22. März 2026, 6:59 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Am Marktplatz der rheinland-pfälzischen Stadt Bernkastel-Kues steht seit mehr als 600 Jahren Deutschlands vielleicht skurrilstes Gebäude. In einer engen Gasse drängt sich das sogenannte Spitzhäuschen in die Höhe. Auf Bildern erinnert es an ein anderes ikonisches Bauwerk: den Schiefen Turm von Pisa – denn tatsächlich befindet es sich in einer abenteuerlichen Schräglage. Ein Touristenmagnet ist es nicht zuletzt deshalb, weil hier einst der berühmteste Zauberlehrling der Filmgeschichte vorbeischaute.
Der touristischen Website „Mosel“ zufolge wurde das Spitzhäuschen bereits im Jahr 1416 erbaut. Damit gilt es als ältestes Fachwerkhaus der gesamten Mittelmosel-Region. Der Grund für seine einzigartige Architektur könnte Geiz gewesen sein. Demnach musste man eine Grundsteuer nur für die tatsächlich bebaute Fläche bezahlen. Und so entschieden sich die Bauherren womöglich eben, das Gebäude in die Höhe statt in die Breite zu errichten. Eine andere naheliegende Erklärung wäre, dass die Karlstraße, in Wirklichkeit eine ziemlich enge Gasse, für einen normalen Häuserbau zu eng gewesen sei. Hätte man das Spitzhäuschen errichtet wie die umliegenden Bauwerke, hätten Karren die Gasse nicht mehr passieren können.
Ein Stück Hollywood-Geschichte
Was nun auch immer stimmt, das Spitzhäuschen ist auf jeden Fall ein Hingucker in der Altstadt von Bernkastel-Kues. Auch wegen seiner abenteuerlichen Schieflage. Diese rührt von dem weichen Baugrund her, auf dem das Gebäude steht. Im Laufe der Jahre und Jahrhunderte senkte sich dieser ab, sodass das Haus wohl einen immer schrägeren Neigungswinkel bekam. Erst seit 1913 erstrahlt es übrigens in seinem heutigen Glanz. Damals wurde es renoviert und dabei das schöne Fachwerk freigelegt, das heute die Fassade ziert. Wegen Brandgefahr war dieses zuvor verputzt. Das Gebäude und sein Aussehen stehen historisch für den Übergang der (Bau-)Epochen der Renaissance zum Barock.
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Die Bauweise deutet außerdem darauf hin, dass es sich bei dem Spitzhäuschen um eine ehemalige Winzerresidenz handelt. Auch heute spielt dieses Thema vor Ort eine Hauptrolle, denn seit 1970 betreibt die Familie Schmitz-Herges im Erdgeschoss eine Weinstube. Gäste haben eine Auswahl aus mehr als 50 verschiedenen Sorten. Die Mosel-Region ist eines der bekanntesten und renommiertesten Weinbaugebiete der Bundesrepublik. Vor allem jüngere Touristen dürften den Ort aber auch wegen einer anderen Besonderheit aufsuchen. Hier wurde nämlich ein Stück Hollywood-Geschichte geschrieben.
Bernkastel-Kues und Harry Potter
Der offiziellen Tourismus-Website der Stadt Bernkastel-Kues zufolge war das Spitzhäuschen Schauplatz im ersten Teil des Fantasy-Films „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“. In der Szene, die in dem Mosel-Ort spielt, dringt Harry in Lord Voldemorts Gedanken ein und reist zu der Unterkunft von Zauberstabmacher Mykew Gregorowitsch in die Winkelgasse. Und diese ist tatsächlich in den Gedanken vieler Filmfans verewigt durch das schiefe Haus in der Karlstraße. Mit Rothenburg ob der Tauber war übrigens auch noch eine andere bei Touristen überaus beliebte deutsche Stadt ein Drehort für die Filme um den weltberühmten Zauberlehrling.
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Skurril: Laut verschiedener Quellen wie dem „Tagesspiegel“ tauche Bernkastel-Kues aber nicht in den offiziellen Film-Credits aus „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ auf. Auch eine offizielle Bestätigung des Filmstudios Warner Bros. gäbe es bislang nicht. Zudem sei das entsprechende Gebäude, mutmaßlich das Spitzhäuschen, im Film gerade einmal eine Sekunde lang zu sehen, und das auch noch unscharf. Film-Nerds wollen aber sicher erkannt haben, dass es sich bei dem Zauberer-Haus um das eigenwillige Gebäude handele. Eine Mitarbeiterin der hiesigen Touristeninformation bringt auf TRAVELBOOK-Anfrage Licht in die Angelegenheit: „Es ist definitiv unser Spitzhäuschen, aber in dem Film haben sie einfach ein Foto davon verwendet. Das ist nicht unüblich. Es ist kein Team für Dreharbeiten angereist.“
Trotzdem habe die Hollywood-Adelung natürlich einige Aufmerksamkeit erzeugt. „Auf unseren Stadtführungen erwähnen wir das mitunter auch als Zusatzinfo. Es kommen jetzt vermutlich aber keine Touristen extra nur deswegen hierher.“ Im Übrigen sei die komplette Altstadt von Bernkastel-Kues sehenswert. Genauso wie die Burgruine Landshut, von der aus man einen tollen Blick über die Altstadt, die Weinberge und die Mosel habe. Der Ort ist auch eine Etappe auf dem Fernwanderweg „Moselsteig“, der über 365 Kilometer von Perl nach Koblenz verläuft. Zudem gäbe es mehrere davon abgehende Rundwanderweg in der Region, charmant „Seitensprünge“ benannt. Auch der neu gestaltete örtliche Kurpark sei einen Besuch wert.