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Hier werden 10 sogenannte „Heilige Leiber“ ausgestellt

Basilika Waldsassen: Deutschlands gruseligste Kirche?

Basilika Waldsassen
Gruselige Reliquien: In der Basilika Waldsassen werden insgesamt zehn sogenannte „Heilige Leiber“ ausgestellt. Dabei handelt es sich angeblich um die sterblichen Überreste früher christlicher Märtyrer

In der bayrischen Basilika Waldsassen werden seit Jahrhunderten ganz besondere Reliquien aufbewahrt. Bei den sogenannten „Heiligen Leibern“ handelt es sich um die sterblichen Überreste von angeblichen christlichen Märtyrern. Die prunkvoll geschmückten Skelette erzählen von einem der wohl skurrilsten Kapitel der katholischen Kirche.

In der Basilika des bayrischen Zisterzienserinnen-Klosters in Waldsassen befindet sich einer der wohl ungewöhnlichsten Kirchenschätze auf der ganzen Welt. Denn seit 1775 werden hier die sogenannten „Heiligen Leiber“ ausgestellt. Dabei handelt es sich um Ganzkörper-Reliquien, die aus den Knochen von angeblichen christlichen Märtyrern gefertigt wurden.

Üppig verziert sind die insgesamt zehn „Heiligen Leiber“, die noch heute die wichtigsten Reliquien in der Basilika Waldsassen sind. In ihren prachtvollen, mit Edelsteinen geschmückten Gewändern wirken sie besonders beeindruckend. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die mächtigen vergoldeten Altäre und Schaukästen, in denen sie ruhen. Laut der offiziellen Seite des Ortes kamen sie zwischen 1688 und 1756 hierher. Das heißt, sie wurden geliefert, und zwar direkt vom Vatikan in Rom.

Einträglicher Handel mit den Knochen

Basilika Waldsassen
Die Basilika Waldsassen ist ein auch von außen beeindruckendes Barock-Gebäude. Seit 1765 werden die Märtyrer-Mumien hier ausgestelltFoto: dpa Picture Alliance

Wie die prunkvollen „Heiligen Leiber“ schließlich in die Basilika Waldsassen gelangten, erzählt die Zeitschrift „Smithsonian Magazine“: Demnach begann alles, als man im Jahr 1578 unter den Straßen von Rom gewaltige Katakomben entdeckte. Bis zu 750.000 Menschen hatten hier einst ihre letzte Ruhestätte gefunden. Und zwar in einem Massengrab, das wohl in den ersten drei Jahrhunderten nach Christi Geburt entstand.

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Die geschäftstüchtige Katholische Kirche nutzte diesen Fund schnell zu ihrem finanziellen Vorteil. Sie erklärte die gefundenen Knochen nämlich zu den sterblichen Überresten früher christlicher Märtyrer. Schon bald darauf brach in den Kirchen Nordeuropas und besonders in Deutschland ein beispielloser Hype aus. Jedes Gotteshaus wollte sich nun mit so einen Märtyrer bzw. seinen Knochen, schmücken. Durch zahllose Kriege und Plünderungen geschwächt, sah man hierin eine Chance, dem katholischen Glauben wieder etwas Glanz zu verleihen.

Tote als Statussymbol

Und so brachte man in den Folgejahren unzählige der Märtyrerknochen von Italien aus über die Alpen nach Deutschland. So auch in die Basilika Waldsassen. Der Zeitschrift „Monumente“ zufolge brachten Schweizergardisten, Pilger oder Mönche die Reliquien an ihre Ziele. Und verdienten als Zwischenhändler gutes Geld daran.

Dabei ist belegt, dass die Katholische Kirche in Rom keineswegs wählerisch dabei war, die sterblichen Überreste pauschal zu Knochen von angeblichen Märtyrern zu erklären. Demnach dachte man sich mitunter einfach einen Namen für den jeweiligen vermeintlichen Märtyrer aus. Und erklärte ihn anschließend gewinnbringend für heilig. Die Kirchen wiederum, die solche Reliquien kauften, erwarben mit den Knochen mitunter gleich den Namen ihres zukünftigen Schutzpatrons. Wer „Heiligen Leiber“ vorweisen konnte, hatte sogar die Chance, zu einem Wallfahrtsort aufzusteigen.

Ein Fest zu Ehren der Knochen

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Und noch ein weiterer Geschäftszweig blühte durch den Handel mit den heiligen Knochen auf. Denn einige Konvente spezialisierten sich regelrecht darauf, die „Heiligen Leiber“ zu prachtvollen Gesamtkunstwerken herzurichten. So spendeten nicht selten vor allem betuchte Gläubige den Märtyrern teuren Schmuck und Kleidung. Die einzelnen Knochen fügte man durch aufwendige Arbeit wieder zu „Körpern“ zusammen. Mitunter modellierte man gar aus Wachs Gesichter oder andere Körperteile.

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In der Basilika Waldsassen sind die insgesamt zehn „Heiligen Leiber“ auf besonders eindrucksvolle Weise in den barocken Kirchenraum integriert. Nach ihrer Ankunft zwischen 1688 und 1756 hüllte sie ein begabter Mönch in die prachtvollen Gewänder, in denen man sie noch heute bewundern kann. Seit 1765 sind sie in dem Gotteshaus dauerhaft ausgestellt. Das Ereignis war für die Kirche derartiger Wichtigkeit, dass man in Waldsassen seit 1756, also seit der Ankunft des zehnten „Heiligen Leibes“, jedes Jahr am 1.Sonntag im August das „Heilige Leiber-Fest“ feiert.

Heute ist die Reliquien-Sammlung in der Basilika Waldsassen, die offiziell St. Johannes Evangelist heißt, die größte und besterhaltene nördlich der Alpen. Der Eintritt zu dem Gotteshaus ist frei, gegen Bezahlung können aber verschiedene Führungen gebucht werden. Und wer dann noch nicht genug „Heilige Leiber“ gesehen hat: In der Kirche St. Emmeran im nahen Regensburg gibt es auch zwei von ihnen.

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