27. Juli 2025, 12:22 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Der niedersächsische Ort Polle ist ein ganz besonders attraktives Ziel für Fans von Märchen der Gebrüder Grimm. Denn hier hat eine ihrer berühmtesten Figuren, das Aschenputtel, ihr Zuhause. Und noch eine andere legendäre Gestalt kommt aus der Gegend – von der wohl nur die Wenigsten wissen, dass es sie tatsächlich gab. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hat sich vor Ort umgehört und verrät, was es mit dem Aschenputtel-Märchen auf sich hat und was es vor Ort sonst noch zu sehen gibt.
Wohl jedes Kind hierzulande kennt die Geschichte um die Märchenfigur Aschenputtel. Von einer bösen Stiefmutter und deren Töchtern schikaniert, erweckt sie die Aufmerksamkeit eines Prinzen, der sich dann in sie verliebt. Ende gut, alles gut. Oder wie es in den alten Sagen meist heißt: Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage. Cinderella, wie sie im Englischen heißt, ist eine der bekanntesten Figuren im Universum der Gebrüder Grimm – aber hätten Sie gewusst, dass sie auch in Deutschland „zu Hause“ ist? TRAVELBOOK nimmt Sie mit auf eine Reise nach Niedersachsen, in den kleinen Ort Polle.
In Polle, malerisch an der Weser gelegen, dreht sich alles um seine wohl berühmteste „Tochter“. Gemeint ist Aschenputtel, das dort seit nunmehr 30 Jahren offiziell „gemeldet“ ist. Und während manche „Eltern“ ihrem Nachwuchs in diesem Alter wohl so langsam nahelegen würden, sich nach einer eigenen Bleibe umzutun, ist man in Polle überaus stolz auf die Verbindung mit der vielleicht berühmtesten Märchenfigur der Gebrüder Grimm. Aber wie kam es eigentlich, dass der Ort bereits seit 1995 mit ihr assoziiert wird, sich sogar offiziell Aschenputtel-Ort nennen darf?
Märchen auf über 600 Kilometern
Eine Mitarbeiterin der Touristeninformation der Gemeinde Bodenwerder-Polle sagt dazu auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Wir haben uns damals einfach bei der Vereinigung ‚Deutsche Märchenstraße‘ um den Titel Aschenputtel-Ort beworben. Die Geschichte war damals noch keinem anderen Ort zugeordnet.“ Die Deutsche Märchenstraße führt auf mehr als 600 Kilometern an zahlreichen Orten vorbei, die heute mit den Geschichten der Gebrüder Grimm in Verbindung gebracht werden. Sie verläuft von Hanau, der Geburtsstadt der Erzähler, bis nach Bremen.
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Die Bewerbung kam für Polle aber nicht einfach aus dem Blauen heraus. „Eine Laienschauspieltruppe führt hier bereits seit 1994 das Märchen Aschenputtel immer wieder auf.“ Von Mai bis September findet das Stück an jedem 4. Sonntag auf der Burgruine Everstein statt, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde und noch heute als beeindruckende Landmarke hoch über dem Ort thront. Die Teilnahme ist kostenlos. „Rund um die Festung verläuft auch der Aschenputtel-Pfad. Ein kurzer Wanderweg, auf dem man die Geschichte selbst nachlesen und ihren verlorenen Schuh finden kann.“
Der legendäre Lügenbaron
1994 bewarb sich Polle um die Auszeichnung Aschenputtel-Ort. 1995 wurde dieser Titel seitens der „Deutsche Märchenstraße e.V.“ mit einer Urkunde offiziell bestätigt. „Im Haus des Gastes haben wir auch ein Aschenputtel-Zimmer, das man an fünf Tagen in der Woche besuchen kann.“ Dienstag und Donnerstag ist es von 14 bis 17 Uhr geöffnet, Freitag von 9 bis 12:30 Uhr. Am Wochenende kann man es von 14:30 bis 16:30 Uhr besuchen. „Das Interesse an der Geschichte ist nach wie vor groß.“ Man profitiere vor Ort aber auch davon, direkt am beliebten Weser-Radweg zu liegen. Außerdem gebe es rund um Polle zahlreiche Möglichkeiten zum Wandern.
Was wohl nur die Wenigsten wissen: Tatsächlich kommt auch eine andere legendäre Gestalt aus der Gegend um Polle. Denn in dem nahen Ort Bodenwerder wurde 1720 der Adlige Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen geboren. Besser bekannt als Lügenbaron. Auch dessen fantastische Geschichten begeistern bis heute ein breites Publikum. Nur gab es ihn eben tatsächlich. „Schon zu Lebzeiten hat er wohl immer gerne Freunden und Bekannten seine Geschichten erzählt.“ Grund genug also, die Region um Polle einmal selbst zu bereisen. Und eine märchenhafte Zeit zu haben.