche“ nennt Schneider sie etwas hilflos. Bei einer „Verschärfung der Situation“ würden er und seine Kollegen Alarm schlagen, mögliche Folgen wären eine Evakuierung von Brienz und eine Sperrung der gesamten Gegend.

Kosten im zweistelligen Millionenbereich

Der Kanton Graubünden hat der Gemeinde Albula in einem solchen Fall bereits finanzielle Unterstützung zugesagt, wie aus einer Pressemitteilung Ende November verlautete. Darin heißt es unter anderem: „Das Dorf rutscht weiterhin mit rund einem Meter pro Jahr talwärts. Die Überwachung des Bergsturzgebiets oberhalb des Dorfes wurde verstärkt und die Evakuierungsplanung erweitert.“ Schneiders Kollege Thomas Breitenmoser, Geschäftsführer des ebenfalls an den Untersuchungen beteiligten Büros für Technische Geologie AG, sagt zu TRAVELBOOK: „Die größte Gefahr für Brienz geht von dem möglichen Bergsturz aus.“ Das Dorf selbst sitze geologisch gesehen auf einer Scholle, und deren Rutschen geschehe „gleichmäßig“, wodurch die entstehenden Schäden vergleichsweise nicht so gravierend seien.

Um das weitere Absacken von Brienz zu verhindern, haben Breitenmoser und seine Kollegen bereits eine Idee: Eine Art Stollen, eine Drainage unter der rutschenden Gesteinsschicht könnte angelegt werden, um diese sukzessive zu entwässern, und so dem Untergrund wieder Stabilität zu verleihen. „Das würde Kosten im zweistelligen Millionenbereich verursachen – mittels unserer Bohrungen versuchen wir aktuell, den Untergrund zu erkunden und festzustellen, wie mächtig die Rutschmasse unter Brienz überhaupt ist.“ Bei dem drohenden Bergrutsch ist das nicht so einfach, wie Andri Lagiardèr, Projektleiter im Amt für Wald und Naturgefahr erklärt: „Die Untersuchungen sind deshalb schwierig, weil sie gefährlich sind.“ Lagiardèrs Amt organisiert für alle Untersuchungen rund um Brienz die Finanzierung.

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Versicherung nur bei Totalverlust

Sein Kollege Schneider ergänzt: „Es gibt dennoch Szenarien, in denen man das Dorf aufgeben und die Bewohner umsiedeln müsste, aktuell sind wir und die Behörden mit ihnen im engen Gespräch. Menschlich und finanziell gesehen wäre das natürlich eine Katastrophe.“ Christian Gartmann ergänzt: „Im schlimmsten Fall wären sogar die umliegenden Ortsteile, ja der ganze Kanton betroffen – zum Glück erscheint diese Wahrscheinlichkeit sehr gering.“ Ein möglicher Bergsturz könnte aber durchaus die im Tal verlaufende Bahnstrecke zerstören, sowie den Albula-Fluss dramatisch aufstauen.

„Innerhalb von sechs Stunden könnten wir geordnet evakuieren“, so Gartmann angesichts der möglichen Situation, mit der sich die Gemeinde sowie auch der ganze Kanton schon jetzt konkret befasst. „Aktuell erhalten die Bewohner von Brienz Fragebögen, wo sie im Falle einer Umsiedlung zukünftig gerne leben würden.“ Dies sei aber ein Szenario, das man um jeden Preis zu verhindern suche. Denn die Bewohner würde der Verlust ihrer Existenz doppelt hart treffen, weil die Schweizer Gebäudeversicherung zwar für einen Schaden an ihren Häusern aufkommen würde, Stand heute jedoch nicht für den Verlust ihrer Grundstücke. Immerhin habe die Graubündner Gebäudeversicherung laut Gartmann in Rücksprache mit den Behörden der anderen Kantone mittlerweile erreicht, dass dank einer Änderung der Geschäftsbestimmungen auch sanierbare Schäden an Gebäuden erstattet würden – nicht nur, wie bislang formuliert, ein „Totalverlust“. An einen Verkauf der Immobilien ist ob der Lage natürlich nicht zu denken, nicht nur Besitzer von Ferienwohnungen sind daher verzweifelt – am härtesten würde es wohl die Brienzer Bauern treffen, die nicht wüssten, wohin mit ihrem Vieh. Eine Familie kann notfalls umziehen, aber eine ganze Herde Kühe?

Die Stimmung in Brienz und der Gemeinde beschreibt Gartmann ob der unübersichtlichen Lage als „beunruhigt“. „Es geht ja um ihre Heimat, das ist natürlich eine starke emotionale Komponente.“ Angst hätten die meisten Gartmanns Einschätzung zufolge allerdings nicht, viele Menschen lebten ja auch bereits seit Langem mit der Möglichkeit der Bedrohung. „Es gibt unter den Menschen eine große Geduld und Verständnis dafür, dass Lösungen in diesem Fall leider nicht über Nacht möglich sind.“ Gartmann hofft jetzt wie viele andere auf die Realisierbarkeit des Stollens unter der rutschenden Erdschicht, sagt: „Wenn die Sanierung gelingt, ist Brienz zu retten, und das ist natürlich das Ziel der Gemeinde – dahinter steht allerdings ein großes Fragezeichen. Klar ist, wir werden alles dafür tun.“

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