Von Künstlern besetzt

Bussana Vecchia – das ungewöhnlichste Geisterdorf Italiens

Italien
Bussana Vecchia wurde 1887 von einem gewaltigen Erdbeben zerstört - seine Ruinen wurden jedoch wieder zur Heimat für Menschen
Foto: Getty Images

Der kleine Ort Bussana Vecchia wurde 1887 von einem Erdbeben zerstört – doch damit endete seine Geschichte nicht etwa, sondern begann erst. Zu verdanken ist das einer skurrilen Maßnahme des italienischen Staates.

Es ist der 23. Februar 1887, als in dem kleinen italienischen Bussana Vecchia in der Provinz Ligurien die Erde heftig anfängt zu beben. Häuser stürzen ein, insgesamt wird der Ort so heftig erschüttert, dass er von seinen Bewohnern fluchtartig verlassen wird. Nach dem Erdbeben, das mit einer Stärke von 6,5 auf der Richterskala gewütet hat, gilt er als unbewohnbar. In der gesamten Region sind dadurch etwa 2000 Menschen umgekommen, und die Überlebenden haben nur noch ein Ziel: Bussana Vecchia vergessen und von vorne anfangen.

Wie die Seite „Love Liguria” berichtet, wurden die ehemaligen Einwohner von Bussana Vecchia vom Staat entschädigt, siedelten sich in einem eigens neu gebauten Ort an, der später ein Teil der Stadt Sanremo wurde. Der italienische Staat erwarb mit der Entschädigung das Eigentum an Bussana Vecchia – und strich das Geisterdorf kurzerhand aus dem Katasteramt. Von heute auf morgen existierte es damit offiziell nicht mehr. Ein Umstand, der 70 Jahre später zu einer der wohl ungewöhnlichsten Begebenheiten in der Geschichte Italiens führen sollte.

Künstler aus ganz Europa

Denn 1960 entdeckten Künstler aus ganz Italien den Ort für sich – und zogen einfach kurzerhand in die Ruinen ein, machten sie für sich so wohnlich wie nur irgendwie möglich. Das Einzigartige: Sie restaurierten die Häuser nicht etwa, sondern beließen sie in dem Zustand des Verfalls, den damals das Erdbeben angerichtet hatte. Zunächst lebten sie sogar ohne Strom, fließend Wasser und Kanalisation, doch zumindest diese Annehmlichkeiten wurden mit der Zeit installiert.

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Laut „Bussanarte”, der offiziellen Webseite des Ortes, wurde 1961 die „Comunità Internazionale degli Artisti” gegründet, eine internationale Künstlerkommune, die sowohl einheimische Kunstschaffende als auch solche aus Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden anzog. Viele blieben nur für eine kurze Zeit, doch auch heute noch gibt es einen harten Kern, der in Bussana Vecchia lebt und arbeitet.

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Eingang zum Atelier eines Künstlers in Bussana Vecchia
Foto: Getty Images

Illegale Besetzung

Das Skurrile: Vom Staat werden die Künstler bis heute als illegale Hausbesetzer angesehen – und tatsächlich konnten sie die Häuser auch nur für sich in Beschlag nehmen, weil das Dorf ja vorher als nicht mehr existent erklärt worden war. Und so wurde bereits mehrfach seine Räumung verkündet, wozu es allerdings bislang nie gekommen ist. Vermutlich, weil sich Bussana Vecchia zu einem echten Besuchermagneten entwickelt hat, in dem heute Maler, Bildhauer, Keramiker, Fotografen, Schriftsteller, Musiker, Poeten und Tänzer leben.

Besonders im Sommer ist Italiens ungewöhnlichstes Geisterdorf sehr beliebt, vor allem bei einheimischen Touristen. Neben den Ateliers gibt es heute hier auch einige Bars, Restaurants und Bistrots, die die Künstler betreiben. Laut ihnen ist Bussana Vecchia ein Ort, an dem man „in Freiheit und Frieden leben kann – einer der letzten auf der Welt, die man noch als Paradies betrachten kann. Dieser Ort ist voll von Kreativität und bleibt eine Inspiration für Künstler wie auch Besucher.”

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Jeder ist willkommen

Um dies zu unterstreichen, ist die Gemeinde stets offen für neue Mitglieder, lädt Interessierte auf der Seite „Bussanarte” sogar aktiv dazu ein, selbst ein Teil von Bussana Vecchia und seiner einzigartigen Idee zu werden: Jeder kann sich bei den Künstlern bewerben und dort ein Projekt oder eine Ausstellung durchführen, die „Einheimischen” versprechen, dabei behilflich zu sein. Wer möchte und sich wohlfühlt, kann auch gleich dort einziehen – auch dafür gibt es keinerlei Vorschriften, ein Mindestaufenthalt von drei Monaten wird allerdings empfohlen. So hat es vermutlich auch bei jenen angefangen, die bis heute in Bussana Vecchia leben.

Bussana Vecchia auf der Karte

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