23. Februar 2026, 10:59 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Unter dem polnischen Pniewo befindet sich ein erstaunlicher Ort für Freunde des Dark Tourism: eine riesige Untergrundstadt der Nazis, die sich über mehr als 30 Kilometer als System von Tunneln, Schächten und Kampfeinrichtungen erstreckt. Ursprünglich noch viel gigantischer geplant, wurde die Anlage schon kurz nach Baubeginn wieder aufgegeben. In den 1980er und 1990er Jahren Heimat einer Art Sekte, ist die „Festungsfront Oder-Warthe-Bogen“ heute der größte Besuchermagnet der Region um Pniewo.
Auf den ersten Blick würde nichts in der polnischen Stadt Pniewo in der Woiwodschaft Lubusz darauf hindeuten, dass sich hier ein wahrer Magnet für Freunde des Dark Tourism befindet. Doch dann entdeckt man vielleicht die Reste alter Bunkeranlagen, die ein wenig wie die Kappen von Pilzen aus dem Boden ragen. Sie sind nur die Spitze eines Eisbergs, denn bis zu 40 Meter unter der Erde befindet sich hier eine wahrhaft gigantische Anlage, eine verlassene Untergrund-Stadt, die einst die Nazis bauten. Und dieses riesige Labyrinth aus Tunneln, Schächten und Kampfeinrichtungen kann man heute besichtigen.
Es ist das Jahr 1935, als Nazi-Führer Adolf Hitler laut „CNN“ höchstpersönlich nach Pniewo reist, das damals noch zu Deutschland gehört. Sein Plan: Eine schier aberwitzige, bis zu 80 Kilometer lange Verteidigungslinie gegen Feinde aus dem Osten, namentlich Polen und vor allem Russland, zu erschaffen. Den sogenannten Ostwall. Auch bekannt als Oder-Warthe-Bogen, benannt nach den Flüssen, die heute Deutschland und Polen trennen, soll er aufgrund seiner strategischen Position fremde Truppen am Durchmarsch bis in die Nazi-Hauptstadt Berlin hindern. Und so entsteht schließlich in Rekordzeit die riesige Untergrundstadt, die heute der größte Touristenmagnet der Region Lubusz ist.
Nach nur zwei Jahren Baustopp
Zur damaligen Zeit galt der Ostwall als eine der ambitioniertesten Verteidigungsanlagen auf der ganzen Welt. Allein in der zentralen Sektion des heute mehr als 30 Kilometer langen Systems verbaute man mehr als 56.000 Kubikmeter Beton. Die Untergrundstadt verfügte über ein Schienennetz mit Bahnhöfen und hätte im Ernstfall zehntausenden Soldaten Unterschlupf gewähren können. Der Bau begann 1936, endete jedoch bereits zwei Jahre später schon wieder. Der Grund: Die Prioritäten der Nazis in puncto Verteidigung hatten sich verschoben, man vermutete den Feind jetzt vor allem (mal wieder) in Frankreich. Mit der deutschen Invasion Polens und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verlor der Ostwall für die Nazis an Bedeutung.
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Sie nutzten die Untergrundstadt auch während des Krieges noch, doch 1945 eroberte die Rote Armee in nur drei Tagen die Verteidigungslinie. Die Nazis verließen daraufhin ihre unterirdische Festung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dann für eine Zeit lang von der polnischen Armee benutzt wurde. Die Kosten für die Erhaltung des gigantischen Tunnelsystems waren jedoch zu hoch, und so fiel der Mega-Bunker in den 1960er Jahren in Vergessenheit. Das hätte das Ende sein können, doch in den 1980er Jahren rückte die Anlage plötzlich wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Und zwar, weil sie von einer Art Sekte besetzt wurde.
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Mindestens fünf Tote
Sie selbst bezeichneten sich lieber als „Bunker People“ und hielten in der Untergrundstadt zahlreiche Veranstaltungen ab, darunter illegale Raves, aber auch Hochzeiten. Von den frühen 1980er bis in die späten 1990er Jahre sorgten sie für viel Aufsehen und auch Missstimmung. Das lag daran, dass während dieser Zeit mindestens fünf Menschen in dem weitverzweigten Tunnelsystem etwa durch Stürze oder Feuer ums Leben kamen. Auch heute noch kann man an den Wänden des unterirdischen Bunkers Graffiti sehen, die von dieser skurrilen „Zwischennutzung“ künden. Seit 2011 jedoch ist der Ort auch der Öffentlichkeit zugänglich und als „Festungsfront Oder-Warthe-Bogen“ zu besichtigen.
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So unglaublich es klingt, fast die gesamten 30 Kilometer der gewaltigen Untergrundstadt sind dabei zugänglich. Auf Touren mit unterschiedlichen Längen, die bis zu acht Stunden dauern, kann man diesen düsteren, beklemmenden Ort erkunden. Schaufensterpuppen mit Uniformen bewachen einzelne Räume und sogar den Abort, der Hauptschacht führt über eine schwindelerregende Treppe bis auf 40 Meter unter die Erde. Hier befindet sich ein gewaltiger Tunnel mit Rohren und Schienensträngen. Und wer genau hinschaut, entdeckt auch heute noch „Bewohner“ der morbiden Katakomben.
40.000 Fledermäuse
Die Rede ist von bis zu 40.000 Fledermäusen, die bereits in den 1970er Jahren die Tunnel für sich entdeckten. Aufgrund der Kälte, die hier konstant herrscht, ist die Anlage ideal für sie zum Leben und auch, um ihren Winterschlaf zu halten. Während dieser Zeit ist der Zugang zu der Untergrundstadt für Besucher begrenzt, um die Tiere nicht zu stören. Es handelt sich bei der ehemaligen Nazi-Festung um nicht weniger als die größte unterirdische Einrichtung dieser Art überhaupt in ganz Europa. Das Militärmuseum ist die meistbesuchte Touristenattraktion in der Region Lubusz.
Auf dem Portal Tripadvisor zeigen sich die User beeindruckt von der gewaltigen Untergrundstadt: „Es ist bemerkenswert, wie intakt das Tunnelsystem immer noch ist“, meint einer. Ein zweiter User schreibt: „Ein unglaublicher Ort für Touristen und an Kriegsgeschichte Interessierten gleichermaßen.“ Ein Dritter ergänzt: „Ein Ort, der von begeisterten Menschen betrieben wird. Ich kann nur jedem den Besuch hier empfehlen.“ Wenn Sie jetzt auch neugierig geworden sind: Die Międzyrzecki Rejon Umocniony, so der polnische Name der Anlage, ist täglich von 9 bis 15 Uhr für Besucher geöffnet. Je nach Tour, die man buchen möchte, variieren die Preise, die Sie bitte der offiziellen Website entnehmen.