Indien

Zu Besuch im bizarren Gesellschafts-Experiment Auroville

Auroville Indien
Das Matrimandir ist der Mittelpunkt Aurovilles. Die Meditations-Kugel sehen viele Besucher des Stadt-gewordenen Gesellschafts-Experiments nur aus der Ferne
Foto: Anna Wengel

Auroville wurde einst als Experiment einer idealen Gemeinschaft gegründet. Die alternative Stadt im indischen Süden gibt es heute noch. TRAVELBOOK-Autorin Anna Wengel hat sie besucht.

Irgendwie absurd glitzert der riesige Goldball vor uns in der Sonne. Passt nicht rein in diesen feinsäuberlich gestutzten Garten, der seinerseits nicht ins schmutzige, laute, chaotische Indien zu gehören scheint. Will er auch gar nicht. Auroville und seine goldene Mitte Matrimandir sind anders. Universell. Autark. Ein Ort des Friedens und gleichzeitig ein Experiment.

Der Ort scheint eine gute Marketingabteilung zu haben, hörten doch meine Indien-Reisegefährten und ich immer wieder von diesem Paradies-Test, bei dem Leute von überall auf der Welt in einer selbstverwalteten, funktionierenden Hippie-Gemeinschaft zusammenleben sollen. Das klang gut. Also mussten wir da hin. Von Puducherry fahren wir eine knappe halbe Stunde mit dem Motorrad nach Auroville. Wie alle anderen Touristen, die hier busweise angekarrt werden, steuern wir nach der inforeichen Einführung in der Eingangshalle zuerst die riesige Meditationskugel an – und stehen vor einem Zaun. Der trennt das Fußvolk auf der roten Erde von den Auserwählten, die tatsächlich im Innern des Goldballs meditieren dürfen.

Es gibt anscheinend Möglichkeiten, auch als nicht Aurovilianer in das fast geräuschlose Innere der heiligen Hallen zu gelangen. Dafür braucht man Glück oder unter Umständen tageweise Zeit. Die haben wir an dieser Stelle leider nicht. So bestaunen wir das riesige goldene Konstrukt aus der Ferne, während Touristenmassen die immer gleichen Selfies schießen.

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Das passiert in Auroville

Mit horrorfilmähnlichen Hirngespinsten, die erklären, wieso wir nicht ins Zentrum der allen gehörenden Stadt treten dürfen, ziehen wir etwas enttäuscht von dannen – und erkunden Auroville. Der Ort im Süden Indiens versteht sich selbst als „universelle Gemeinde, die für eine Bevölkerung von bis zu 50.000 Menschen entsteht.“ So oder so ähnlich die Kurz-Erklärung auf www.auroville.org. Von den geplanten 50.000 Menschen leben hier aktuell knapp 2.200 aus 56 Nationen (Stand: Mai 2018) im Alter zwischen 98 und unter einem Jahr. Ein Drittel von ihnen Inder, der große Rest kommt aus Frankreich, Deutschland und Italien. Der kleinere Rest aus vielen anderen Teilen der Welt.

Sie alle sind dem Ruf von Auroville-Gründerin Mira Alfassa (†95), bekannt als „die Mutter“, gefolgt. Bereits in den 1930er Jahren träumte die Pariserin von einer idealen Gesellschaft, die sich dem Experiment menschlicher Einheit widmet, wie auf der Auroville-Seite erklärt wird. Mehr als 30 Jahre später wurde ihre Vision Wirklichkeit. In ihrer ersten öffentlichen Mitteilung im Jahr 1965 erklärte die Auroville-Gründerin: „Auroville möchte eine universelle Stadt sein, in der Männer und Frauen aller Länder in Frieden und fortschrittlicher Harmonie leben können, unabhängig von allen Glaubensbekenntnissen, aller Politik und allen Nationalitäten. Der Zweck von Auroville ist es, menschliche Einheit zu verwirklichen.“ In der englischen Version zu lesen auf einer von zahlreichen Infotafeln in der Eingangshalle. 1968 wurde Auroville mit Unterstützung von der UNESCO und der indischen Regierung und in Anwesenheit von Vertretern aus 124 Ländern offiziell eröffnet.

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Mehr als nur kiffende Hippies

Die Parallelgesellschaft scheint bis heute einigermaßen zu gelingen. Sie existiert nicht nur 50 Jahre später noch immer, sondern präsentiert sich auch als funktionierende Stadt mit allem, was die wenigen hier wohnenden Menschen zum Leben brauchen. Schulen, Geschäfte, Theater, Cafés – nichts scheint zu fehlen in der sogenannten „Stadt der Morgenröte“.

Klingt das Konzept der friedlichen freien Stadt nach einer Handvoll Hippies, die Joints rauchend irgendwo im Busch chillen, mag manch einer ehrlich überrascht sein, wie Auroville in der Realität aussieht. Das Gesellschaftsexperiment ist zwangloser und um ein paar Scheuklappen ärmer als die westliche Gesellschaft, gleichzeitig aber auch nicht soweit von ihr entfernt, dass es in träumerische Irrationalitäten abrutscht. Erwachsene arbeiten, Kinder gehen in die Schule – aber je nach Talent, Wunsch und Interesse und weniger nach regelkonformen Ablaufplänen.

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Geld gibt es auch, aber nicht gestaffelt nach Arbeitsart, sondern als eine Art Grundeinkommen aus dem städtischen Fond, dem maintenance. Das Geld selbst kommt von der indischen Regierung und NGO’s, aus Tourismuseinnahmen und Spenden. Manche Aurovilianer erhalten auch finanzielle Unterstützung von Familie und Freunden oder bringen eigene finanzielle Mittel in die Gemeinde.

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Die Gemeinschaft entscheidet, wer einziehen darf

Die funktioniert demokratisch. Einen Auroville-Anführer gibt es nicht, dafür diverse Arbeitsgruppen und zahlreiche Diskussionen, die am Ende zu Entscheidungen führen. So wird zum Beispiel auch entschieden, ob ein Möchtegern-Aurovilianer zur Gemeinschaft passt und diese ihm den Umzug in das Ideale-Welt-Experiment erlaubt. Hier sollen keine üblichen Unterscheidungsmerkmale, die andernorts für Diskriminierung sorgen, eine Rolle spielen. Vielmehr sind es die innere Einstellung und das Verhalten in der Gemeinschaft, die entscheidend sind. Moralisten und Egomanen haben hier nichts verloren. Sinnsuchende und offenherzige Weltbürger sind das Klientel. Schaden tut es auch nicht, wenn man an die Lehren von Mira Alfassas spirituellem Partner und Auroville-Namensgeber Sri Aurobindo (†78) glaubt und sich dem göttlichen Bewusstsein verpflichtet.

In Sachen Gesetz unterliegen Auroville und damit all seine Bewohner dem indischen Recht, da sich die Stadt auf indischem Staatsgebiet befindet. So sind etwa Drogen auf dem Gelände verboten. Auch Alkohol wird nicht gern gesehen und in Auroville selbst nicht verkauft. Fast alles, das verkauft und genutzt wird, ist irgendwie organisch oder zumindest eco-friendly. Recycling, Second-Hand und Co. sind Standard.

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Toter Ruheort im indischen Chaos

Wir sehen von dem Innenleben der Gemeinschaft wenig, während wir durch die Straßen rund um das Matrimandir fahren. Auroville scheint ausgestorben. Hier und da versteckt sich ein einsames Haus zwischen den Bäumen und Büschen. Jedes einzelne weckt in uns das Gefühl, hier nicht so wirklich willkommen zu sein. Kaum ein Mensch begegnet uns. Zwei kleine Jungs, die sich jauchzend auf unserem Motorrad bis zur nächsten Straße mitnehmen lassen, sind der einzige richtige Bewohnerkontakt an diesem Tag.

Kaum raus aus Auroville, trifft uns wie aus dem Nichts die Geräuschkeule. Wir sind zurück in Indien. Im charmanten indischen Chaos, umgeben von hupenden Blechkarawanen. Im Verkehrschaos zurück nach Puducherry ist die friedliche Ruhe der Auroville’schen Parallelwelt schnell wieder vergessen.

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