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TRAVELBOOK-Autorin vor Ort

Was hinter der verlassenen „Ufo City“ in Taiwan steckt

Die Voraussetzungen für die „Ufo City“ waren dank der direkten Strandlage eigentlich perfekt
Die Voraussetzungen für die „Ufo City“ waren dank der direkten Strandlage eigentlich perfekt Foto: Doris Tromballa
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Doris Tromballa
Freie Autorin

3. Januar 2026, 7:35 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Bei der sogenannten „Ufo City“ handelt es sich um eine verlassene Feriendorf-Siedlung aus den 1970er Jahren in Sanzhi an der Nordostküste Taiwans. Für TRAVELBOOK-Autorin Doris Tromballa stand dieser Ort ganz oben auf der Liste ihrer Taiwan-Reiseplanung. Die Fotos, die sie finden konnte, versprachen eine futuristisch-geisterhafte Atmosphäre: Was einst als Statement des modernen Tourismus gepriesen wurde, zerfiel zu einem spektakulären „Lost Place“.

Ich steuere mit meinem Auto langsam in der brüllenden Mittagshitze über einen Schlagloch-Kiesweg. Bin ich hier richtig? Das Navi sagt: Ja. Aber es fühlt sich an, als wäre hier gar nichts. Zwei Überseecontainer rosten am Straßenrand vor sich hin, ein paar Straßenhunde dösen unter den verdorrten Hecken. Aber hier soll sie doch sein – Ufo City, das Feriendorf, das zum Traum taiwanesischer Urlauber werden sollte. Dann, hinter der nächsten Kurve, erhebt sich plötzlich ein gelbbraunes, schräggelegtes Ei aus den Hecken: Auf Betonstelzen reckt es sich müde in die Mittagssonne, das erste „Ufo“.

Die Ufo-Häuser verfallen am Strand

Das Auto parke ich am Wegrand – ob hier noch jemand durchkommt? Naja, viel Verkehr ist hier ohnehin nicht zu erwarten, erinnere ich mich. In den Ufo-Häusern wohnt schon lange niemand mehr. Über den Kiesweg gehe ich Richtung Strand. Rechts ragen immer mehr von den gelbbraunen Eiern auf: Die Betontreppen zu den Eingangstüren sind längst von dichten Schlingpflanzen überwachsen, die Fenster eingeschlagen, die Außenhülle mit Graffiti besprayt. Es fühlt sich an, als wäre hier ein Raumschiff mit Aliens gelandet, vor langer Zeit, und die Außerirdischen hätten ihre Kapseln kurz nach der Landung stehen gelassen und sich davongemacht.

Weiter unten am Strand werden die Eier-Ufos von weißen Kisten-Häuschen mit abgerundeten Ecken abgelöst. Eigentlich sehr schön: Hier sollte man wohl durch das große Glas-Panoramafenster einen unverstellten Blick aufs Meer genießen können. Aber auch von diesen Fenstern ist kaum eines noch intakt. Vorsichtig versuche ich, einen Blick ins Innere eines Hauses zu werfen. Allerdings sieht das hier alles sehr instabil aus. Die modernden Fassadenteile knarzen im Wind, aus den Fenstern wehen zerfetzte Vorhangreste.

Die Natur hat die Kontrolle übernommen
Die Natur hat die Kontrolle übernommen Foto: Doris Tromballa

Das Innere ist verwüstet

Ob es die Naturgewalten oder Vandalismus war, kann ich nicht sagen, aber im Inneren der Strandhäuschen sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Stühle und Tische sind umgeworfen oder zertreten, der Rost frisst sich durch die alten Klimaanlagen, Sofas sind aufgeschlitzt und loses Papier flattert durch die Zimmer. Eine mysteriöse, faszinierende, aber auch leicht bedrückende Stimmung herrscht hier. Es ist gruselig leise, nur ein paar Möwen krächzen über mir. Sonst fast kein Laut. Was mich schon verwundert: Was hat hier nicht geklappt? Die Idee einer modernen Feriensiedlung direkt am Meer erscheint mir durchaus legitim – auch Orte wie Benidorm in Spanien oder diverse Urlaubs-Clubs funktionieren ja auch. Was ist hier schiefgegangen?

Ein Blick in das Innere zeigt die Verwüstung
Ein Blick in das Innere zeigt die Verwüstung Foto: Doris Tromballa

Der optimistische Plan für „Ufo City“

Der Plan klang erst mal gut: coole, moderne Architektur im Zeitalter des technologischen Aufbruchs, tiefblauer Ozean, Schönwetter-Garantie. Damit gingen die Architekten und Investoren Ende der 70er Jahre in Sanzhi an den Start. Die UFO-Häuser sollten aussehen, als seien sie aus einem Stück gefertigt, ohne Nähte oder Schrauben. Eben, wie aus einer anderen Welt. Ein futuristisches Urlaubsparadies, inspiriert vom Optimismus der Raumfahrtära. Als Kunden hatte man sich vor allem wohlhabende Touristen und amerikanische Offiziere, die in Ostasien stationiert waren, vorgestellt. Schließlich sollten die Ufos mit allem Komfort ausgestattet (Marmorfußboden!) und in einem aufwendig gepflegten Landschaftspark eingebettet sein.

Perfekte Lage: Eines der Ufo-Ferienhäuser in Taiwan
Perfekte Lage: Eines der Ufo-Ferienhäuser in Taiwan Foto: Doris Tromballa
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Warum in „Ufo-City“ keine Urlaubsstimmung aufkam

Doch schon zwei Jahre nach Baubeginn kam es zum Stopp. Strittige Baugenehmigungen und unklare Landbesitzverhältnisse machten den Planern zu schaffen. Die Baukosten für die luxuriöse Innenausstattung der Ufos explodierten, den Investoren ging das Geld aus. Das Projekt wurde aufgegeben. Doch auch ein Neustart 10 Jahre später brachte nichts: Die neuen Bauherren konnten sich nicht einigen, wie man die schon im Verfall befindlichen Häuser wieder flottmachen konnte. Auch war fraglich, wie erdbebensicher die Konstruktionen tatsächlich waren – Erdbeben sind an der taiwanesischen Küste schließlich keine Seltenheit.

Darüber hinaus verbreitete sich schleichend ein lähmendes Unwohlsein im Umfeld der Bauarbeiten: Gerüchten zufolge befand sich unter dem Strandabschnitt ein altes Soldatengrab – ein böses Omen, einen Ort des Gedenkens mit einer Feriensiedlung zu überbauen? Bald wurde über mysteriöse Todesfälle bei den Bauarbeiten getuschelt und davon, dass in den halbfertigen Ufos Geister spukten. Als ein Baufahrzeug dann noch den steinernen Drachen an der Einfahrt zur Feriensiedlung beschädigte – ein chinesisches Symbol für Glück und Wohlstand –, stand für viele das Urteil über „Ufo City“ längst fest: Abreißen!

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„Ufo-City“ wird zur Geisterstadt

Doch fast 30 Jahre lang passierte erst mal gar nichts. Ufo City verfiel vor sich hin und wurde zum Geheimtipp für „Lost Places“-Liebhaber: Die futuristischen Kapseln boten einen bizarren Kontrast zum sanft abfallenden Ozeanstrand vor den Häuschen, an den sich nur wenige zum Baden verliefen. 2008 kam dann die Entscheidung zum Abriss. Eine neue Feriensiedlung sollte entstehen, war der Plan. Mal wieder. Bis heute ist nichts dergleichen in Angriff genommen worden.

Das einzige Ufo-Haus, das nicht völlig verfallen ist
Das einzige Ufo-Haus, das nicht völlig verfallen ist Foto: Doris Tromballa

Doch da sehe ich ein blendend weißes Kasten-Häuschen mitten zwischen den modernden „Pods“ am Strand aufblitzen: Tatsächlich! Ein einziges Haus scheint man instand gehalten zu haben. Oder renoviert? Wohnt hier jemand? Es hat eine Hausnummer, ein Auto steht vor der Tür, die Terrasse ist gepflegt. Ich versuche, einen Blick ins Innere zu erhaschen, doch die Vorhänge verwehren die Sicht für Neugierige. Und so bleibt es weiter ein Geheimnis, was aus Ufo-City in Sanzhi wird – ein neues Urlaubsparadies oder ein faszinierender Ort für alle, die „Lost Places“ lieben.

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