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Hier ruhen die Überreste unzähliger Toter

Die Geschichte des Beinhauses von Chammünster im Bayerischen Wald

Beinhaus Chammünster
Im Beinhaus im bayrischen Chammünster liegen die sterblichen Überreste unzähliger Menschen bestattet. Heute kann man den Ort kostenlos besichtigen. Foto: Karl-Heinz Brückl
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

19. April 2026, 7:10 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Auf dem Friedhof der Urkirche im bayerischen Chammünster befindet sich ein besonderer, etwa 800 Jahre alter Gedenkort. Denn in dem dortigen Beinhaus liegen noch heute die Knochen von unzähligen Verstorbenen aus längst vergangenen Epochen zur letzten Ruhe. Dass der Ort heute überhaupt wieder in altem Glanz erstrahlen kann, ist einem Zufall zu verdanken. Und dem vielleicht ungewöhnlichsten Schulprojekt aller Zeiten.

Friedhöfe sind Orte, wo die Lebenden in Ruhe und Würde der Verstorbenen gedenken können. Mitunter treten der Tod und die Vergänglichkeit der eigenen Existenz einem aber hier auch ganz offen gegenüber, wie es im Beinhaus im bayerischen Chammünster, einem Ortsteil der Stadt Cham, der Fall ist. Auch als Karner bezeichnet, ruhen hier die Knochen unzähliger Verstorbener aus mehreren Jahrhunderten Geschichte offen und für jeden sichtbar im örtlichen Beinhaus auf dem Gottesacker der dortigen Urkirche. Nur mit einem Gitter abgesperrt, kann man sie, in einer Katakombe aufgeschichtet, besichtigen. Dies ist aber vor allem einem Zufall zu verdanken.

Hans Wrba ist Rentner und ehrenamtlicher Heimatpfleger in Cham. Die Geschichte des Beinhauses von Chammünster kennt er genau. Bereits als Jugendlicher habe er sich für die Historie seiner Region interessiert, wie er im Gespräch mit TRAVELBOOK erzählt. Seinen Lehrern sei es zu verdanken, dass er damals schon so viel Literatur zu dem Thema zur Verfügung gehabt habe und er heute ein großer Kunstliebhaber und Klassik-Fan sei. Zu dem ungewöhnlichen Bestattungsort auf dem Friedhof der Urkirche sagt er: „Das Beinhaus ist vermutlich um das Jahr 1200 entstanden. Darauf deutet die Bauweise hin. Diese Art, die Toten zur letzten Ruhe zu betten, stammte ursprünglich aus Frankreich und datiert zurück bis ins 11. Jahrhundert.“

Wiederentdeckung durch Zufall

Beinhaus Chammünster
Das Beinhaus Chammünster in einer Aufnahme aus den 1930er-Jahren wirkt ein wenig gespenstisch Foto: Karl-Heinz Brückl

Bereits im Jahre 739 sei im heutigen Chammünster erstmals eine Kirche gegründet worden, die in den folgenden Jahrhunderten einen riesigen Einzugsbereich hatte. Das Problem vor Ort wie auch in anderen Gemeinden in Bayern und Österreich, die heute noch Beinhäuser haben: Aufgrund der hohen Anzahl an Gläubigen gab es auf den Friedhöfen irgendwann keinen Platz mehr, sie alle im Sinne des Glaubens ehrenhaft zu bestatten. „Und so exhumierte man irgendwann die Knochen der Toten und verbrachte sie zur letzten Ruhe in die Beinhäuser, wie das in Chammünster eben.“ Doch aufgrund von Irrungen und Wirrungen in der Geschichte und mehrerer teils erzwungener Religionswechsel in der Region geriet das Beinhaus irgendwann in Vergessenheit.

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Besser gesagt, es wurde sprichwörtlich verschüttet. Denn im Jahre 1556 ordneten die damaligen Machthaber den Abriss der St.-Katherinen-Kapelle an, die sich damals über dem Beinhaus von Chammünster befand. „Mit dem Schutt hat man dann die Eingänge zu der Katakombe zugeschüttet.“ Erst 1820 entdeckte man das Gewölbe durch einen Zufall wieder, als der örtliche Küster an gleicher Stelle einen Keller ausheben lassen wollte. „Man dachte dann gleich an ein Massengrab von Pesttoten. Der Schwarze Tod hatte ja in unserer Region schlimm gewütet. Also hat man die Grube mit den Knochen gleich wieder zugeschüttet.“ Bis die sterblichen Überreste endgültig gerettet wurden, vergingen noch einmal einige Jahrzehnte.

Studenten klauten Schädel

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1880 schließlich ließ das Bayerische Amt für Denkmalpflege aus München das Beinhaus wieder ausheben. Dass es heute aber wieder für jeden sichtbar ist, verdankt sich dem wohl skurrilsten Schulprojekt der deutschen Geschichte. Denn der damalige Lehrer an der örtlichen Schule, der auch gleichzeitig der Pfarrer war, machte sich 1902 mit seiner Klasse daran, die Knochen zu bergen. „Das waren mehrere Wagen voll. Man hat sie dann an Ort und Stelle fein säuberlich wieder aufgeschichtet. In einem Raum ruhen seitdem die Gebeine, in einem anderen die Totenschädel. Dazu muss man auch wissen, dass das Schulhaus damals noch am Friedhof lag.“

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Seit dem Jahr 1965 befindet sich über der Knochen-Katakombe übrigens das örtliche Leichenschauhaus. Dort werden Tote bis zu ihrer Bestattung aufgebahrt. Heute werden in dem Beinhaus aber längst keine sterblichen Überreste mehr beigesetzt. „In den 1950er und 60er Jahren kam es hier immer wieder zu Einbrüchen“, erinnert sich Wrba lachend. „Medizinstudenten brachen die Tür auf und stahlen Totenschädel, die sie wohl für ihr Studium brauchten. Einmal klingelte einer von denen beim Pfarrer und gab einen der Schädel ordentlich verpackt zurück. Den hat vielleicht die Reue gebeutelt – oder die Angst.“

Wer möchte, kann sich das Beinhaus von Chammünster jederzeit von außen ansehen. Die Tür dazu ist mit einem Gitter versperrt und wird nur zu Führungen mitunter geöffnet. Mittels eines Lichtschalters kann man aber die Schädel-Stätte auch zu fortgeschrittener Tageszeit noch im richtigen Licht betrachten. „Es kommen viele Gäste“, sagt Wrba. „Früher war das ja auch ein Begräbnisort für den Landadel, daher haben wir hier auch noch einige eindrucksvolle Grabsteine.“ Der Zutritt zu dem Friedhofsgelände ist kostenlos.

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