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Neue Podcast-Folge „Tatort Reise“ zu der Mordserie in den USA

Die Wahrheit über das Mörder-Hotel des H.H. Holmes

Chicago H.H. Holmes Podcast
In Chicago trieb im 19. Jahrhundert H.H. Holmes sein UnwesenFoto: Getty Images

Räume ohne Türen, Treppen, die ins Nichts führen und gigantische Hochöfen, in denen die Mordopfer verbrannt wurden: So soll es im berüchtigten Mordhotel von H.H. Holmes ausgehen haben. Doch was ist wirklich dort geschehen – und was ist nur Fiktion? Dieser Frage gehen wir bei TRAVELBOOK auf den Grund.

Chicago in den 1880er Jahren. Eine aufstrebende Stadt. Knapp 20 Jahre nach einem verheerenden Brand, bei dem etwa 300.000 Menschen in der damals noch „hölzernern Stadt“ starben, zieht es Menschen aus den ganzen USA hierher. Von 1880 bis 1890 verdoppelte sich die Zahl der Einwohner von 500.000 auf eine Million. Einer der neuen Einwohner: Herman Webster Mudgett. Ein Mann, der später als H.H.Holmes berühmt und berüchtigt wurde.

Sie wollen diesen Artikel lieber hören, statt ihn zu lesen? Dann empfehlen wir Ihnen die neue Folge unseres Podcasts „Tatort Reise“.

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Mudgett wird am 16. Mai 1860 als Sohn von Bauern aus New Hampshire geboren und wächst bescheiden auf einer Farm auf. Er zeigt früh technisches Interesse und Verständnis und beginnt schließlich ein Medizin-Studium an der Michigan University.

Ein charmanter Psychopath

Herman Webster Mudgett alias H.H. Holmes in den 1890er JahrenFoto: Getty Images

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits zum ersten Mal verheiratet. Mit nur 16 Jahren geht er seine erste Ehe ein – die zwar nie geschieden wird, aber nur die erste von drei Ehen des attraktiven Manns sein wird. Mudgett entsprach nicht nur dem modischen Zeitgeist, sondern war auch sehr einnehmend und charismatisch. Doch: „Er war sehr fleißig, sehr klug und irgendwie auch genial – aber er war auch ein Psychopath“, erklärt Harold Schechter, ehemaliger Professor für Amerikanische Literatur und Autor des Buchs „Depraved: The Definitive True Story of H.H. Holmes“, im Gespräch mit TRAVELBOOK.

Geschichten, dass eine Traumatisierung von Mudgett in seiner Kindheit zu seinen späteren Taten führte, hält Schechter für nicht belegt. Hingegen sei es bewiesen, dass er in seiner Studienzeit bereits eine außergewöhnlich starke Neigung zu Leichen entwickelte. Dabei nutzte er sie auch für kriminelle Machenschaften: Er schloss auf die Namen der Toten Lebensversicherungen ab und kassierte anschließend das Geld.

Herman Webster Mudgett wird zu H.H.Holmes

Mudgett schließt trotz seiner verwerflichen Nebentätigkeit die Uni ab, arbeitet aber nie als Arzt, sondern als Apotheker. Zunächst praktiziert er in Philadelphia, nach einem Zwischenfall, bei dem ein Kind nach von ihm verschriebenen Medikament verstirbt, flüchtet er aber nach Chicago. Er lebt dann eine Zeit lang in Philadelphia, aber dort stirbt ein Kind, nachdem es Medikamente von ihm bekommen hat. Im August 1886 kommt er in Chicago an und ändert seinen Namen nun in H.H. Holmes.

In Chicago arbeitet er wieder als Apotheker, diesmal in einem Drugstore von Elizabeth Holton, der Frau eines anderen Studenten seiner Alma Mater, der Michigan University. Später übernimmt Holmes besagten Drugstore – scheinbar auf legale Weise, denn entgegen vieler Berichte wurden weder Holton noch ihr Mann von Holmes ermordet. Wahr ist jedoch, dass Holmes in direkter Nachbarschaft des Drug Stores ein großes Grundstück erwarb und im Jahr 1887, ein Jahr nach seiner Ankunft in Chicago, mit dem Bau eines zweistöckigen Gebäudes mit knapp 60 Zimmern begann.

Die Legende vom Mord-Hotel und hunderten Opfern

Das berüchtige „Castle“ von H.H. Holmes in der W. 63. Street in Chicago
Das berüchtige „Castle“ von H.H. Holmes in der W. 63. Street in Chicago, das als Mord-Hotel in die Geschichte eingingFoto: Getty Images

Der Bau dauerte es allerdings. Denn Holmes wechselte oft Handwerker und Bauherren. Während einige Quellen als Ursache vor allem Geldnot vermuten, meinen andere, dass er schlicht die Bauweise des Hauses habe verschleiern wollen. Denn angeblich baute Holmes eine wahre Folter-Burg.

So wird berichtet, es habe diverse Treppen gegeben, die ins Nichts führten. Mehrere Zimmer hätten keine Fenster gehabt. Im Keller habe Holmes auf einer Folterbank Gäste und Besucher zu Tode gequält. Außerdem habe es einen luft- und schalldichten Raum gegeben, in den über eine Düse Gas geleitet werden konnte und der ein geheimes Guckloch hatte. Ein anderer Raum sei mit Eisenplatten verkleidet gewesen, sodass Menschen darin lebendig verbrannt werden konnten. Und ein weiteres Zimmer habe man nur über eine Falltür in der Decke erreichen können – sodass die Opfer dort verdursten und verhungern mussten.

Den Berichten nach wurde das Mord-Treiben in dem Haus noch schlimmer, als im Jahr 1893 die Weltausstellung in Chicago stattfand. Als kulturelles Highlight zog sie Menschen aus den USA und aus der Welt an. An einem Tag, der als Chicago Day in die Geschichte einging, wurde mit Besucherzahlen von mehr als 751.000 Menschen sogar der damalige Weltrekord für das größte Outdoor-Event geknackt. Und unter all diesen Menschen soll Holmes auf seine Opfer gelauert haben. Denn sein Plan sei es gewesen, ein „Mord-Hotel“ zu errichten. Während er die oberen Etagen als Wohnungen vermietete, sollten im unteren Teil Hotelzimmer entstehen, in denen Holmes dann junge alleinstehende Frauen unterbringen und schlussendlich ermorden wollte. Mehrere Berichte sprechen davon, dass Holmes zu dieser Zeit Hunderte Morde begangen haben soll. Doch stimmt das?

Ein Hotel, in dem zahlreiche Mordfälle passieren? Das gibt es auch in Los Angeles. Hier finden Sie die Story zum Cecil Hotel, Hollywoods Horror-Hotel Nr.1

Was wirklich geschah

„Sicher gab es komische Dinge in Holmes Gebäude, denn er hat es selbst gebaut und er war kein Architekt. Es kann gut sein, dass es dort Treppen gab, die ins Nichts geführt haben. Aber die Zeitungen damals haben die meisten dieser unglaublichen Geschichten einfach erfunden“, weiß Harold Schechter. So gebe es etwa keine Beweise, dass Holmes Hunderte Besucher seines „Mord-Hotels“ wirklich umgebracht habe. „Das wären Hunderte Menschen gewesen, die einfach verschwunden wären – Familie oder Freunde hätten das ja bemerkt und Alarm geschlagen. Aber es gibt keine Beweise dafür“, erklärt Schechter.

Die Falschinformationen führt er zum einen auf wenig wissenschaftliche Bücher wie den halb-fiktionalen Roman „The Devil in the White City“ von Erik Larson, für den Leonardo Di Caprio die Filmrechte gekauft hat, zurück. Zum anderen aber vor allem auf Übertreibungen der damaligen Klatschmedien, der sogenannten „Yellow Press“, die Holmes nach seiner Verhaftung für immer blutigere Berichte bezahlt haben soll, so Schechter.

H.H.Holmes wird gefasst

Holmes bringt vielleicht nicht Hunderte Frauen während der Weltausstellung in seinem Hotel um, ein Mörder ist er dennoch. Nachdem Holmes die reiche Eisenbahnerin Minnie Williams und ihre Schwester sowie seine Geliebte Julia Smythe und deren Tochter umbringt und er seinen Gläubigern immer mehr Geld schuldet, flüchtet er aus Chicago. Mutmaßlich aus Geldnot ermordet er schließlich seinen einstigen Komplizen Benjamin Pitezel, auf dessen Namen er eine Lebensversicherung abschließt, und dessen drei Kinder. Doch schon kurz nach der grausamen Tat wird Holmes verhaftet.

Im Gefängnis gesteht er dann zwar 27 Morde. Aber: „Die Presse bezahlte ihn für jeden gestandenen Mord. Und bei vielen Menschen, von denen er sagte, er habe sie umgebracht, stellte sich dann heraus, dass sie noch am Leben waren“, berichtet Schechter. Für die Morde an Pitezel und seinen Kindern wird Holmes dennoch verurteilt und am 7. Mai 1896 erhängt.

Die Legende lebt weiter – war H.H.Holmes Jack the Ripper?

Doch selbst nach Holmes Tod lebte die blutige Legende rund um seine Person weiter. So gab es die Theorie, dass Holmes, der zur Zeit seiner Mordserie auch nach London gereist war, auch der Serienmörder Jack the Ripper sei. In der TV-Serie „American Ripper“ ging man in sechs Episoden dieser Frage auf den Grund und exhumierte sogar die 100 Jahre alte Leiche von Holmes – um festzustellen, dass er zum Zeitpunkt der letzten Morde von Jack the Ripper bereits tot war. Zudem wiesen die Morde von Holmes und Jack the Ripper auch unterschiedliche Handschriften auf, deutliche Parallelen sind nicht zu erkennen.

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Serienmörder gibt es auch in Deutschland – hier finden Sie Infos zum spektakulären Fall der „Bestie von Beelitz

Dennoch bleiben H.H. Holmes und seine Mord-Burg ein Fall, der noch heute Menschen weltweit fasziniert. Nur besuchen kann man sein berüchtigtes Murder Castle nicht mehr. Nur drei Jahre nach Holmes Festnahme brannte es auf ungeklärte Weise ab. Heute steht dort nun eine Bank. Und so bleibt es für immer ungewiss, was wirklich in dem Gebäude passiert ist – und was nur Fiktion war.

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