3. April 2026, 14:48 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In der niedersächsischen Studentenstadt Göttingen hat sich ein altes Gefängnis zu einer der größten Touristenattraktionen entwickelt. Der sogenannte Studentenkarzer der Georg-August-Universität war fast 200 Jahre lang in Benutzung und hatte so manchen heute prominenten Insassen. Heute kann man die Räumlichkeiten bei einer Stadtführung besichtigen.
Eine hölzerne Pritsche, eine Sitzbank, ein Tisch, ein Abort und ein kleines Fenster – wer diesen Raum an der Göttinger Georg-August-Universität betritt, befindet sich an einem der ungewöhnlichsten Orte der niedersächsischen Stadt. Und einem der geschichtsträchtigsten, denn hier befand sich fast 200 Jahre lang ein ganz besonderes Gefängnis. Eingesperrt wurden keine Schwerverbrecher, sondern so manche an dem Institut eingeschriebene Person. Der sogenannte Studentenkarzer war ein Ort, an dem man für Vergehen büßte, die gegen die Vorschriften der Uni verstießen. Die zunächst gefürchtete Bestrafung entwickelte sich aber irgendwann zu einer Art Auszeichnung. Und die „genoss“ sogar eine der prägendsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte.
Doch der Reihe nach: Im Jahr 1735 entschließt sich die Göttinger Georg-August-Universität laut ihrer offiziellen Website zu einem drastischen Schritt. Um zu verhindern, dass außeruniversitäre studentische Umtriebe überhandnehmen, richtet man ein instituteigenes Gefängnis ein. Dort soll fortan jeder einsitzen müssen, der gegen allgemeingültige Moralvorstellungen verstößt. Zu den im Studentenkarzer zu verbüßenden Delikten gehören unter anderem Trunkenheit, die Beteiligung an (ohnehin verbotenen) Duellen sowie öffentliches Urinieren. Je nach Schwere des Vergehens kann die Universitätsleitung dank eigener Rechtsprechung ein Strafmaß festlegen. Dieses reicht von kleineren Geldbußen bis hin zu zwei Wochen Karzerhaft.
Erst Gefängnis, dann Kult-Ort
Besonders schwere Verstöße konnten auch zu einer Nichtanrechnung des Semesters oder gar zu einem Ausschluss vom Studium führen. Möglich war dies durch die sogenannten Universitätsgerichte, ein damaliges Privileg zahlreicher deutscher Hochschulen. Während des fast 200-jährigen Bestehens des skurrilen Gefängnisses verhängten die Universitätsrichter insgesamt etwa 34.500 Tage Haft im Studentenkarzer. Es darf angenommen werden, dass die Haftbedingungen zunächst alles andere als angenehm waren. Erst zu späterer Zeit wurden sie liberaler, durften hier Eingesperrte sich zum Beispiel Essen aus der Stadt auf ihr „Zimmer“ kommen lassen. Sie verewigten sich mit Sprüchen und Schmähgedichten an den Wänden des Mini-Knasts. Laut der Zeitung „Hessisch/Niedersächsische Allgemeine“ taufte ein Insasse die Örtlichkeit sogar im Stile eines Hotels „Haus der akademischen Freiheit“.
So gehörte es der Uni-Website zufolge irgendwann fast schon zum guten Ton, während der Lehrzeit ein paar Tage im Studentenkarzer abgesessen zu haben. Der Karzerhaftzettel wurde zu einem beliebten Erinnerungsstück. Als die einstige Strafe endgültig ihre abschreckende Wirkung verloren hatte, schloss man das ungewöhnliche Gefängnis 1933 nach fast 200-jährigem Bestehen für immer. In seiner Zeit hatte es allerdings einiges an „Prominenz“ gesehen, was die Insassen hier betraf. Der wohl berühmteste war eine der prägendsten deutschen Persönlichkeiten überhaupt, bis heute vielleicht der auch international bekannteste deutsche Politiker. Die Rede ist vom späteren Reichskanzler Otto von Bismarck.
Der berühmteste Insasse
Er kam 1832 als Student des Rechts an die Georg-August-Universität zu Göttingen und machte sich wohl recht bald einen Ruf als Unruhestifter. So ist verbürgt, dass er während seiner nur drei Semester hier insgesamt 18 Tage im Studentenkarzer einsaß. Das erste Mal bestrafte man ihn, weil er eine Flasche aus einem Fenster geworfen hatte. Insgesamt stand er stolze neun Mal vor dem Universitätsgericht, auch wegen der Beteiligung an Duellen und öffentlichem Rauchen. Sein Wechsel nach Berlin erfolgte demnach wohl auch nicht ganz freiwillig. Seine Strafe verbüßte er im längst abgerissenen Konzilienhaus. Die noch heute zu besichtigenden Karzerräume entstanden erst ab 1835.
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1914 wurde der Göttinger Studentenkarzer dann aber auf ungewöhnliche Weise umfunktioniert. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, fand sich der kanadische Austauschstudent Winthrop P. Bell plötzlich als „feindlicher Ausländer“ in einer misslichen Lage. Um die Verhaftung durch die offizielle Polizei zu umgehen, nahm die Universität den jungen Mann in ihren Karzerräumen in Schutzhaft. Nach einigen Wochen reiste er in ein Internierungslager nach Berlin weiter, von wo aus er schließlich in seine Heimat zurückkehren konnte. Insgesamt gab es in der Zeit, während der Uni-Knast in Betrieb war, 24.500 Straf- und Disziplinarmaßnahmen. 2007 konnte man die Räume dank großzügiger Spenden restaurieren. Heute zählen sie zu den größten Touristenattraktionen in Göttingen.
Wer möchte, kann sich über die offizielle Seite der Stadt einen Platz bei einer Stadtführung sichern. Diese führt auch zum einst berüchtigten Studentenkarzer. Die alten „Wandmalereien“ der einstigen Insassen sind erstaunlich gut erhalten. Eine Mitarbeiterin des Göttinger Stadtmarketings sagt auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Die Tour dauert 45 Minuten, während der man die alten Zellen und die Aula der Universität sieht. Sie ist definitiv sehr gefragt. Wenn bei uns eine Führung gebucht wird, dann fragen die Leute eigentlich immer als Erstes nach dem Karzer. Für viele ist er auch der Grund, überhaupt eine Tour mit uns zu buchen. Damit ist der Ort natürlich zu einem Aushängeschild der Stadt geworden.“